Die französisch-marokkanische Autorin Leila Slimani; Foto: Getty images/AFP/J.Saget
Leila Slimani: "Das Land der Anderen“

Lebensträume in Krisenzeiten

Die französisch-marokkanische Bestsellerautorin Leila Slimani erzählt in ihrem neuen Roman vom beschwerlichen Leben ihrer Großmutter, die als junge Frau nach dem Zweiten Weltkrieg in Marokko auf dem Land lebte. Spannend und mitreißend erzählt, gelingt Slimani die berührende Skizze eines Frauenlebens mitten in einer Zeit des Umbruchs. Eine Rezension von Volker Kaminski für Qantara.de

Wie schnell Illusionen ihre Kraft verlieren können und von schonungsloser Ernüchterung abgelöst werden, erfährt Mathilde früh. Mit zwanzig verliebt sie sich in den Offizier Amine, der gerade siegreich aus dem Zweiten Weltkrieg heimgekehrt ist, wo er für die französische Armee gekämpft hat. Ihn fasziniert die junge, hoch gewachsene Elsässerin, er macht ihr Versprechungen von einem Leben auf seiner vom Vater geerbten großen Farm in Marokko, die er – fleißig und fortschrittlich wie er ist – aus eigener Kraft betreiben will.

Doch kaum sind die beiden ein Paar, erweist er sich als verschlossener Mann, der nur an die Arbeit denkt und dem es vor allem darum geht, dass Mathilde gute Manieren erlernt. Er verweigert das vertraute Gespräch mit seiner Frau, erwartet von ihr, dass sie den Haushalt erledigt und ansonsten ihr Heimweh unterdrückt, an dem Mathilde vor allem in den ersten Jahren stark leidet.

Die Öde und Einsamkeit des Landlebens bedrücken die lebenslustige Frau aus Mühlhausen, doch andererseits bewundert sie ihren Mann für seinen Fleiß und seine Zielstrebigkeit; Amine schafft Traktoren an und baut neue Gewächshäuser. Er züchtet auf eigene Faust eine neue Olivensorte, trotzt unermüdlich der Trockenheit und Kargheit der Böden und lässt sich auch durch Rückschläge nicht aus der Bahn werfen. Trotzdem zieht kein Glück in die Farm ein, und auch nach der Geburt der zwei Kinder hängt ein Schatten über dem Haushalt. Mathilde fragt sich täglich, ob sie einen Fehler gemacht hat.

Kampf gegen Krankheiten und Schakale

Slimanis Roman entwirft ein großes Panorama von einem weiten, heißen und verlassenen Land, das seit Jahrhunderten von armen Bauernfamilien bestellt wird. Der Kampf mit der Natur, gegen Krankheiten und wildernde Schakale wird so lebendig dargestellt, dass uns die Schilderungen beim Lesen immer wieder in den Bann ziehen. Neben Mathilde und ihrer Familie, einschließlich der Hausangestellten sowie Amines Mutter und Geschwister, um die sich Mathilde mit der Zeit auch kümmern muss, treten weitere interessante Nebenfiguren auf, die die Erzählerin hinreißend zu charakterisieren versteht.

Mathilde und ihre gescheiterten Lebensträume bleiben zwar immer im Zentrum des Romans. Doch die Erzählabsicht weist über das individuelle Drama hinaus und setzt konsequent ein großes Gesellschaftsbild zusammen, das die wachsende Spaltung eines Landes widerspiegelt, das sich von der Kolonialmacht lösen will.

Da ist etwa Mourad, der "Waffenbruder“ Amines aus dem zurückliegenden Krieg, ein ausgebrannter, desillusionierter und heimatloser Mann, der eines Abends auf der Farm auftaucht, und den Amine als Vorarbeiter anstellt. Zunächst merken wir nicht, wie traumatisiert Mourad ist, doch seine Verstörung und sein Hass auf die zivile Gesellschaft werden mit der Zeit immer deutlicher; Mourad ist immer noch in die Kriegserlebnisse verstrickt, als hätten sie nicht längst geendet, und wenn er Alkohol trinkt, wird er zu einer Gefahr, um deren "Entschärfung“ sich Amine des Öfteren kümmern muss.

Buchcover Leila Slimani "Das Leben der Anderen"; Quelle: Luchterhand Verlag
"Das Land der Anderen“ der französisch-marokkanischen Bestsellerautorin Leila Slimani ist "ein wuchtiger, multiperspektivisch erzählter Roman, der vielen Personen eine Stimme verleiht und einen ergreifenden Einblick in eine Zeit der Umwälzung und Emanzipation gibt,“ schreibt Volker Kaminski in seiner Rezension. "Die Übersetzung von Amelie Thoma ist hervorragend und bewahrt die Kraft der glasklaren Sätze und lebendigen Szenen. So wird der Roman zu einer bereichernden, menschlich berührenden Leseerfahrung.“

Zum anderen lernen wir Selma kennen, die jüngere Schwester Amines, deren Unternehmungs- und Abenteuerlust keine Grenzen zu kennen scheinen. Ihr Streben nach Freiheit wird von ihren Brüdern Amine und Omar äußerst kritisch verfolgt, und als sie sich in einen Franzosen verliebt und mit ihm zusammenleben will, trifft sie die Strafe der Familie mit ganzer Wucht. Die Auseinandersetzung, in die auch Mathilde gerät, spitzt sich zu und führt beinahe in die Katastrophe.

