Filmplakat "Invisible"; Quelle: YouTube screenshot
Marianna Kakaounakis Film "Invisible“

Unsichtbar: Türkische Flüchtlinge in Griechenland

Türkische Flüchtlinge sind in Griechenland weitgehend unsichtbar. In ihrem Filmdebüt "Invisible“ porträtiert die griechische Journalistin und Filmemacherin Marianna Kakaounakis das Schicksal türkischer Anhänger des Predigers Fethullah Gülen, die nach dem Putschversuch gegen Erdogan 2016 ihr Land verlassen mussten. René Wildangel hat den Film auf dem Filmfestival in Thessaloniki für Qantara.de gesehen.

Griechenland steht seit 2015 im Zentrum der so genannten "Flüchtlingskrise“ – die in Wirklichkeit immer eine Krise von Millionen Menschen war, die vor der ausufernden Gewalt in Syrien, Irak, Afghanistan und weiteren Ländern geflohen sind. In Griechenland reagierten Viele mit Solidarität und Empathie auf die Ankunft der Menschen, die meist den lebensgefährlichen Seeweg von der Türkei auf sich genommen hatten. Aber unter Druck der EU folgte bald eine andere staatliche Politik mit Abriegelung von Grenzen, gewaltsamen Ausweisungen (den sog. Pushbacks) und dem Aufbau berüchtigter Lager wie Moria, die längst zum Symbol einer gescheiterten europäischen Flüchtlingspolitik geworden sind.

In ihrem Erstlingsfilm "Invisible“, der auf dem Dokumentarfilm-Festival in Thessaloniki der griechischen Öffentlichkeit präsentiert wurde, portraitiert Marianna Kakaounaki aber eine ganz andere Gruppe von Flüchtlingen, die nur noch selten im Zentrum der Aufmerksamkeit steht: Türkische Anhänger des Predigers Fethullah Gülen, die nach dem Putschversuch gegen Erdogan 2016 ihr Land verlassen mussten und in Griechenland weitgehend unsichtbar bleiben.

Marianna Kakaounaki hat als Journalistin der griechischen Zeitung Ekatherini umfangreich zu ihrer Situation recherchiert. Dabei hatte sie nicht den Anspruch, einen Film über die äußerst komplexen Hintergründe der Gülen-Bewegung, ihre Verstrickung in den Coup oder die Verfolgung jedweder Oppositionellen in der Türkei unter dem Vorwand einer Nähe zu Gülen-Bewegung zu machen.

Tragische Schicksale

Kakaounaki porträtiert stattdessen zwei Einzelschicksale und deren ganz persönliche Geschichten: Da ist einerseits Ahmat, der als einer der ersten türkischen Flüchtlinge nach Athen gekommen ist. Ahmat war in der Türkei Notarzt, bis er seinen Job aufgrund der Terrorismusvorwürfe verlor. Er fühlt sich trotz seiner erzwungenen Flucht wohl in Athen, lernt Griechisch, will sich integrieren und eine neue Existenz aufbauen.

Die zweite Familie, die der Film portraitiert, kann daran nicht im Entferntesten denken. Gonca und Ebubekir Kara wurden ebenfalls aufgrund ihrer Nähe zur Gülen-Bewegung verfolgt, Gonca war während der Schwangerschaft mit ihrem jüngsten Sohn mehrere Monate in Haft. Sie haben die gefährliche Reise über das Wasser angetreten, mit katastrophalen Folgen. Was genau passiert ist, ahnt man zwar als Zuschauer, es wird aber in vollem Umfang erst im Laufe des Films klar.

 

"Diese Menschen wollten überhaupt nicht, dass ich über ihr Schicksal schreibe, geschweige denn einen Film mache“, sagt Kakaounaki im Gespräch mit Qantara in Thessaloniki. "Daher hatte ich umso mehr das Gefühl, dass ich diese Geschichten erzählen muss.“ Zunächst als Journalistin, dann als Filmemacherin. Anhand der Portraits ihrer Protagonisten hat Kakaounaki einen Film über mehrere Themen gemacht: Sie selbst sieht den „Verlust eines ganzen Lebens, den Verlust von Freiheit“ im Zentrum des Films.

Im Fall der Türkei sei dies besonders schlimm. "Denn diese Flüchtlinge fliehen nicht aus einem Land im Krieg, im Gegenteil, zu Hause geht das Leben normal weiter, das sie selbst möglicherweise für immer verloren haben.“ Ihre Unsichtbarkeit habe zwei Seiten: In der Türkei habe Erdogan ihre Existenz vernichtet und im Exil wollten die Flüchtlinge aus Angst nicht in Erscheinung treten.

Nach dem Putschversuch in der Türkei zur Flucht gezwungen

Die Türkei erklärte die Bewegung des im US-amerikanischen Exil lebenden Predigers Fethullah Gülen nach dem Putsch von 2016 zur Terrororganisation. Dabei hat Erdogan die einst mit ihm verbündete Organisation selbst lange Zeit dabei unterstützt, ihren enormen Einfluss im türkischen Staat aufzubauen. Ahmat erklärt: "Lange haben wir Erdogan unterstützt – aber als das Verhältnis zwischen ihm und Gülen zerbrach, wurden wir mit aller Macht verfolgt.“

Hundertausende Menschen wurden in der Türkei wegen ihrer angeblichen oder tatsächlichen Zugehörigkeit oder Sympathie zu Gülen unter Terrorismusverdacht gestellt. Der Vorwurf wurde auch dazu benutzt, um Menschenrechtler wie Taner Kilic zu verfolgen, denen mit gefälschten Beweisen unterstellt wurde, mit der Gülen-Bewegung in Kontakt gewesen zu sein. Fast 80.000 Asylanträge haben Gülen-Anhänger bis Ende 2020 in der EU gestellt, so der Film im Abspann.

