"Roya" ist Farsi für Fantasie – die Fantasie eines Friedens zwsichen Israel und Iran.

Liraz Charhis Album "Roya"
Ein israelisch-iranischer Akt der Rebellion 

Kontakte zu israelischen Musikern sind für Iraner verboten. Die israelisch-iranische Musikerin Liraz Charhi hat trotzdem ein Album mit Musikern aus beiden Ländern aufgenommen. "Roya" ist die Fantasie eines Friedens zwischen beiden Ländern. Von Richard Marcus 

Das Album Roya der israelisch-iranischen Sängerin Liraz ist geradezu revolutionär. Nicht etwa wegen der Musik oder der Texte, sondern wegen der Musiker, die am Album beteiligt sind. Es dürfte kaum zwei Länder geben, die einander stärker entfremdet sind als Iran und Israel, deren Regierungen sich jeweils gegenseitig als das größte Übel der Menschheit darstellen. Aber auf Roya finden Künstler aus den verfeindeten Ländern zusammen, um einfach nur Musik zu machen. 

Hierzu trafen sie sich auf mehr oder weniger neutralem Boden in der Türkei. Selbst dort mussten sie vorsichtig sein und im Verborgenen bleiben, wie berichtet wurde. Liraz ist eine Israelin iranischer Abstammung, die fließend Farsi spricht. Mit einigen der beteiligten Musiker hat sie bereits online und anonym Aufnahmen für eine ihrer früheren Veröffentlichungen gemacht. Insofern bestand bereits eine erste vorsichtige Verbindung zwischen den Musikern. 

Dennoch setzten sich alle Beteiligten einem nicht geringem Risiko aus: Liraz hatte zwar die Musik der Anderen schon einmal gehört, war ihnen aber noch nie persönlich begegnet. Sie kannte nicht einmal die Namen derer, die sie in der Türkei treffen wollte. Tatsächlich werden die iranischen Musiker auf dem Album nicht namentlich genannt. Und auch Liraz bestätigt offiziell bis heute nicht ihre Teilnahme an den Aufnahmen in der Türkei.

Viel mehr als Andeutungen erfährt man von ihr nicht. Liraz und ihre Leute sorgen ganz offensichtlich dafür, dass niemand etwas Konkretes über die anderen Musiker herausfinden kann.

Cover des Albums "Roya" von Liraz Charhi (erschienen bei Glitterbeat Records)
"Roya“ ist eine fröhliche Verschmelzung von Stil und Form: Die Songs klingen, als habe man nur auf diesen Moment gewartet, um sich zu einem ausgelassenen Fest einzufinden. Die Musik vermittelt Freude und Inspiration gleichermaßen. Sie ist damit Sinnbild einer höchst überraschenden und hoffnungsvollen Begegnung zwischen iranischen und israelischen Künstlern.   

Verborgene Identitäten 

Aus dem Farsi ins Deutsche übersetzt heißt Roya "Fantasie“: ein Verweis darauf, dass es die Idee von Frieden zwischen Iran und Israel momentan nur in der Fantasie geben kann. Bürgern beider Länder ist es bei Strafe verboten, in das jeweils andere Land zu reisen.

Schon wenn ein Iraner mit einem Israeli Kontakt aufnimmt, wandert er ins Gefängnis. Angesichts dessen hält Liraz verständlicherweise geheim, wer bei den Aufnahmen in der Türkei dabei war. Verschmitzt meint sie, vielleicht seien die Aufnahmen ja auch nur Fantasie. 

Irgend jemand muss allerdings die Geige, die Bratsche und die Tar — die iranische Langhalslaute — auf dem Album gespielt oder das einer iranischen Frau gewidmete Lied "Omid“ ("Hoffnung“) geschrieben haben.

Welche Personen konkret beteiligt waren, bleibt im Verborgenen. Die dazu geschaffene Fiktion ist notwendig, um die Identitäten derjeniger zu schützen, die mutig genug waren, für diese Aufnahme die Reise aus dem Iran in die Türkei anzutreten. 

Musikalisch ist das Album eine spannende Melange aus verschiedenen Stilen. Liraz ist dafür bekannt, moderne elektronische Musik mit traditionellen Melodien und Rhythmen zu kombinieren und dabei klassische und zeitgenössische Instrumente einzusetzen. 

Dieses Album macht da keine Ausnahme: Die Songs von Liraz und ihrer Band klingen, als stammten sie aus einem Tanzclub der 1970er Jahre im Nahen Osten. 

