Rivalität mit Ankara

Entsprechend ungehalten ist die ägyptische Regierung seit einiger Zeit darüber, dass die Türkei Al-Sarradschs Truppen militärisch unterstützt, unter anderem mit Söldnern aus Syrien. Im Januar erklärte Kairo, das türkische Engagement in Libyen habe unmittelbare Auswirkungen auf die nationale Sicherheit Ägyptens. Ägyptische Medien attestierten der Regierung Erdogan flankierend dazu "neo-osmanische" Ambitionen.

Der Türkei wiederum geht es dabei nicht nur um Libyen selbst, sondern auch um einen Anteil an den Gasfeldern im Mittelmeer, die bisher von Griechenland, Zypern, Israel und Ägypten bewirtschaftet werden. Auch Libyen hat Anspruch auf einen Teil des Gases, zu dem sich Ankara offenbar mit Al-Sarradschs Hilfe Zugang verschaffen will.

Dadurch sind Russland und die Türkei nicht mehr nur in Syrien Gegenspieler, sondern auch in Libyen. Einer direkten Konfrontation weichen beide Mächte bislang aus.

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Hybride Strategie

Bisher setzt Russland in Libyen auf eine indirekte Präsenz durch private Militärfirmen (Private Military Companies, PMC): "Die Tendenz, sich mehr und mehr auf PMCs als außenpolitisches Instrument zu verlassen, ist ein grundlegendes Merkmal von Putins Strategie auf vielen Feldern", heißt es in einer Analyse des "Washington Institute". Auch das Umlackieren russischer Militärflugzeuge in Syrien würde in dieses Bild passen.

 

Ein komplexes Gemisch aus Subunternehmen, heißt es beim "Washington Institute", mache es schwierig, die Verantwortung der eingesetzten Kräfte klar zu identifizieren. Den privaten Kräften gehören Scharfschützen ebenso wie Techniker an, die etwa auf den Einsatz von Drohnen spezialisiert sind. So gelang es ihnen in den vergangenen Monaten, eine US-amerikanische und eine italienische Drohne abzuschießen. Das setzt ein technisches Know-how voraus, über das Haftars Militärs nicht verfügen.

Die hybride Kriegsstrategie hat laut "Washington Institute" für Russland mehrere Vorteile: So könne sich das Land offiziell als Vermittler präsentieren, ohne sein militärisches Engagement aufzugeben. Zugleich könnte es den Konflikt solange auf kleiner Flamme anheizen, bis in Verhandlungen schließlich eine willkommene Einigung zustande kommt.

Andere Mächte hätten aufgrund fehlenden militärischen Engagements weniger Verhandlungsmacht als Russland. Zudem könnte sich Moskau neben Teilen des Energiegeschäfts auch die Kontrolle über den libyschen Flüchtlingskorridor sichern. Dadurch hätte Russland einen sehr starken migrationspolitischen Hebel gegenüber Europa in der Hand.

Den Vorwurf, Russland setze in Libyen private Militärfirmen ein, erheben nicht nur die USA, sondern auch Großbritannien. Ein UN-Bericht, den Russland umgehend als "fabriziert" zurückwies, kommt ebenfalls zu diesem Schluss. Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Ähnliche Vorwürfe richten sich gegen weitere Akteure wie die Vereinigten Arabischen Emiraten und die Türkei. Das Waffenembargo jedenfalls ist mehr als brüchig, und die Komplexität des Konflikts nimmt immer weiter zu.

Lewis Sanders IV & Kersten Knipp

© Deutsche Welle 2020

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