Die Jungen wollen etwas ganz Neues

Eddie Bitar hat Live Love Beirut 2012 mit zwei Freunden gegründet. Das Büro der Organisation ist ein weitläufiger Coworkingspace in einem modernen Gebäudekomplex, wenige Straßen vom Haus von Jouni entfernt. Seine Organisation wolle das Leben der Menschen verbessern, sagt der 36-jährige Bitar. Sie organisiert Projekte im Umweltschutz, zu Bildungs- und Kulturarbeit.

Staatskrise im Libanon: Eddie Bitar, einer der Gründer von Live Love Beirut. Foto: Andrea Backhaus
Staatskrise im Libanon: Eddie Bitar, einer der Gründer von Live Love Beirut.

Nach der Explosion hat sein Team einen Krisenstab zusammengestellt. 140 Leute arbeiten mit, einige sind angestellt, viele arbeiten umsonst, die meisten Mitarbeiter sind jünger als 25 Jahre. Einige hatten gerade ihr Studium abgeschlossen und waren auf der Suche nach Arbeit, andere haben ihre Stellen aufgegeben, um bei Live Love Beirut mitzumachen. "Sie fühlten sich hier mehr gebraucht", sagt Bitar. Anfangs verteilten sie Essen, Babynahrung oder Medikamente an Betroffene, dann starteten sie zusätzlich ein Programm zum Wiederaufbau.

"Die 30 Sekunden der Explosion haben fast so viel Zerstörung hinterlassen wie 15 Jahre Bürgerkrieg", sagt Bitar. Jeden Monat rufen seither mehr als 4.000 Menschen an, die um Hilfe bitten. "Die Regierung lässt die Menschen allein", sagt Bitar. "Seit 40 Jahren sind die gleichen Leute an der Macht, die sich nicht um die Menschen kümmern." Doch vor allem die jungen Menschen wollten das ändern, sagt er. Sie wollten ein politisches System mit demokratischen und transparenten Strukturen, ohne Korruption und Ausbeutung. Das mache ihm Hoffnung.

„Jetzt ist es dramatisch“ – Sandra Klat von der NGO Bassma

"Die Politiker haben Milliarden und kümmern sich um nichts", sagt auch Sandra Klat von der Organisation Bassma. Deren Büro liegt im Beiruter Stadtteil Badaro. Klat hat Bassma 2002 gegründet, um benachteiligten Familien zu helfen. Ihr Team verteilt Essenspakete, bietet Weiterbildungen an und hilft bei der Arbeitssuche. Nach der Explosion war das Team wochenlang in den zerstörten Vierteln unterwegs, um die Schäden zu dokumentieren.

Nun kümmert sich eine Gruppe von Architekten und Bauingenieuren um zerstörte Dächer oder Fassaden. Rund 100 Häuser von besonders armen Menschen hat das Team von Bassma seit der Explosion renoviert, finanziert durch private Spender. "Die Menschen vertrauen NGOs wie unserer, weil sie wissen, dass das Geld bei den Bedürftigen ankommt", sagt Klat.

Über Jahre, sagt Klat, habe sich die Lage für viele Libanesen verschlechtert, die Politiker habe das aber nicht interessiert. "Jetzt ist es dramatisch." Die Preise sind enorm gestiegen, gleichzeitig ist das libanesische Pfund kaum noch etwas wert. Viele Menschen könnten sich weder Essen noch Medikamente leisten, sagt sie. Jeden Tag rufen Menschen bei Bassma an, die dringend Hilfe brauchen. So wie Elie Ghayth.

