Eine Elite, die sich selbst bereichert

Die Explosion geschah in einem ohnehin schwierigen Moment für das Land. Der Libanon erlebt die schwerste Wirtschafts- und Finanzkrise seiner Geschichte, viele Menschen haben ihre Arbeit verloren und sind von Armut bedroht; die Corona-Pandemie hat die Lage zusätzlich verschärft. Seit Oktober vergangenen Jahres sind immer wieder Hunderttausende Menschen auf die Straße gegangen, aus Frust über die korrupten Staatsführer. Sie protestierten gegen eine Elite, die sich am Staatsvermögen bereichert und deren politisches Handeln sich vor allem darauf richtet, sich und ihren Getreuen Pfründe zu sichern.

Seit dem Ende des Bürgerkriegs 1990 werden viele Regierungsposten nach einem Proporzsystem vergeben, das die verschiedenen Konfessionen berücksichtigen soll. 18 anerkannte Religionsgruppen gibt es im Libanon. Viele Libanesen sehen in diesem Proporz die Ursache für systematischen Machtmissbrauch, da den Fraktionsführern die Sympathien ihrer jeweiligen Unterstützer wichtiger sind als das Wohl des ganzen Volkes. Die Lage im Land kann noch so desolat sein, die politische Klasse hat kein Interesse daran, das System zu ändern, weil sie um ihren eigenen Wohlstand fürchtet.

Nach der Explosion war zwar das Kabinett zurückgetreten, doch dass es nun Reformen gibt, ist unwahrscheinlich. Erst vor wenigen Tagen hat Präsident Aoun erneut Ex-Premier Saad Hariri zum Ministerpräsidenten ernannt und mit der Bildung einer Regierung beauftragt. Hariri war knapp drei Jahre Ministerpräsident gewesen, bevor er im vergangenen Herbst nach den Protesten zurücktrat. Viele Libanesen sind skeptisch, dass nun ausgerechnet Hariri das Land aus der Misere führen kann. Schließlich war seine Politik einer der Gründe, weshalb sie auf die Straße gegangen waren.

Zerstörte Häuser im Viertel am Hafen in Beirut. Foto: Andrea Backhaus
Zerstörte Häuser im Viertel am Hafen in Beirut: Die Katastrophe von Beirut offenbart das Ausmaß staatlichen Versagens im Libanon. Die Libanesen und Libanesinnen machen das korrupte und inkompetente System für das Explosions-Desaster verantwortlich.

Erinnerungen an die israelischen Bomben

Multiple Krisen und die Explosion haben den Libanon und seine Hauptstadt Beirut verändert. Löcher klaffen in vielen Wohnungen, Schulen oder Läden dort, wo vorher Fenster waren; Teile der Fassaden sind weggebrochen, viele Straßen sind abends dunkel, viele Häuser stehen leer. Etliche Libanesen haben das Land verlassen. In den Ausgehvierteln, wo früher Autos mit wummernden Bässen die Straßen auf und ab cruisten und junge Leute die zahlreichen Kneipen säumten, ist es bedrückend still.

Die früher so lebensfrohen Einwohner Beiruts sind schreckhaft geworden, viele leiden unter posttraumatischen Belastungssyndromen. Laut der Organisation Ärzte ohne Grenzen hat der Bedarf an psychologischer Hilfe in den Monaten seit der Explosion erheblich zugenommen. Bewohnerinnen und Bewohner sagen, für sie habe sich die Explosion wie ein Luftangriff angefühlt. Viele erinnern sich an die Bombardierungen im Bürgerkrieg, der von 1975 bis 1990 gedauert hat, aber auch an die Luftschläge 2006 im Krieg mit Israel.

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