Nach dem Waffenstillstand zwischen Huthi-Rebellen und der internationalen Militärkoalition unter der Führung Saudi-Arabiens steigt im Jemen die Zahl der Toten und Verletzten durch explodierende Minen, die von den Kriegsparteien im ganzen Land versteckt wurden.

Landminen im Jemen
Jeder Schritt kann tödlich sein

Der Krieg im Jemen ist nicht vorbei, doch immerhin herrscht Waffenstillstand. Die Bevölkerung leidet unterdessen unter Landminen, die weite Teile des Landes unbegehbar gemacht haben. Hunderte Menschen wurden bereits getötet. Von Safia Mahdi aus Sanaa

Die schlimmste Gewalt hat der Jemen hoffentlich hinter sich. Der im Frühjahr ausgehandelte Waffenstillstand wird zwar immer wieder punktuell gebrochen, doch insgesamt ist die Gewalt deutlich zurückgegangen, auch wenn der Konflikt weiter ungelöst bleibt. Im April war eine Waffenruhe zwischen den Huthi-Rebellen und der von Saudi-Arabien vertretenen internationalen Militärkoalition in Kraft getreten, seitdem wurde sie zweimal verlängert, zuletzt im August. Millionen notleidenden Menschen - die Jemeniten sind von einer enormen Hungersnot bedroht oder bereits betroffen - verschafft die Vereinbarung zumindest eine kleine Atempause.

Dennoch müssen viele Jemeniten weiter um ihr Leben und ihre körperliche Unversehrtheit fürchten. Denn weite Teile des Jemen wurden während des Krieges regelrecht in ein Minenfeld verwandelt. In vielen Regionen müssen die Jemeniten befürchten, auf eine der zahllosen im Land verteilten Landminen zu treten. Viele Menschen wurden bereits durch Minen getötet oder aber ihre Gliedmaßen mussten als Folge einer Explosion amputiert werden. Da die Minen bislang kaum geräumt wurden, müssen die Menschen noch über Jahre hinweg damit rechnen, ohne Vorwarnung auf eine dieser todbringenden Waffen zu treten.

Gezeichnet für immer

Nachdem er sein Haus im Gouvernement Hudaida im Westen des Landes Anfang 2018 wegen des Krieges zusammen mit seiner Familie verlassen musste, ist Muhammad Zuhair vor einigen Monaten wieder dorthin zurückgekehrt. Die Sicherheitsbedingungen in der Region hatten sich verbessert, ein ziviles Leben schien wieder möglich.

Jemen Minenverletzte in Taiz; Foto: Khaled al-Banna
Fürs Leben gezeichnet: Die 33-jährige Dalilah aus der Großstadt Taiz im Südwesten des Jemen hat beide Beine verloren, als sie vor gut fünf Jahren auf eine Mine trat - genau einen Tag vor ihrer Hochzeit. Zusammen mit ihr wurden drei weitere Frauen aus ihrer Familie verstümmelt. Der Unfall raubte ihr nicht nur die Beine - er brachte sie auch finanziell in Bedrängnis. Vor der Hochzeit hatte sich ihre Familie Geld geliehen, um es als sogenanntes Brautgeld an die Familie des Bräutigams zu überweisen. Doch der wollte die Braut nach deren Unfall nicht mehr heiraten. Das Geld aber behielt er. So stand Dalilahs Familie nun mit Schulden da, die sie mühsam zurückzahlen musste.

Doch auf dem Weg dorthin fuhr der 45-jährige Familienvater, kurz bevor er sein Heimatdorf erreichte, über eine Mine, die an der Eingangsstraße versteckt war. Mit schweren Verletzungen an den Füßen wurde er in eine Krankenstation gebracht. Als er nach der Operation wieder aufwachte, musste er feststellen, dass er nur noch ein Bein hatte. Das andere hatten die Ärzte ihm abgenommen, so Zuhair im Deutsche Welle-Gespräch.

Ein ähnliches Schicksal hat Dalilah erlitten. Die 33-jährige lebt in der Großstadt Taiz im Südwesten des Landes. Sie hat beide Beine verloren. Jetzt bemüht sie sich, mithilfe der kürzlich erhaltenen Prothesen zu gehen. Gut fünf Jahre ist es jetzt her, dass sie auf eine Mine trat - genau einen Tag vor ihrer Hochzeit. Zusammen mit ihr wurden drei weitere Frauen aus ihrer Familie verstümmelt.

