"Lisan" – neue Zeitschrift für arabische Literatur

Kulturvermittler in Richtung Westen

Die neue Zeitschrift für arabische Literatur, "Lisan", versteht sich als Sprachrohr bekannter arabischer Prosa-Autoren und als Medium des authentischen Kulturdialogs – fernab von orientalisierenden Klischees. Von Stephan Milich

​​Von den Schwierigkeiten der Vermittlung arabischer Literatur im deutschsprachigen Raum können viele Verleger, arabische Autoren und Übersetzer ein Lied singen. Auch der Frankfurter Buchmesse-Schwerpunkt „Arabische Welt“ im Oktober 2004 änderte dies kaum. Die positiven Effekte der vielfältigen Aktivitäten, Kultur- und Diskussionsveranstaltungen rund um die arabische Literatur waren bald darauf schon wieder abgeflaut.

Letzten Oktober beherrschte dann eine allerseits ernüchternde und resignative Stimmung hinsichtlich der Erfolgschancen arabischer Literatur in Deutschland die zurückschauenden Betrachtungen auf den Diskussionsrunden der Frankfurter Buchmesse.

Initiative eines ägyptischen Kleinverlegers

Umso lobenswerter sind Mut und Engagement eines ägyptischen Kleinverlegers aus Basel: Mit der Gründung einer Zeitschrift für zeitgenössische arabische Literatur existiert nun erstmals eine Plattform, um den Bekanntheitsgrad und die Popularität arabischer Literatur im deutschsprachigen Raum voranzutreiben.

Die neue, von nun an halbjährlich erscheinende Literaturzeitschrift "Lisan", benannt nach dem gleichnamigen Verlag von Hassan Hammad, reiht sich damit in die mittlerweile schon beachtlich gewachsene Zahl an Institutionen und Initiativen ein, die arabische Kultur und Literatur hierzulande vermitteln möchten.

Der Verleger und Herausgeber Hassan Hammad will mit seinen Mitstreitern jedoch noch mehr leisten. Die erste Ausgabe von "Lisan" (arab. für Sprache, Sprachrohr, Zunge) gewährt nicht nur interessante Einblicke in das aktuelle Schaffen schon bekannter arabischer Prosa-Autoren und Dichter wie Gamal al-Ghitani, Ibrahim Aslan (beide aus Ägypten) oder Amjad Nasser (aus Jordanien).

Chance für junge Autoren und Übersetzer

Die Zeitschrift liest sich auch wie eine bunte Anthologie junger, experimentierfreudiger Gegenwartsliteraten – stellvertretend genannt seien Nabila az-Zubair aus dem Jemen, Suzanne Alaywan aus dem Libanon oder Mustafa Zikri aus Ägypten –, "von denen es in der weiten arabischen Welt zahlreiche gibt", wie Herausgeber Hammad im Vorwort eifrig betont.

So sind alles in allem ganze 21 Autorinnen und Autoren mit Leseproben, einleitenden Kurzbiografien und in einigen Fällen auch Literaturangaben vertreten, und dies in schlichter, aber ansprechender Gestaltung.

Ebenfalls zu begrüßen ist der Versuch, die jungen Autoren von jungen Übersetzern ins Deutsche übertragen zu lassen, von denen weit mehr als die Hälfte arabische Muttersprachler mit germanistischer Ausbildung sind, ein durchweg positiv zu bewertendes Novum in der arabischen Literaturszene des deutschsprachigen Raumes.

"Lisan" versteht sich in dieser Hinsicht als "Werkstatt für Literaturübersetzung, um jungen Übersetzern, denen bisher kein Forum geboten wurde, die Gelegenheit zu geben, sich mit ersten Proben zu beteiligen." Lobenswert ist die gezollte Wertschätzung der Übersetzer durch Kurzbiografien im Anhang, deren Mühen allzu oft immer noch unbenannt bleiben.

Abwechslungsreich, aber etwas "Ägypten-zentriert"

Bereichert werden die übersetzten Beiträge und einführenden Autorenbiografien von einem wissenschaftlichen Essay der ägyptischen Germanistin Jihan Hassib zu Frauenbildern bei Christa Wolf und Radwa Ashour sowie einem Kommentar Muntassir al-Qaffaschs zu Peter Handkes Roman "Wunschloses Unglück". Wer also erfahren möchte, wie deutschsprachige Literatur von arabischer Seite wahrgenommen und beurteilt wird, wird hier fündig.

Dem im Editorial deklarierten Anspruch, mittels "Kurzberichten aus Presse und Medien" einen Überblick über gegenwärtige Entwicklungen und Ereignisse der arabischen Literaturszene zu geben, wird die erste Ausgabe allerdings nicht ganz gerecht.

Desgleichen finden sich nur wenige Rezensionen aktueller arabischer Bücher, was durchaus wünschenswert gewesen wäre, um den Fächer noch weiter zu spannen und die Auswahl der Schriftsteller transparenter zu gestalten. Denn bisher hinge noch zuviel von individuellen Initiativen ab, welche der arabischen Autoren nun schließlich ins Deutsche übersetzt würden, wie der Herausgeber selbst feststellt.

Zukünftiges Ziel Hammads wäre deshalb - nach eigenen Worten - "die Erarbeitung eines Kanons der modernen arabischen Literatur oder eine Bestsellerliste". Sicherlich ein Desideratum. Die Mehrzahl der aufgenommenen Autoren sind jedoch Ägypter und die nächste Ausgabe mit Schwerpunkt "Kairo" wird voraussichtlich erneut ägyptische Literatur bevorzugt berücksichtigen.

Schauplatz arabischer Kultur ist indes nicht nur Ägypten. Wäre also zu wünschen, dass die Zeitschrift noch umfassender Schriftsteller anderer arabischer Länder ins Blickfeld rückt, um der spannenden Vielfalt der "weiten arabischen Welt" gerecht zu werden.

Ein letzter konstruktiver Kritikpunkt sei hier noch erwähnt: Um die Herkunft der übersetzten Texte nachvollziehen zu können, wäre es wünschenswert, Übersetzer oder Herausgeber hätten sich die Mühe gemacht, die Quellen der Leseproben anzugeben. Ein geringer Aufwand, der für den interessierten Leser bisweilen sehr hilfreich sein kann.

Alles in allem ist die neue Zeitschrift für arabische Literatur zweifelsfrei ein gelungener Beitrag zum besseren gegenseitigen Kennenlernen sowie zum literarischen Austausch zweier sich häufig mit Unverständnis gegenüberstehender Kulturkreise.

Da "Lisan" weder hierzulande gängige orientalisierende Klischees bedient, noch ihren Akzent auf bereits bekannte Mainstream-Literatur setzt, ist sie als Medium des authentischen Kulturdialogs und als ein zu den arabischen Literaturen und Lebenswelten offenes Fenster jedenfalls sehr zu begrüßen.

Stephan Milich

© Qantara.de 2006

Lisan – Zeitschrift für arabische Literatur. Hassan Hamad (Hrgs.). Heft 1. Basel (Lisan) 2006.

Qantara.de

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Website der Zeitschrift Lisan

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