Die Erzählerin ist einerseits Teil der Erzählung, andererseits nimmt sie eine allwissende und allgegenwärtige Position in Bezug auf die Erzählung und das Bewusstsein der Figuren ein, womit sie alle Regeln bricht und die mise-en-scène nach Belieben außer Kraft setzt. Die Erzählerin kümmert sich, kurz gesagt, nicht um die Regeln des Erzählens und zeigt damit deutlich, dass sie in die Welt des Romans gehört und gleichzeitig in die Welt des Lesers.

Die Erzähl-Stafette mäandert durch den Roman, und mit der Zeit können wir nicht mehr feststellen, wer die Erzählstimme ist, wer genau da schreibt und/oder liest. Ich habe oft das Gefühl, dass ich keine Frau aus Fleisch und Blut bin, sondern ein Gedanke, der einer Schriftstellerin einfiel, sagt eine von Ez-Eldins Protagonisten. Dieses Paradox des narrativen Status verwandelt die Erzählung in eine Meta-Erzählung und den Roman selbst in einen Roman über einen Roman.

Labyrinthische Romanstruktur

Sollte ich die Struktur des Romans in einer Metapher fassen, so würde ich das Bild des Unendlichkeitssymbols oder, noch besser, der Möbiusschleife wählen. Wie die Möbiusschleife repräsentiert "Shadow Specters" einen Raum, der die Orientierung erschwert, in dem der physische in den seelischen Raum übergeht und umgekehrt, in dem Erinnerungen in Träume einfließen und Träume manchmal irrtümlich für Erinnerungen gehalten werden, in dem der Erzähler zur literarischen Gestalt und die literarische Figur zu einem Gedanken wird, der dem Gehirn einer Schriftstellerin entspringt: eine Frau träumt davon, eine Rose zu sein oder eine Rose träumt davon, eine Frau zu sein. In diesem Raum existieren Wesen durch ihre eigene Negation – Schatten existiert dank des Lichts, der Kosmos dank des Chaos.

Symbolbild Licht vs. Schatten; Foto: picture-alliance
Literarisches Vexierbild: "Die ästhetische Form des Romans entsteht durch das Verhältnis von Licht und Schatten, entlang der porösen Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit, Fiktion und Fakt. Folglich gibt es keine klaren Konturen, denn die Form zieht eine gewisse Menge Licht auf sich und definiert sich selbst. So entsteht der Zugriff des Subjekts auf die Realität", schreibt Marija M. Bulatović.

Mit seiner labyrinthischen Struktur hat Shadow Specters große Ähnlichkeiten mit dem Roman Alice im Wunderland. Bei Mansoura Ez-Eldin springt der Leser jedoch nicht in einen Kaninchenbau, sondern in die Gedankenwelt der Schriftstellerin, wie in einen tiefen Brunnen, und hinter dem Spiegel wird, wie auf der anderen Seite der Wirklichkeit, die Protagonistin der Geschichte zur Autorin und die Erzählerin "verfängt" sich im Gewebe der Imagination.

Gleichzeitig ist der Roman reich an intertextuellen Bezügen, er verweist nicht nur auf Lewis Carroll und seine Alice, sondern auch auf Kafka, vor allem da, wo von Metamorphosen und wechselnde Identitäten die Rede ist. Diesen Aspekt könnte man durchaus als eigenständiges Thema abhandeln, hier möchte ich nur noch auf einen weiteren intertextuellen Bezug hinweisen, und zwar auf eine stilistische Besonderheit.

Phantasierte Ganzheit

Erkennbar ist eine Art literarischer Impressionismus à la Proust und eine phänomenologische Sicht der Welt als breites Spektrum an Farben, Klängen, Musik, Gerüchen und Geschmackseindrücken. Der bittersüße Geschmack von Schweppes, das Türkisblau des Himmels, der Duft von Zitronen oder Oleander sind nur einige der Motive, die den Strom der Erinnerungen auslösen. Wahrnehmungen und Sinneseindrücke bringen die die verlorene Zeit zurück.

Dieser literarische Impressionismus – Sinneseindrücke als konkrete Anlässe der Erinnerung – ist eine Technik, mit der Erinnerungen und vergessene Erlebnisse lebendig gemacht und durch das inzwischen gewonnene Wissen des Erinnernden transformiert werden können. Im Grunde handelt es sich um Fragmente von Erlebnissen, um Einzelteile, die gesucht werden, um die phantasierte Ganzheit zu erlangen, die Vollständigkeit des narrativen Selbst.

Abschließend möchte ich aus diesem Gewirr unterschiedlicher Stimmen ein Bild erstehen lassen: das von Ibn-Manzurs Bücher-Arche. Der mittelalterliche Lexikograph Ibn Manzur verglich das Wörterbuch, das er verfasst hatte, mit der Arche Noah. Ihm schwebte ein Bücherschiff vor, das die Wogen durchschneidet, durch kollidierende, aneinanderstoßende Worte hindurch, wo Bedeutungen sich mischen und wieder auseinanderstreben, um neuen Platz zu schaffen – oder aber ein Bücherschiff, in dem sich Figuren und Leser verlieren, Wörter verschlungen werden und auf dem Wasser treiben wie Leichen, nachdem sie ihre Bedeutung verloren haben.

Marija M. Bulatović

© Qantara.de 2020

Übersetzt aus dem Englischen von Maja Ueberle-Pfaff

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