Musikalisch gesehen dürften die Songs eigentlich gar nicht funktionieren. Disco, wummernde Keyboards, bullige Gitarrenrhythmen und schwirrende Streicher, die man normalerweise mit Stroboskoplichtern und Clubs assoziiert, gemischt mit den eindringlichen Klängen der Tar und der Stimmung nahöstlicher Musik: Die Songs fühlen sich an, als seien sie die Vorlage für Joseph Rudyard Kiplings Aphorismus "Osten ist Osten und Westen ist Westen und niemals werden sich die beiden treffen". 

Überraschend und hoffnungsvoll 

Und doch funktionieren sie. Irgendwie haben es Liraz und ihre Band geschafft, die beiden Klangwelten miteinander zu vermählen, ohne daraus eine Zwangsehe werden zu lassen.  Wir erleben eine fröhliche Verschmelzung von Stil und Form. Alles klingt, als habe man nur auf diesen Moment gewartet, um sich zu einem ausgelassenen Fest einzufinden. Die Musik vermittelt Freude und Inspiration gleichermaßen. Sie ist damit Sinnbild einer höchst überraschenden und hoffnungsvollen Begegnung zwischen iranischen und israelischen Künstlern. 

Das bedeutet aber nicht, dass alle Songs des Albums für eine Sause durch die Clubs geeignet sind. Auf den letzten beiden Stücken des Albums, "Bi Hava“ ("Unbemerkt") und der Neubearbeitung des Titelsongs "Roya“ (die als weiblich bezeichnete zweite Version erzählt aus Sicht einer Frau), finden Liraz und ihre Band eher zu einem nach innen gerichteten Sound. Hier stehen Liraz‘ Stimme und die eher traditionellen Klänge im Vordergrund. Das Tempo wurde zurückgenommen. Das ist die Art von Musik, die man zum Ende einer durchtanzten Nacht hören würde, wenn man sich etwas wünscht, das einen zur Ruhe kommen lässt. Etwas mehr Innenschau. 

Sogar Liraz' Stimme, die bisher im Einklang mit der Musik auf und ab schwang, wirkt nun ruhiger und besonnener. Das passt zum Text. In "Bi Hava“ singt sie für einen Partner: "Führ mich zur Stimme deines Herzens / Und in den Armen deines Herzens / Ergebe ich mich deiner Liebe / Lösche mit deinem Lächeln / die Tränen meines Herzens“. Wohl keine Übersetzung kommt der Poesie des Originals gleich, aber man ahnt die emotionale Tiefe dieses Liedes. 
 

 

Liebeserklärung an eine Idee? 

Man sollte diesen — und andere Texte — allerdings nicht zu wörtlich nehmen. Liraz bewundert die Poesie von Rumi, dem wohl berühmtesten Mystiker und Dichter der persischen Sprache. Bekanntlich fasste er seine Liebe zum Göttlichen in die Form von Liebesgedichten. Könnte dieses Lied, das sich wie eine Liebeserklärung an eine Person liest, nicht auch eine Liebeserklärung an eine Idee sein? 

Wie sie in beiden Versionen von "Roya“ singt: "Meine Fantasie / Ich sehnte mich nach Frieden in der Welt / Ich verstand nicht, wer gegen wen kämpft / Meine Hoffnung werde ich nicht verlieren / Du wirst sehen, unsere Herzen werden sich berühren / Meine Fantasie“.  Da diese Texte das Album eröffnen und abschließen und somit thematisch einfassen, werden wir als Zuhörerinnen und Zuhörer die Texte der anderen Songs in ihrem Bedeutungshorizont betrachten. 

Das Album von Liraz und ihrer Band ist eine Art Fantasie: die Fantasie, dass Iraner und Israelis miteinander musizieren, scheint einer anderen Welt anzugehören — einer Welt, in der Frieden und Harmonie herrschen. Doch die Beziehungen zwischen Iran und Israel lassen aktuell auf keine Verbesserung hoffen, zumal das iranische Regime Israel beschuldigt, für die Aufstände im Land verantwortlich zu sein. 

Aber das sollte den Menschen nicht die Hoffnung nehmen, dass sich die Dinge ändern könnten, wie Liraz in "Roya“ betont. Ihre ausgelassenen Songs im temporeichen Dancehall-Stil mögen nicht nach offenkundigen politischen Aussagen klingen. Aber ihre bloße Existenz ist ein Akt der Rebellion. Das Album lädt uns ein, die Idee einer besseren Welt für alle zu feiern. 

Richard Marcus

© Qantara.de 2022

Die Redaktion empfiehlt