Ihre Kriminalromane spielen im Bagdad des Abbasiden-Zeit: Die US-amerikanische Historikerin und in Kanada lebende Muslima Laury Silvers hat mit ihrem "Literarischen Sufi-Quartett“ ein in der Kriminalliteratur wohl einmaliges Werk geschaffen.

Laury Silvers "Sufi Mysteries Quartet"
Literarische Spurensuche auf dem Pfad der Sufis 

Ihre Kriminalromane spielen im Bagdad des Abbasiden-Zeit: Die US-amerikanische Historikerin und in Kanada lebende Muslima Laury Silvers hat mit ihrem "Literarischen Sufi-Quartett“ ein in der Kriminalliteratur wohl einmaliges Werk geschaffen. Richard Marcus hat für Qantara.de mit ihr gesprochen.  

Laury Silvers Romane, die gemeinsam das Sufi Mysteries Quartet bilden, spielen im Bagdad des 10. Jahrhunderts in der Sufi-Gemeinde der Stadt. Sie sind ein wahres Vergnügen für Leser historischer Romane. In den drei bisher veröffentlichten, noch nicht ins Deutsche übersetzten Titeln "The Lover“ (dt. Der Liebende), "The Jealous“ (dt. Der Kontrollierende), "The Unseen“ (dt. Der Verborgene) und auch im bald erscheinenden vierten Band "The Peace“ (dt. Der Frieden) geht es einerseits um einen Mordfall, andererseits aber auch um die Herausforderungen im Leben der Protagonisten. 

In ihren Werken kann Silvers ihre Kenntnisse als Expertin für frühe islamische Mystik zur Zeit des Abbasiden-Kalifats voll ausspielen. Sie vermittelt hautnah ein Gefühl für das damalige Leben in der Region des heutigen Irak. Geschickt flechtet sie Details über die Rechtsprechung unter dem Kalifen und die Ursprünge der Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten bis hin zu den Kämpfen der Frauen um ein unabhängiges Leben ein und nimmt so ihre Leser mit auf eine Reise in die Vergangenheit . 

Bitte erzählen Sie uns etwas von sich, Frau Silvers. 

Silvers: Ich bin Amerikanerin, lebe heute in Kanada und bin pensionierte Historikerin mit Spezialisierung auf frühe islamische Mystik. Ich schreibe Kriminalromane, die in der Zeit und an dem Ort spielen, der auch Schwerpunkt meiner Forschungen war, nämlich der Region des heutigen Irak im 10. Jahrhundert. 2005 trat ich der Bewegung bei, die sich in Nordamerika für Frauen als islamische Vorbeterinnen einsetzt. 2009 habe ich eine für alle Geschlechter bzw. für LGBTQ offene Moschee in Toronto mitbegründet. Heute bin ich vor allem zu Hause bei meiner Familie und schreibe an meinen Romanen.

Die Historikerin und Romanautorin Laury Silvers (Foto: private)
Von der Wissenschaft zum Kriminalroman: Im Unterschied zu ihrem Spiritus Rector Umberto Eco lässt Laury Silvers die christlich-eurozentrische Vergangenheit links liegen, die der Leserschaft in Nordamerika und Europa so vertraut ist. In ihren Romanen verweigert sie sich den Kompromissen, die es bräuchte, um ein größeres Publikum anzusprechen. "Wäre ich den Verlagskonventionen gefolgt, hätte ich meine Geschichte an den Geschmack bestimmter Zielgruppen anpassen müssen, wodurch aber meine eigene Community außen vor geblieben wäre“, erklärte Silvers. "Dank der Freiheit, die ich im Selbstverlag genieße, konnte ich schließlich eine kleine, aber eingeschworene Leserschaft finden, die sich für den Irak der Abbasidenzeit interessiert. Menschen, die mit der Region familiär oder aus anderen Gründen verbunden sind oder die aus den Lebensgeschichten meiner Figuren einfach mehr über diese Zeit und den Islam erfahren möchten. 

Sie haben jedem der vier Bücher des Quartetts einen der 99 Namen Allahs als Titel verliehen. Wie kam es dazu und warum haben Sie aus den 99 insbesondere diese Namen ausgewählt? 