Einige Tausend von ihnen gingen nach Griechenland, ausgerechnet, dem Erzfeind, den eine lange Geschichte mit der Türkei verbindet. Jahrhundertelang war Griechenland Teil des Osmanischen Reiches. Bis zu einem Bevölkerungsaustausch im Jahr 1912 lebten bis zu 400.000 Muslime türkischer Herkunft in Griechenland und bis zu anderthalb Millionen Griechen in der Türkei. "Es gibt heute viele Vorurteile auf beiden Seiten“, sagt die Regisseurin.

Die Flüchtlinge, die nach Griechenland kommen, um ihre Freiheit zu finden, sind nicht frei davon. Die meisten wollen nach Europa, aber am liebsten nicht in Griechenland bleiben. Aber nach der Ankunft auf der Insel Chios entdecken Ebubekir und Gonca Kara plötzlich lauter Gemeinsamkeiten: Die Umarmung, mit der man sich hier begrüßt, ist dieselbe wie in der Türkei. Auch das Wetter, das Essen und die Musik sind sehr ähnlich.

Trotzdem will die Familie will das Land verlassen: Zu gering sind die Chancen einer Anerkennung im griechischen Asylsystem, zu gering ist die Unterstützung durch den griechischen Staat. Aber vor allem ist Griechenland für sie der Ort eines tiefen Traumas: Denn das Boot, das sie von Izmir nach Chios bringen sollte, kenterte, die meisten Reisenden konnten nicht schwimmen, genug Rettungswesten gab es nicht. Von 19 Reisenden ertranken im September 2019 sieben Menschen, darunter ihr Sohn Mustafa und ihre Tochter Gülcan.

 

Kein Aufschrei gegen eine unmenschliche Flüchtlingspolitik

Das hätte reichen müssen für einen Aufschrei, für eine Änderung der Flüchtlingspolitik, für den Schutz von Menschen – wenn, ja wenn diese Katastrophen nicht längst zu einer schockierenden Normalität geworden wären und höchstens für eine nüchterne Nachrichtenmeldung taugen, die angesichts immer neuer Katastrophen längst in Vergessenheit geraten sind. Nur in den wenigen, kurzen Momenten in denen die "Flüchtlingskrise“ ein Gesicht bekommt, wie im Falle des ertrunkenen syrischen Jungen Alan Kurdi, nimmt das unfassbare Grauen Gestalt an.

So wird auch in Kakaounakis Film das Schicksal von Gonca und Ebubekirs Kara greifbar. Aber wie kann man überhaupt in einem Film mit einem so schweren Trauma umgehen? „Die Familie befand sich zu dieser Zeit in einem reinen Überlebensmodus“, sagt die Regisseurin. Und sie selbst in einem professionellen Modus, sonst hätte sie, selbst Mutter, den Film kaum vollenden können. Gonca und Ebubekir Karas Leben in Griechenland ist eine einzige Traumabewältigung – und der Versuch, wenigstens dem überlebenden Sohn Ali Ihsan ein neues Leben in Freiheit zu ermöglichen. Noch einmal reisen sie nach Chios an den Ort des Grauens, bevor sie versuchen, Griechenland für immer zu verlassen. Das geht nur auf illegalen Wegen. Sie scheitern zunächst, erst nach sieben Versuchen schaffen sie es letztlich doch an einen neuen, sicheren Ort.

Wer hier Asyl beantragt, so ein Anwalt im Film, kann mit seinen Interviews, die über die Bewilligung der Anträge entscheiden, im Jahr 2026 oder 2027 rechnen, also frühestens in fünf Jahren. "Wir sind ein Spielball der Politik“, sagt Ahmat im Film. Denn die Beziehungen zwischen beiden Ländern waren in den letzten Jahren bereits wegen anderer Themen – vor allem dem Streit um Gasvorkommen im Mittelmeer - enorm angespannt. Prominente Fälle von Geflüchteten wie die hochrangigen türkischen Militärs, die in Griechenland im Jahr des Militärputsches Asyl beantragten, haben dazu beigetragen, die Spannungen zwischen beiden Ländern zu verschärfen.

Die Bereitschaft der griechischen Regierung, den türkischen Flüchtlingen zu helfen, ist daher gering: Viele von ihnen wurden bereits nachgewiesenermaßen und gegen geltendes internationales Recht in die Türkei zurückgeschickt, obwohl sie bereits vermeintlich sicheren Boden in Griechenland erreicht hatten.

Kakaounakis Dokumentarfilm bietet keine Antworten auf diese schwierige Situation. Aber es ist ein sehenswerter Film über universelle Fragen von Flucht, Trauma und Verlust und die aktuell vergessenen türkischen Flüchtlinge in Griechenland, für die es kaum eine Perspektive gibt: In Europa ebenso wenig wie in der Türkei. Dieser Aspekt spielt bei den europäischen Diskussionen mit der Türkei über die Flüchtlingsfrage kaum eine Rolle. Kakaounaki gelingt es zumindest, das Schicksal der vergessenen türkischen Flüchtlinge einen Film lang aus der Unsichtbarkeit herauszuholen.

René Wildangel

© Qantara.de 2021

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