Lennart Lehmann, 18. August 2003

Zur Präsentation "Leben unter dem Halbmond - die arabische Wohnkultur" im Vitra-Design Museum Berlin

Angenommen, in Kairo gäbe es eine Ausstellung, die den Titel „Wohnkulturen in Europa“ trüge. Die Ausstellungsräume in einem Außenbezirk. Zu sehen gäbe es Bauernstuben, Schwarzwaldhäuser, Dirndl und Bierkrüge. Der Europäer würde wohl den Kopf schütteln und eine amüsierte Postkarte nach Hause schicken.

Die Ausstellung im Vitra-Design-Museum repräsentiert keinesfalls die zeitgenössische „Wohnkultur unter dem Halbmond von Syrien bis Marokko“, auch wenn dies ihr Anspruch ist. Zu sehen ist dort eher eine Sammlung von Artefakten aussterbender Wohn- und Lebensformen: Nomadenzelte, die berühmten jemenitischen Hochhäuser von Sanaa, irakische Schilf- und marokkanische Lehmhäuser. Beim Gang durch die Ausstellung soll der Besucher kennen lernen, wie so ein Familienverbund in seiner Wohnstätte organisiert ist und was für Alltagsgegenstände dort normal sind: Die kupferne Schnabelkanne, Brotstempel und andere Küchenutensilien, wie Vorrichtungen zum Rösten von Kaffeebohnen Zum Sitzen Teppiche und Kissen. Fotos und Videofilme veranschaulichen den Kontrast zwischen ausgeschmückten Innenräumen und schmuckloser Außenfassade.

Ja ja, die kulturelle Identität, seufzt der Museumsbesucher. Irgendwie wusste man das aber schon immer, wahrscheinlich aus den lustigen Illustrationen der Märchenbücher von 1001 Nacht. Den Blick ins Schlafzimmer der reichen Oberschicht hat leider wieder keiner geschafft. Raffinierter wird es bei den Schmink- und Waschutensilien der Damen. Aber man täusche sich nicht: Die heutige Bewohnerin der Kasbah benutzt wahrscheinlich keinen tönernen Lippenstift mehr, sondern kauft chinesische Produkte, den westlichen täuschend ähnlich. Kinder spielen nicht mehr mit Holzspielzeug, sondern mit blinkenden Plastikwaffen und Gummifußbällen. Warum an den Saiten der orientalischen Laute zupfen, wenn man einen Kassettenrekorder hat? Statt Abends um den handgeschnitzten Klapptisch zu sitzen und Tee aus kleinen Porzellanschalen zu schlürfen, versammelt sich der Clan heute lieber vor dem Fernseher, den man aber im Nomadenzelt des Design-Museums leider vergeblich sucht, wie auch die Satellitenantenne. Und nur wenige werden in den dokumentierten modernen Villen berühmter arabischer Architekten wohnen, die Tradition und Moderne zu vereinen suchen. Die meisten Menschen zwischen Syrien und Marokko hausen in mehrgeschossigen Betonbauten. Ihre Teppiche klopfen sie auf ihren Balkonen aus.

Mit freundlichen Grüßen
Lennart Lehmann

Hier finden Sie den entsprechenden Artikel auf Qantara.de

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