Hoffen auf Hilfe von Gott

Ghayth lebt in einem ärmeren christlichen Viertel von Beirut, sein Haus liegt am Ende einer kleinen Nebenstraße. Ghayth ist 61 Jahre alt, ein kleiner Mann mit Glatze und Brille. Er lebt mit einem Bruder und zwei Schwestern in einer Zweizimmerwohnung. Viele Fenster im Haus wurden zerstört, eine Wand hat er notdürftig mit Holzleisten abgedeckt. Zwei Mitarbeiter von Bassma vermessen an diesem Tag die Rahmen, um Scheiben ersetzen zu können. Ghayths Einkommen muss für alle reichen, er hat als Einziger der Geschwister einen Job. Seit 35 Jahren arbeitet er für die Regierung, erzählt er, und bekommt dafür umgerechnet weniger als 700 Euro im Monat. Er sei das Mädchen für alles, sagt er, repariere etwa Straßen. "Wenn sie mich brauchen, rufen sie mich an." Er sei erschöpft, sagt Ghayth, seit der Explosion fühle er sich nicht mehr sicher. Er habe trübe Gedanken, die Tage zögen an ihm vorbei. Wie er es schafft, weiterzumachen? "Ich bete jeden Tag", sagt Ghayth. "Ich hoffe, Gott wird mir helfen."

Salha Khalaf Mohamed mit zweien ihrer Kinder im Schlafzimmer: Durch die Explosion wurden die Bettgestelle zerstört, nun schlafen sie auf Matratzen auf dem Boden. Foto: Andrea Backhaus
Salha Khalaf Mohamed mit zweien ihrer Kinder im Schlafzimmer: Durch die Explosion wurden die Bettgestelle zerstört, nun schlafen sie auf Matratzen auf dem Boden.

Als die beiden Mitarbeiter von Bassma nach dem Besuch bei Ghayth durch die Straßen gehen, mit ihren Westen und dem Logo sind sie gut zu erkennen, werden sie immer wieder von Anwohnerinnen angesprochen. Jeder berichtet von Schäden in den Wohnungen, von zerstörten Möbeln, zerbrochenen Sanitäranlagen.

Auch Salha Khalaf Mohamed kommt hinzu, sie bittet die Mitarbeiter von Bassma, sich die Schäden in ihrer Wohnung anzuschauen. Mohamed ist 44 Jahre alt und lebt mit ihrem Mann und fünf Kindern in einer Wohnung im Obergeschoss eines Eckhauses. Sie sind 2013 aus dem syrischen Aleppo geflohen. Leicht sei es im Libanon nie gewesen, sagt sie. Ihr Mann habe als Tagelöhner gearbeitet, der Verdienst habe kaum für das Nötigste gereicht; im Moment sei er arbeitslos.

„Wir sitzen fest“ – Salah Khalaf Mohamed aus dem syrischen Aleppo

"Durch die Explosion hat sich alles noch einmal verschlechtert", sagt Mohamed. Die Familie war in der Wohnung, als die Explosion die Stadt erschütterte. Durch den Druck zerbrachen die Bettgestelle, das Spülbecken und nahezu alle Fensterscheiben. Sie alle litten noch immer unter den Folgen, sagt sie. Die Kinder seien unruhig und könnten schlecht schlafen. Ihr 16-jähriger Sohn habe Epilepsie, jahrelang habe er keine Probleme gehabt, doch seit dem 4. August habe er immer wieder Anfälle. Er arbeite in einer Shisha-Bar und versuche durchzuhalten. "Die Familie ist auf sein Einkommen angewiesen", sagt Mohamed. Sie seien dem Krieg in Syrien entflohen, um im Libanon in Sicherheit zu sein, sagt sie noch. "Aber jetzt fühlen wir uns nicht mehr sicher. Wir wissen nicht, wo wir hinsollen." Zurück nach Syrien könnten sie nicht, der Weg nach Europa sei zu schwierig. "Wir sitzen fest."

Das Gefühl, keine Perspektive zu haben, kennt Jouni. Er sagt, er möchte gern weg aus dem Libanon, am liebsten nach Europa. "Aber wer nimmt schon einen Invaliden?" Also hofft er, bald wieder Taxi zu fahren, vielleicht erhole sich sein rechtes Bein ja wieder. Manchmal vergesse er, dass er nicht mehr laufen könne. Dann versuche er, die Füße auf den Boden zu setzen. Wenn er dann auf den Stumpf schaue, der mal sein Bein gewesen ist, treffe es ihn wie ein Schlag. Jouni sagt, er würde alles dafür geben, um in sein altes Leben zurückzukönnen. "Auch wenn das schon schwierig war."

Andrea Backhaus

© ZEIT ONLINE 2020

Dieser Beitrag ist zuerst auf ZEIT ONLINE erschienen.

 

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