„Die Regierenden sind Terroristen“ – Parole auf einem Haus in Beirut

Immer wieder hat der Libanon Gewalt und Unruhe erlebt, auch durch politische Attentate. Und doch sagen viele Libanesinnen und Libanesen: So schlimm wie jetzt war es kaum je zuvor.

Das sagt auch Jouni. Seine Sätze kommen stockend, immer wieder muss er weinen. Als sein Bein amputiert war, habe ihn der Chef des Taxiunternehmens rausgeworfen, sagt Jouni, er sei für ihn ja nicht mehr nützlich gewesen. Seitdem ist er arbeitslos. Er hat viele Möbel verkauft, um Lebensmittel kaufen zu können.

Wenn er aufstehen will, hievt Samar ihn in den Rollstuhl und schiebt ihn durch den Flur zum Wohnzimmer. Wenn er auf die Straße muss, etwa für einen Arzttermin, ruft er Bekannte an oder Samar bittet Männer auf der Straße, Jouni für etwas Geld aus dem sechsten Stock herunterzutragen. Er hasse es, dass seine Frau wegen ihm leide, sagt Jouni. Die Politiker seien schuld an seiner Lage. "Sie verkaufen die eigene Bevölkerung, um Geld zu machen."

 

 

Die Wut auf das Versagen der Elite, man hört sie überall in Beirut: im Taxi, beim Einkaufen, auf der Straße. Auf Hauswänden prangen Parolen wie "Schafft das System ab" oder "Die Regierenden sind Terroristen". Viele werfen der Regierung vor, sie sei nicht nur verantwortlich für die Explosion, sondern schere sich auch nicht um die Opfer.

Und tatsächlich sind es internationale und lokale Nichtregierungsorganisationen und Einzelpersonen, die sich um den Wiederaufbau kümmern. Es waren Freiwillige, Leute aus der Nachbarschaft, Familienmitglieder und Freunde, die unmittelbar nach der Explosion die Straßen säuberten, Trümmer wegräumten und sich um jene kümmerten, die alles verloren hatten. Die Armee stand daneben und schaute zu.

Drei Monate später sind es noch immer Organisationen wie Live Love Beirut, die Fensterscheiben ersetzen, Essen ausliefern, Medikamente besorgen. Die sich um Menschen wie Jouni kümmern. An diesem Freitag haben ihm zwei Mitarbeiter von Live Love Beirut ein Blutzuckermessgerät mitgebracht, Jouni hat Diabetes. In den vergangenen Wochen haben sie ihm Insulin besorgt und Geld gesammelt, mit dem sie seine Miete für die kommenden zwei Jahre bezahlen konnten. Ohne die Helfer von Live Love Beirut, sagt Jouni, wäre er am Ende.

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