Mansoura Ez-Eldins Roman "Shadow Specters"

Schimären von Licht und Schatten

Der experimentelle Roman "Shadow Specters" der ägyptischen Schriftstellerin Mansoura Ez-Eldin könnte dank seiner dezidiert poetischen Prosa wohl auch als metaphernreiche Short-Story-Sammlung durchgehen. Marija M. Bulatović hat das Buch gelesen.

Mansoura Ez-Eldins Roman "Shadow Specters" erinnert mich an eine sehr verbreitete Erfahrung, die wir alle irgendwann einmal gemacht haben: das Erwachen in einem dunklen Zimmer. Zuerst können wir in der Dunkelheit kaum etwas erkennen, bis sich auf einmal vage Umrisse, schemenhafte Konturen vom Hintergrund abheben.

Sie lösen sich aus dem Dunkel, undeutlich, bizarr, und nicht selten sorgt unser Wahrnehmungsbewusstsein dafür, dass wir sie für etwas anderes halten, als sie sind, weil sie ihre Form lediglich der geringen Lichtmenge verdanken, die sie absorbieren. Solche Schimären, entstanden aus dem Spiel von Licht und Schatten, Hell und Dunkel, finden sich in Mansoura Ez-Eldins Roman in der Grauzone zwischen Form und Inhalt.

Der Roman ist eine "sehr komplizierte Geschichte" (so eine der Kapitelüberschriften), die in Prag mit dem Gespräche zweier Personen – zweier Künstler – auf einer Bank vor dem Kafka-Museum beginnt und endet. Dieses Gespräch wird zahlreiche Erinnerungssequenzen, eine Vielzahl von Farben, Geräuschen, Gerüchen, Geschichten und Nebenhandlungen "triggern", Fragen nach der künstlerischen Kreativität aufwerfen und andeutungsweise das intellektuelle Porträt des Künstlers skizzieren, genauer gesagt, das Porträt einer Schriftstellerin.

Entlang der porösen Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit

"Ich schreibe, weil ich danach trachte, ganz zu werden", sagt eine der weiblichen Figuren. Shakespeares Formel aus Ein Sommernachtstraum wird hier auf einen Roman angewendet: des Dichters Feder gibt unbekannten Dingen Form, in dem er sie benennt; anders ausgedrückt, "das luft'ge Nichts" oder das "Prinzip der Leere" (nach Laotse) wird in die angemessene ästhetische Form gegossen.

Die ästhetische Form des Romans entsteht durch das Verhältnis von Licht und Schatten, entlang der porösen Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit, Fiktion und Fakt. Folglich gibt es keine klaren Konturen, denn die Form zieht eine gewisse Menge Licht auf sich und definiert sich selbst. So entsteht der "Zugriff" des Subjekts auf die Realität.

Doch es geht nicht um einen bestimmten Rezipienten der Wirklichkeit, es geht um eine Person, deren Wahrnehmung "ästhetisch angemessen" ist. Gleichzeitig ist die künstlerische Wahrnehmung ein kreativer Prozess, weil sie auf einer formgebenden Wahrnehmung basiert. Die auf Wissen begründete Bewältigung der Realität, oder, besser gesagt, das Ordnen des Chaos alltäglicher Eindrücke, ist zugleich ein kreativer Prozess.

Buchcover der arabischen Ausgabe von Mansoura Ez-Eldins Roman "Shadow Specters" ("Ikhyla't Alzil")
Labyrinthische, diffus-phantastische Romanstruktur:Mansoura Ez-Eldins Roman spielt in der Grauzone zwischen Form und Inhalt. Es ist ein verspieltes, experimentelles Buch, das sich jedoch von der Avantgarde und von postmodernen Texten abgrenzt.

"Shadow Specters" ist ein verspieltes, experimentelles Buch, das sich jedoch von der Avantgarde und von postmodernen Texten abgrenzt. Für Erzählforscher ist es eine wahre Fundgrube. Obwohl das Buch als Roman gehandelt wird, könnte es mit seiner dezidiert poetischen Prosa auch als Short-Story-Sammlung durchgehen. Die Erzählerin führt uns in die Geschichte ein und "schließt einen Pakt" mit dem Leser. Durch das Stilmittel der erlebten Rede erhalten wir prägnante Einblicke in den Ort und das Geschehen, aber auch das Bewusstsein der Charaktere.

Kunst eröffnet eine neuen Dimension von Wirklichkeit, das heißt, in diesem Schattenspiel offenbaren sich, in einem Bereich zwischen Wachzustand und Traum, unterschiedliche Erscheinungsformen der Realität. Literatur stellt die verschiedenen Ebenen der Realität dar und enthüllt ihre tiefer liegenden und verschwiegenen Strukturen, wie Mansoura Ez-Eldin in einem ihrer Interviews sagte. Das ist der eigentliche Kern des Romans.

Diverse Erzählstränge in einem traumartigen, mystischen Raum

Zu Anfang habe ich den Roman mit einem Erlebnis verglichen, das jeder von uns kennt. Der Grund dafür ist nicht ein rein subjektiver Eindruck, sondern das im Roman deutlich sichtbare Gewebe aus verschiedenen Erzählsträngen in einem traumartigen, mystischen und anthropologischen Raum, wobei Träume zuweilen wie eingebettete Erzählungen wirken oder sich gar in den Rang von Mythen erheben.

Die Grenze zwischen Traum und Realität ist im Roman nicht scharf gezogen, so wie es ja auch zwischen Licht und Schatten keine klare Grenze gibt. So kommt es beispielsweise vor, dass eine in die Erzählung eingefügte Geschichte von einer Erinnerung oder Assoziation der schreibenden Person unterbrochen wird und in einen anderen Erzählstrom einfließt. Die Grenze zwischen Realem und Irrealem schwimmt, wie dies auch in Wirklichkeit der Fall ist.

Doch genau das kennzeichnet die Beziehung zwischen Kunst und Leben: Spielt es wirklich eine Rolle, ob etwas real ist oder nicht, wenn sein Wert als real betrachtet wird? Aus diesem Grund ist "Shadow Specters" ein Roman über die Entstehung und Anatomie des Schreibens und Lesens. Die unklare Grenze zwischen Phantasie und Realität bestimmt die Struktur des Romans. Deshalb ist es wichtig, die Struktur des Romans im Kontext der Erzähltheorie zu betrachten.

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