Marokkanische Jugendliche zwischen Rock und Gnawa

Der Ruf nach Wandel

Viele junge Marokkaner haben das Gefühl, dass die Mainstream-Medien des Landes ihnen nur einen sehr beschränkten Begriff von dessen musikalischer Kultur vermitteln. Doch je rascher die Entwicklung des Internets voranschreitet, desto leichter wird Musik aus allen Teilen der Welt zugänglich. Layla Al-Zubaidi berichtet.

Hobo Hoba Spirit; Foto: www.hobahobaspirit.com
Gehört in Marokko mittlerweile zu den bekannten Bands: Hoba Hoba Spirit

​​Mit frenetischem Jubel fordern 20.000 junge Marokkaner von der Band auf der Bühne, ihre Lieblingssongs zu spielen. Der Boulevard de Jeunes Musiciens, der jedes Jahr im Juni in Casablanca stattfindet, bietet eine breite Palette unterschiedlicher Musikgenres: Hip-Hop, Heavy Metal und Fusion.

Ursprünglich von einer kleinen Gruppe gegründet mit dem Ziel, in Marokko eine alternative Musikszene zu etablieren, hat sich das Festival mittlerweile zur wichtigsten Plattform für die lokalen Bands entwickelt. Der Hype, den es hervorbrachte, ebnete den Weg für inzwischen recht bekannte Bands: Darga, Hoba Hoba Spirit, H-Kayne, Barry, Total Eclypse, Aba'Raz, Fnaïre und Haoussa.

Marokkos junge Musiker sehen kein Problem darin, all diese Genres mit den lokalen Musiktraditionen zu verbinden. Stile wie Chaâbi oder Gnawa also, das von den Nachfahren der früheren Sklaven aus Subsahara-Afrika stammt. Der Begriff "Verwestlichung", der so häufig den Diskurs über den Einfluss der Globalisierung auf die arabische Welt prägt, scheint hier Lichtjahre entfernt zu sein.

"Wie sollen wir diese neuen Strömungen nennen? Urban? Alternativ? Contemporary? Amplified? Western?" fragt Amine Hamma, der zu den Pionieren der neuen Musikszene gehört. Einige nennen sie 'marokkanische westliche Musik', andere gehen es umgekehrt an und sagen 'Raï-Hop', 'Metal-Gnawa' oder 'Elektro-Chaâbi'.

Für die Musik ins Gefängnis

Ohne jede Political Correctness stellt er fest, dass die Basis für all diese Musikrichtungen der freie Austausch und die kulturelle Melange ist. Doch er bemerkt auch, dass man es sich, da die Musik noch immer kaum verstanden wird, zu leicht macht, sie allzu schnell als musikalischen Ausdruck einer 'marginalisierten Jugend' abzutun, die die Welt der Erwachsenen herausfordert.

Fehlendes Verständnis gegenüber der Jugend und ihrer Musik spielte wohl auch 2003 eine Rolle, als 14 Heavy-Metal-Musiker und Fans für bis zu ein Jahr ins Gefängnis mussten, weil ihre Musik "den muslimischen Glauben und die Moral unterminiere”.

Die Urteile brachten marokkanische Menschenrechtsaktivisten zu Solidaritätsdemonstrationen auf die Straße.

Heute aber finden Heavy-Metal-Konzerte fast im Wochenrhythmus statt, sagt Amine Charif, ein 19-jähriger Musikfan. Er erinnert sich an das Jahr 2005, als die deutsche Band Kreator Songs von ihrem Album 'Enemy of God' spielte. "So etwas hatte es in einem islamischen Land noch nie zuvor gegeben."

Woher kommt die große Anziehungskraft, die Heavy Metal auf so viele junge Marokkaner ausübt? Amine meint dazu, dass es in erster Linie die Musik selbst sei, eher jedenfalls als der Wunsch, gegen die Gesellschaft aufzubegehren oder anders zu sein.

Zugang zu internationaler Musik

Die ganze junge Generation habe sich für das landesweit ausgestrahlte Fernseh- und Radioprogramm niemals wirklich interessiert, fügt er hinzu, mit seinen Schlagern nach ägyptischen Vorbildern und traditionellen andalusischen Liedern:

"Es war fast wie eine Diktatur des Erwachsenen-Mainstreams. In den letzten beiden Jahrzehnten aber wurde internationale Musik für uns viel leichter zugänglich. Die jungen Menschen nutzen die neuen Medien, um endlich Musik nach ihrem Geschmack zu hören.”

Viele der neuen Bands singen im marokkanischen Dialekt und mischen ihn mit Französisch und Englisch. "Zunächst mal wollen wir die Millionen von Menschen in unserem eigenen Land erreichen, bevor wir uns in der arabischen Welt Gehör verschaffen”, sagt Réda Allali, Mitglied der Band Hoba Hoba Spirit aus Casablanca.

"Menschen, die das Hocharabische nicht beherrschen, fühlen sich noch immer minderwertig, und diesen Komplex wollen wir ihnen nehmen. Letzten Endes ist es alles eine Frage der Identität.”

Marokko steht unter großem Einfluss aus dem Nahen Osten, in die andere Richtung findet dieser kulturelle Transfer jedoch kaum statt. Die Art und Weise, wie Länder des Nahen Ostens für ihre Kultur werben, scheint auch nicht gerade zur Entspannung des beiderseitigen Verhältnisses beizutragen.

Marginalisierung der Musiker

Amine Charif glaubt, dass die Veränderungen der musikalischen Vorlieben auch die Brüche in der pan-arabischen Vorstellungswelt reflektieren. Zwar fänden sich noch immer viele junge Menschen, die die romantische Musik aus dem Nahen Osten und die dazugehörigen Videoclips mögen, die allermeisten aber könnten damit schlicht nichts anfangen.

"Arabische Musik wird uns als die Musik unserer arabischen Brüder angepriesen und als die einer einzigen großen arabischen Nation, doch verglichen mit der westlichen Musik empfinden sie viele Marokkaner als antiquiert und, vom musikalischen Standpunkt aus betrachtet, als ziemlich armselig.

"Andere wiederum empfinden sich noch nicht einmal als richtige Araber, da sie schließlich auch berberische und afrikanische Wurzeln haben. Schon deshalb fällt es ihnen leichter, sich westliche Lebensgewohnheiten und eben auch den westlichen Musikgeschmack zu eigen zu machen.”

Abgesehen von vereinzelten Zensurfällen wie im Jahr 2003 ist es vor allem die Marginalisierung, unter der die Musiker leiden. Die Musikindustrie geht keine Risiken ein. Neben den Konzerten spielt deshalb auch das Internet eine immer größere Rolle für die Verbreitung und Förderung marokkanischer Musiktalente.

Nach den herrschenden kulturellen Normen sind Rock und Metal nur eines: fremd. "Nach dem 11. September litten wir an einer regelrechten Phobie gegen alles Westliche”, meint der junge Musiker Réda Zine. "Jetzt gilt es, die jungen Musiker bei dem zu unterstützen, was sie am besten können: Musik machen und nach Veränderungen rufen.”

Layla Al-Zubaidi

Aus dem Englischen von Daniel Kiecol

© Qantara.de 2006

Qantara.de

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