Malek Alloula

Blick in den Harem

Der Schriftsteller Malek Alloula untersucht in seinem Buch "The Colonial Harem" Klischees und Vorurteile der Kolonialzeit. Der Blick auf alte Haremspostkarten enthüllt mehr als die erotischen Phantasien europäischer Männer. Amin Farzanefar stellt das Buch vor.

​​Wenn Alloula hierzulande erwähnt wird, dann höchstens in den Kurzbiografien der algerischen Autorin Assia Djebar. In Frankreich hat sich ihr Ex-Gatte Malek Alloula längst einen eigenen Namen gemacht.

Seine wohl einflussreichste Schrift, "The Colonial Harem", widmet sich dem klassischen Sinnbild des Orients: jenen abgeschlossenen Räumlichkeiten der Frauen, die dem Schutz vor fremden Blicken dienen und diese gerade dadurch herausfordern.

Kulturtheoretiker wie Edward Said, Homi Babha, Gayatri Spivak und Helen Cixous haben sich intensiv, aber nicht erschöpfend, mit dem Blick des Westens auf den Osten beschäftigt. Als komplexes Symbol für diese ungleiche Beziehung gilt insbesondere der westlich-männliche Blick auf die orientalische Frau.

In ihm wirken die alten Machtstrukturen zwischen Herrscher und Beherrschtem, Empire und Kolonie fort. Oft inszeniert sich der westliche Eroberer scheinheilig als standhafter Moralist gegenüber der orientalischen Verführung.

Falsche Haremspostkarten

Alloula zeigt all diese Aspekte bei der Betrachtung so genannter "Haremspostkarten" auf. Diese Aufnahmen leicht bekleideter oder entblößter Maghrebinerinnen wurden von Fotografen wie dem Schweizer Jean Geyser zwischen 1900 und 1930 in großer Zahl auf den europäischen Markt gebracht.

Die Frauen auf den Bildern sind anonym. Die Titel lauten "Frau aus dem Maghreb, … aus dem Süden, ...aus Algier". Es taucht höchstens ein Dutzendname wie "Die schöne Fatma" auf. Die Orientalin bleibt allgemein, eine Projektionsfläche.

Die Modelle und ihre Umgebung, häufig eine Naturkulisse, wirken auf den Studioaufnahmen typisiert und simplifiziert. Tatsächlich handelte es sich bei den zur Schau Gestellten keineswegs um echte Haremsbewohnerinnen, weist Alloula nach. Zumeist sind es Kriegsopfer, Waisen und Prostituierte, die von den Fotografen vor ihre Linse gezogen wurden.

Der Autor fragt dabei weniger nach den Biografien und Beweggründen der Modelle, sondern richtet seine Kritik vor allem gegen den Westen. Er analysiert den Blick des Voyeurs, der nicht von ethnografischen, sondern von Geld- und Machtinteressen bestimmt bleibt.

Die verschickten Karten dienen als Exotiknachweis, Trophäe und Kriegsbeute. Moralisch wird dabei mit zweierlei Maß gemessen: wo die Einwohnerinnen der "Departements", also der annektierten Kolonien, die Hüllen fallen lassen, sind Fotografien nackter Französinnen aus dem Mutterland streng verboten.

Ambivalente Haltung zum Orient

Der einzige Fotograf, der tatsächlich in einem Harem gewesen sein soll, ist Eugene Delacroix. Er fertigte einige der bekanntesten, schwülstigsten und wirkungsmächtigsten Orientmalereien an, beispielsweise "Der Tod des Sardanapal".

Bei der Analyse solcher Orientdarstellungen konstatiert Alloula eine gewundene, ambivalente Haltung zum Orient: das Begehren nach dessen Bild und zugleich die Abscheu vor der Realität. Wer Hollywoodphantasien und Kitschromane mit Fernsehnachrichten vergleicht, wird dies leicht nachvollziehen können.

Die weiblich-erotischen Konnotationen sind eher jüngeren Datums und lösten seinerzeit ein älteres Algerienbild ab: vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit regierte das Angstbild des Piraten aus den Babareskenstaaten.

Der Orientale war der Furcht erregende Schrecken der Meere, der in wechselnden Allianzen mit europäischen Herrscherhäusern oder in den Diensten der Osmanen auf Kaperfahrt ging, mordete und brandschatzte.

Erinnerungen an die algerische Kindheit

Bei seinen Annäherungen an das Thema Harem meidet Alloula den abstrakten Jargon der Kulturwissenschaften und wählt eine persönliche, poetisch-assoziative Sprache. Gerne taucht er in Erinnerungen an seine Kindheit ein und holt von dort Eindrücke für seine Analysen empor.

Anlass für "The Colonial Harem" waren Fotos aus seiner Kindheit, auf denen das Bild des kleinen Malek Alloula die Klischees der Jahrhundertwende reproduzierte und weiter trug.

Als französischer Literat maghrebinischer Herkunft nimmt Alloula eine besondere Perspektive ein; seine Werke zeigen immer eine doppelte Positionierung: Wenn er die Klischees und Vorurteile der Kolonialzeit aufarbeitet, geschieht dies mit arabischen Augen, aber in französischer Zunge. Leider fehlt bis heute eine deutsche Übersetzung von "The Colonial Harem".

Algerien bleibt Alloula indes bis in die Gegenwart schmerzlich verbunden. Sein Bruder Abdel-Kader, einer der führenden Intellektuellen des Landes, wurde 1994 auf dem Höhepunkt des islamistischen Terrors ermordet.

Amin Farzanefar

© Qantara.de 2004

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