Schaufenster einer Buchhandlung in Tunis; Foto: AP
Literatur in Tunesien nach Ben Ali

Bücher brauchen kein Visum mehr

Ein ganzes Schaufenster mit verbotenen Werken: Nach der Flucht des Diktators Ben Ali blüht die tunesische Literaturszene auf. Früher musste jedes Buch dem Innenministerium vorgelegt werden, jetzt sind vor allem kritische Werke der Renner. Von Lena Bopp

Schaufenster einer Buchhandlung in Tunis; Foto: AP
Literarische Vielfalt - visa- und zensurfrei: Seit dem Sturz des tunesischen Diktators Ben Ali wächst das Angebot in- und ausländischer Literatur mit dezidiert politischen Inhalten und bereichert den tunesischen Büchermarkt.

​​Nachdem Ben Ali das Land verlassen hatte, ging alles sehr schnell. Nur acht Tage hat es gedauert, bis die tunesische Übergangsregierung im Fernsehen verkünden ließ, dass nach der Aufhebung der Pressezensur auch der Import von Büchern keiner Kontrolle mehr unterliege. Das war am 22. Januar. Noch am selben Tag, sagt der Buchhändler Faouzi Daldoul, habe er eine Liste nach Frankreich geschickt, auf der Bücher standen, die er in seiner Buchhandlung "Clairefontaine" in Tunis seit Jahren nicht anbieten durfte. "Es war ein großer Moment." Unter der Herrschaft Ben Alis war es üblich, dass Buchhändler ihre Bestellungen dem Innenministerium vorlegen mussten, bevor sie abgeschickt werden durften. Noch bis vor kurzem benötigten Bücher ein Visum, um nach Tunesien eingeführt werden zu können. Dieses Visum vergab das Ministerium. Das Prozedere dauerte manchmal mehrere Monate, sagt Daldoul, vor allem in den letzten Monaten vor dem Sturz des Regimes hätten sich die Kontrollen verschärft. Die Gründe, warum ein bestimmter Titel kein Visum erhielt, habe das Ministerium nie mitgeteilt. "Wir haben uns nicht getraut, danach zu fragen, weil uns das noch größere Schwierigkeiten bereitet hätte." Jetzt ist alles anders. Eine Visumspflicht für Bücher gibt es nicht mehr.

Werke von Oppositionellen waren nicht zu bekommen

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Auch Faouzi Daldoul hat in seinen vier Filialen die Erfahrung gemacht, dass derzeit kein anderes Buch in Tunesien so reißenden Absatz findet wie dieses. Dabei, so betonen beide, seien gerade importierte Bücher in Tunesien ein Luxusartikel. Oft kosteten sie zwischen fünfzehn und zwanzig Euro - stolze Beträge angesichts der tunesischen Lebensverhältnisse. Eine offizielle Liste der verbotenen Bücher hat es nie gegeben. Aber Faouzi Daldoul hat sich einmal die Mühe gemacht, alle Titel aufzuschreiben, die er nicht bestellen konnte. Auf dieser nichtoffiziellen schwarzen Liste finden sich vor allem politische und politiktheoretische Werke, etwa über die großen Diktaturen der Geschichte ("Les grandes dictatures de l'histoire" von Ibrahim Tabet) und die Menschenrechte ("Les droits de l'homme" von Emmanuelle Duverger). Auffallend viele Bücher beschäftigen sich auch mit der Geschichte Tunesiens, der Geschichte des Islams und der arabischen Welt sowie mit dem Aufstieg von Al Qaida. Werke von tunesischen Oppositionellen waren auch nicht zu bekommen. Das 2009 in Frankreich postum erschienene "Mon combat pour les lumières" (Mein Kampf für das Licht) von Mohamed Charfi, der von 1989 bis 1994 Bildungsminister unter Ben Ali war und später zum Regimekritiker wurde, hat erst jetzt seinen Weg auf die Ladentische gefunden.

Mit Romanen gab es wenig Schwierigkeiten

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Als Kaufmann gilt sein hauptsächliches Interesse auch deswegen den Sachbüchern. Mit Romanen habe es überdies vergleichsweise wenig Schwierigkeiten bei der Zensur gegeben. Nur wenige belletristische Werke bekamen früher kein Visum. Darunter zum Beispiel "Die Nonne" von Denis Diderot und "Plattform" von Michel Houellebecq, das wegen seiner Islamkritik in Tunesien unerwünscht war und, wie Daldoul meint, wohl immer noch ist. Das jüngste Werk von Houellebecq, "La carte et le territoire" (Karte und Gebiet), das immerhin den Prix Goncourt gewonnen hat, habe sich in seinem Laden jedenfalls so schlecht verkauft wie kein anderes Buch in den sechzehn Jahren, in denen er als Buchhändler arbeite.

Lena Bopp

© Frankfurter Allgemeine Zeitung 2011

 

  

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