Es sind vor allem diese zugespitzten, zeitweise unausweichlich erscheinenden Konfliktsituationen, die dem Roman so viel Lebendigkeit und Spannung verleihen. Mathilde sehnt sich nach freier Entfaltung und beruflicher Verwirklichung, nach finanzieller Unabhängigkeit und einer sinnvollen Lebensaufgabe, und dieser Drang, den ihr Mann weder versteht noch erfüllen kann, bringt sie selbst in große Bedrängnis.

"Du hast eine Entscheidung getroffen. Nun steh auch dazu.“

Als sie sich nach dem Tod ihres lebenslustigen Vaters für ein paar Wochen in Frankreich aufhält, erscheint ihr die Heimat so anziehend und verheißungsvoll, dass sie mit dem Gedanken spielt, Mann und Kinder zurückzulassen und für immer in Frankreich zu bleiben. Eindrucksvoll gelingt es Slimani, sich in das aufgewühlte Innere der Heldin zu versetzen, die sich vorstellt zu studieren und Chirurgin zu werden und sich in den schicken Modeläden der Stadt als Schauspielerin ausgibt.

Als ihre Schwester ihr eine klare Abfuhr erteilt - "Du hast eine Entscheidung getroffen. Nun steh auch dazu. Das Leben ist für alle hart, weißt du“ - muss sie ihre Träume erneut aufgeben und verzweifelt zurückkehren.

Sie weiß, dass es für sie keinen Ausweg aus der von Männern, ihren Werten und Traditionen dominierten Welt gibt, und doch schafft sie es, sich ihre Freiräume zu erkämpfen: Sie gründet auf eigene Faust eine kleine Ambulanz im Haus, die von kranken und mittellosen Leuten aus der Gegend besucht wird; Mathilde gibt ihnen Ratschläge und unterstützt ihre Heilungsprozesse so gut sie kann, ohne ausgebildete Ärztin zu sein.

Die Welt um die Familie herum beginnt sich zunehmend zu verändern. Die Spaltung zwischen der Protektoratsmacht Frankreich und Marokko in den 1950er Jahren wächst und in großen Teilen der Bevölkerung entsteht ein Klima wechselseitiger Feindschaft und Verachtung. Von der französischen Bevölkerung vor allem in der Stadt wird Mathilde wegen ihres dunkelhäutigen Mannes nicht nur verbal attackiert, es fliegen auch Steine auf ihr Auto; auf der anderen Seite stehen die nationalistischen Kräfte (für die etwa Omar, Amines Bruder, steht), die die Gegenwart der Französin auf der Farm als Provokation empfinden. Die Familie auf der Farm muss immer gefährlichere Zerreißproben überstehen.

 

Wenn Lebensträume scheitern

Sensibel zeichnet die Autorin auch den Lebensweg der sechsjährigen Aicha nach, der Tochter der Farmersleute. Sie ist früh isoliert, besucht ein christliches Internat in der Stadt und kann die sich verschärfenden Konflikte nicht verstehen. Aicha ist ein hochbegabtes Mädchen, die beste Schülerin der Klasse, und wird doch von ihren Mitschülerinnen ständig drangsaliert. Sie beobachtet, was sich in der Welt der Erwachsenen tut, ohne sich die immer stärker herannahenden Gefahren erklären zu können.

Im hinteren Teil des Romans wird diese Kinderperspektive zu einem wirksamen Mittel, um die Sinnlosigkeit der Gewalt und die Ängste der Protagonisten einzufangen. Zusammen mit ihrem kleinen Bruder harrt Aicha in einer eigens für den Notfall konstruierten Lade im Schrank aus, wo sie sich vor den marodierenden Banden versteckt halten. Überall brennen Bauernhöfe, werden Menschen getötet und wir verfolgen gebannt durch die verängstigten Kinderaugen das immer bedrohlicher werdende Geschehen.

Niemand im Roman profitiert von der wachsenden Gewalt, der Polarisierung der Gesellschaft und der zunehmenden Intoleranz auf beiden Seiten. Slimanis Blick auf die gespaltene Gesellschaft ist unparteiisch, jedoch nicht ohne Sympathie für die Protagonistin. Mathilde, die den Konflikt am eigenen Leib zu spüren bekommt, ist zutiefst unpolitisch und handelt auch in der Auseinandersetzung mit ihrem Mann immer aus persönlichen Motiven.

Umso glaubwürdiger erscheint sie uns in ihren Befreiungsversuchen, ihrer Sehnsucht nach Liebe und Entfaltung, und wir leiden mit ihr, wenn sie endgültig auf ihre Lebensträume verzichten muss.

"Das Land der Anderen“ ist ein wuchtiger, multiperspektivisch erzählter Roman, der vielen Personen eine Stimme verleiht und einen ergreifenden Einblick in eine Zeit der Umwälzung und Emanzipation gibt. Die Übersetzung von Amelie Thoma ist hervorragend und bewahrt die Kraft der glasklaren Sätze und lebendigen Szenen. So wird der Roman zu einer bereichernden, menschlich berührenden Leseerfahrung.

Volker Kaminski

© Qantara.de 2021

Leila Slimani, "Das Land der Anderen“, Luchterhand 2021

Leïla Slimani gilt als eine der wichtigsten literarischen Stimmen Frankreichs. 1981 in Rabat geboren, wuchs Slimani in Marokko auf und studierte an der Pariser Eliteuniversität Sciences Po. Für ihren Roman »Dann schlaf auch du« (2017) erhielt sie den französischen Literaturpreis Prix Goncourt. Leïla Slimani lebt in Paris.

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