Silvers: Die Namen Gottes sind der Schlüssel zu den Büchern. Jeder Name und somit auch jeder Titel verweist auf die zentrale Frage, die in dem jeweiligen Buch thematisiert wird und die am Beispiel der Charaktere und der Ermittlungen behandelt wird. Außerdem steht jeder Band für eine weitere Stufe auf dem Sufi-Pfad. 

The Lover (dt. Der Liebende) steht für die Seele, die angesichts ihres eigenen Leidens erwacht. The Jealous (dt. Der Kontrollierende) steht für die Seele, die mühsam nach Selbsterkenntnis und Transformation strebt. The Unseen  (dt. Der Verborgene) steht für die Seele, die durch Träume und Zeichen lebendig wird, die Erkenntnis und Hingabe vertieft und zum Frieden führt. The Peace  (dt. Der Frieden) steht schließlich für die Seele, die mit Gott eins wird.  

In The Lover werden Zaytuna und ihr Bruder Tein durch die Umstände gezwungen, sich mit ihrer verstorbenen Mutter auseinanderzusetzen. Mit ihren Kindern im Schlepptau wanderte die Mystikerin einst durch das Abbassiden-Reich und gab sich ganz ihrer ekstatischen Liebe zu Gott hin. Wenn sie auf der Straße und auf Friedhöfen predigte, scharrten sich viele Menschen um sie, die ihre Liebe und Weisheit in sich aufnehmen wollten.

Das allerdings versetzte Zaytuna in Angst und Schrecken und zwang Tein dazu, die Rolle des Beschützers der Familie zu übernehmen. 

Etwa 20 Jahre später wird Zaytuna durch den Tod eines lokalen Bediensteten in eine kriminalistische Untersuchung hineingezogen. Geleitet wird die Untersuchung von ihrem Bruder Tein und dessen Partner Ammar. Beide sind Ermittler des Bagdader Kommissariats für schwere Verbrechen.

Der Kriminalfall schickt die Charaktere auf eine Reise, bei der sie auf die Facetten der Liebe in all ihren Ausprägungen treffen – auch der Liebe, die alles verzehren kann, ob sie nun menschlich oder göttlich ist. 

The Jealous schildert das mittelalterliche Ideal des Mannes als eifersüchtigem Beschützer der ihm Anvertrauten. Hier in Form von Überwachung, religiösen und weltlichen Rechtsvorschriften und den persönlichen Kämpfen der Protagonisten.

The Unseen geht der Auslegung von Zeichen, Träumen, Überlieferungen und Texten in den jeweiligen schiitischen und sunnitischen Gemeinschaften Bagdads nach sowie den daraus resultierenden politischen Spannungen.  

Das angekündigte vierte Buch des Quartetts – The Peace – wird die Frage behandeln, wie sich verschiedene Charaktere die Nähe zu Gott vorstellen. Es greift dabei Elemente aus den drei vorausgehenden Büchern auf: Liebe und Vertrauen sowie institutionelle und persönliche Disziplin; nicht zu vergessen die Spannungen zwischen Gelehrten und in den jeweiligen Gemeinschaften. 

Auf den Spuren von Umberto Eco

Sie haben viele Jahre lang als Hochschuldozentin gearbeitet. Warum der Wechsel in die Belletristik – und warum ausgerechnet Kriminalromane?  

Silvers: Als ich meine Lehrtätigkeit an den Nagel gehängt habe, wurde mir klar, dass ich von der akademischen Welt genug hatte. Von Kindesbeinen an wollte ich Romane schreiben. Als ich keine wissenschaftlichen Arbeiten mehr verfassen musste, lebte dieser Wunsch wieder auf. Der Name der Rose von Umberto Eco wurde für mich zu einer Art Fixpunkt. Eco entwirft in seinem Kriminalroman, der in einer mittelalterlichen italienischen Benediktinerabtei spielt, ein lebendiges Bild der historischen Spannungen im christlichen Denken des Mittelalters, der Rolle der materiellen Kultur in diesen Auseinandersetzungen und die Bedeutung von Symbolen, Zeichen und Sprache. 

