Libyen-Konflikt

Russlands getarnter Stellvertreterkrieg in Libyen

Russland hat offenbar sein Engagement in Libyen verstärkt. Allem Anschein nach ist Moskau zunehmend mit Söldnern und privaten Militärfirmen im Land aktiv. Die komplexe Lage in dem Land wird dadurch noch schwieriger. Hintergründe von Kersten Knipp und Lewis Sanders.

Ende Mai trat der Chef des US-Militärkommandos für Afrika (Africom), Stephen Townsend, über Twitter an die Öffentlichkeit: Russische Kampfflugzeuge seien von Russland nach Libyen geflogen und hätten einen Zwischenstopp in Syrien eingelegt. Dabei seien die Maschinen überstrichen worden, "um ihre russische Herkunft zu verschleiern", berichtete der US-Militär.

Russland versuche eindeutig, in Libyen die Lage zu seinen Gunsten zu verändern, so der Kommandeur weiter. Zu lange habe Russland das volle Ausmaß seiner Beteiligung im anhaltenden Libyen-Konflikt bestritten. Jetzt aber gebe es "kein Leugnen mehr".

Russland wies die Darstellung zurück. "Das sind Falschnachrichten", erklärte der Vize-Vorsitzende des Verteidigungsausschusses der Staatsduma, Andrej Krassow, der russischen Nachrichtenagentur Interfax zufolge. "Das ist nur eine weitere dieser amerikanischen Gruselgeschichten."

 

 

Stationen einer Beziehung

Wahr ist jedoch, dass die Beziehungen zwischen Russland und Libyen bis spätestens an das Ende des Zweiten Weltkriegs zurückreichen. Damals versuchte Josef Stalin auf der Konferenz von Potsdam vergeblich, ein russisches Mandat über die libysche Provinz Tripolitanien auszuhandeln. Nach dem Putsch von Muammar Gaddafi 1969 unterstützte Moskau den Machthaber mit massiven Militärhilfen.

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Im Jahr 2000 erhielten die Beziehungen im Umfeld von Wladimir Putins Wahl zum russischen Präsidenten zwar neuen Schwung. Ohnmächtig musste Putin jedoch zusehen, wie die Nato den russischen Einfluss 2011 mit ihrem Militäreinsatz nach dem Aufstand gegen den Alleinherrscher Gaddafi wieder begrenzte.

Als der libysche Offizier Chalifa Haftar 2014 das militärische Kommando über die Truppen der libyschen Exilregierung in Tobruk übernahm, sah Moskau in ihm einen geeigneten Partner, um seine Interessen in Libyen wahrzunehmen. Im Gegenzug für militärische Unterstützung bot er den Russen Zugang zum libyschen Energiemarkt und die Nutzung der Mittelmeerhäfen in Tobruk und Darna an.

Zunächst hielt sich Russland mit aktiver Unterstützung zurück. Doch ab 2017 versorgte es verwundete Kämpfer aus Haftars Armee. Im Jahr 2018, so berichtet der Think-Tank "The Washington Institute", entsandte Russland erste Kräfte privater Militärfirmen nach Libyen.

 

Spuren des Bürgerkriegs in der libyschen Hauptstadt Tripolis (Getty Images/AFP/M. Turkia)
Das Abkommen von der Berlin ist zunehmend Makulatur: Bei einer internationalen Konferenz im Januar in Berlin waren zwar Schritte zur Deeskalation in Libyen vereinbart worden. So verpflichteten sich die in den Konflikt verwickelten ausländischen Staaten, die Konfliktparteien nicht weiter zu unterstützen und das bestehende Waffenembargo einzuhalten. Es gelangen seither aber weiterhin Waffen ins Land, und auch die Kämpfe gehen weiter.

Ägyptens Interessen

Damit bekam der Krieg eine neue Dimension. Der seinerzeit militärisch erstarkte Haftar gilt als grimmiger Gegner jeglicher Spielart des politischen Islam. Damit wurde er auch zum Partner der Wahl für die ägyptische Regierung von Abdel Fatah al-Sisi. Der hatte 2013 den erfolgreichen Militärputsch gegen Präsident Mohammed Mursi aus den Reihen der Muslimbrüder angeführt. Al-Sisi fürchtet, dass die Bewegung neuen Schwung gewinnen könnte - und sei es über das benachbarte Libyen.

Gemeinsam mit den Vereinigten Arabischen Emiraten, die ebenfalls den regionalen Einfluss der Muslimbrüder bekämpfen, stellt sich Al-Sisi entschieden gegen die von vielen Ländern anerkannte Regierung von Premier Fajis al-Sarradsch, die nur über einen kleinen Teil des Landes herrscht und im Parlament auf die Stimmen islamistischer Gruppierungen angewiesen ist.

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