 

 

In meinen Kriminalromanen wollte ich Fragen nachgehen, die mich aus wissenschaftlicher Sicht und aus meinem persönlichen Erleben als Muslima besonders interessieren. Von großer Bedeutung für meinen Glauben sind die Erinnerungen von Menschen, die religiösen und politischen Spannungen und die kulturelle Produktivität der Abbasidenzeit. Aber ich liebe auch die Rätsel eines typischen Krimis. Dem Leser alle Anhaltspunkte zur Aufklärung eines Verbrechens zu geben und dennoch zu verheimlichen, wer der Täter ist, bereitet mir großes Vergnügen. 

In Ihren Büchern finden sich auch Menschen asiatischer und afrikanischer Herkunft, womit deutlich wird, wie weit der Islam in der beschriebenen Zeit gespannt war. Aber Sie verschweigen auch nicht die Diskriminierung von Menschen afrikanischer Abstammung. Warum war Ihnen dieser Punkt wichtig? 

Silvers: Meine Romane konzentrieren sich auf das spirituelle und emotionale Leben der Charaktere. Aber deren Leben ergibt letztlich nur im breiteren Kontext einen Sinn. Ich wollte ein umfassendes Bild vom Leben unter den Abbasiden zeigen, so wie ich es verstanden habe.

Also ohne zu apologetisch zu sein oder die Zeit zu romantisieren, sondern ich habe diese Zeit eher als ein prächtiges Durcheinander von Menschen aus unterschiedlichen Völkern und Kulturen verstanden. Dazu gehörte für mich auch, die dunkelsten Seiten dieser Gesellschaft nicht auszusparen, nämlich Rassismus und Versklavung.  

Diese Darstellungen verlangen allerdings einen verantwortungsvollen Umgang. Es gilt, die Gründe deutlich zu machen und Grenzen zu beachten. Hierzu habe ich mich mit Experten und Personen besprochen, die sich mit den Charakteren, Konfessionen oder Regionen in meinen Romanen identifizieren können. Das hat mir sehr geholfen, wohlüberlegt sensible Themen anzusprechen, wie beispielsweise Versklavung und Rassismus gegen Schwarze sowie eine Vielzahl anderer historischer Realitäten.

Dabei habe ich auch gehofft, dass meine Romane Denkanstöße zu Themen geben können, die die muslimischen Gemeinschaften in Nordamerika heute umtreiben. Das sind kritische Themen, die allzu oft durch Rechtfertigungen und Ausflüchte einer Mehrheit totgeschwiegen werden. 

Welches Publikum wollen Sie ansprechen – oder hatten Sie überhaupt ein bestimmtes Publikum vor Augen, als Sie sich daran machten, diese Bücher zu schreiben? 

Silvers: Wie Sie wissen, bin ich von Umberto Eco inspiriert. Sein historischer Kriminalroman spielt allerdings in der christlichen und europäischen Vergangenheit, die der Leserschaft in Nordamerika und Europa so vertraut ist. In meinen Romanen wollte ich die Kompromisse nicht eingehen, die notwendig gewesen wären, um ein größeres Publikum anzusprechen.

Sonst hätte ich meine Geschichte an den Geschmack bestimmter Zielgruppen anpassen müssen, wodurch aber meine eigene Community außen vor geblieben wären. Dank der Freiheit, die ich im Selbstverlag genieße, konnte ich schließlich eine kleine, aber eingeschworene Leserschaft finden, die sich für den Irak der Abbasidenzeit interessiert. Menschen, die mit der Region familiär oder aus anderen Gründen verbunden sind oder die über die Lebensgeschichten meiner Figuren einfach mehr über diese Zeit und den Islam erfahren möchten. Die ersten drei Titel sind in die Lehrpläne von Hochschulen aufgenommen worden. Ich hoffe natürlich, dass es sich mit dem vierten Titel ähnlich verhält. Viele Leser haben meine Geschichten einem breiteren Publikum empfohlen. So haben sie glücklicherweise eine Brücke geschlagen, die ich selbst nicht hätte bauen können. 

Das Interview führte Richard Marcus 

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