Der Unfall raubte ihr nicht nur die Beine - er brachte sie auch finanziell in Bedrängnis. Vor der Hochzeit hatte sich ihre Familie Geld geliehen, um es als sogenanntes Brautgeld an die Familie des Bräutigams zu überweisen. Doch der wollte die Braut nach ihrem Unfall nicht mehr heiraten. Das Geld aber behielt er. So stand Dalilahs Familie nun mit Schulden da, die sie mühsam zurückzahlen musste.

"Ich kann es kaum ertragen, mich ohne Beine auf Prothesen bewegen zu müssen", sagt Dalilah im Gespräch mit der Deutschen Welle. Dankbar ist sie der Organisation "Ärzte ohne Grenzen" für die Gehhilfen, die sie über eine Krankenstation erhielt - auch wenn diese nicht in allerbestem Zustand sind und immer wieder repariert werden müssen. Trotz ihrer Behinderung arbeitet sie als Straßenverkäuferin - das bringt ihr zumindest etwas Geld ein.

UN-Beauftragter in Sorge

Weite Teile des Jemen haben sich in den vergangenen Jahren regelrecht in Minenfelder verwandelt, insbesondere dort, wo sich feindliche Truppen unmittelbar gegenüberstanden. Diese Gebiete sind für Zivilisten nach Unterbrechung der Kämpfe besonders gefährlich.

Jemen Warnung von Minen an einer Hauswand; Foto: Khaled al-Banna
Warnung vor gefährlichen Minen: Nach dem Waffenstillstand im Jemen steigt die Zahl der Opfer von explodierenden Landminen. Wer überlebt, trägt häufig dauerhafte Behinderungen davon. Verschärft hat sich die Gefahr nach den starken Regenfällen und Überschwemmungen der vergangenen Wochen. Das Wasser hat nicht nur die Häuser insbesondere armer Jemeniten zerstört. Es hat zugleich Minen an bislang noch nicht kontaminierte Orte gespült. Es werde große Anstrengungen erfordern, diese zu räumen, warnt der Direktor des jemenitischen Minenschutzprogramms, Amin al-Aqili. Die Arbeiten, befürchtet er, dürften sich über Jahrzehnte hinziehen.

Der UN-Sondergesandte für den Jemen, Hans Grundberg, erklärte im Juli vor dem UN-Sicherheitsrat, seit Ende der Kämpfe seien zwei Drittel weniger Verletzte registriert worden. Stattdessen gingen nun aber zahlreiche Personenschäden auf Landminen und Blindgänger zurück, so der Diplomat.

Bislang haben die jemenitischen Behörden noch keine Statistiken zu den Zahlen der von Landminen verletzten oder getöteten Personen veröffentlicht. Schätzungen gehen aber von einer hohen Zahl von Opfern aus.

So erklärte Faris Al-Hamiri, Leiter der Jemenitischen Beobachtungs- und Dokumentationsstelle für Minen und Blindgänger, gegenüber der Deutschen Welle, seine Organisation habe von Mitte 2019 bis Anfang August 2022 insgesamt 426 Todesopfer registriert, darunter mehr als 100 Kinder und 22 Frauen. Mehr als 560 Verletzte wurden registriert, auch hier war der Anteil von Kindern (216) und Frauen (48) hoch. Viele der Verletzten tragen dauerhafte Behinderungen davon.

Verschärft hat sich die Gefahr durch Minen nach den starken Regenfällen und Überschwemmungen der vergangenen Wochen. Das Wasser hat nicht nur die Häuser insbesondere armer Jemeniten zerstört. Es hat zugleich Minen an bislang noch nicht kontaminierte Orte gespült. Es werde große Anstrengungen erfordern, diese zu räumen, warnt der Direktor des Jemenitischen Minenschutzprogramms, Amin al-Aqili. Die Arbeiten, befürchtet er, dürften sich über Jahrzehnte hinziehen.

Safia Mahdi

© Deutsche Welle 2022

Aus dem Arabischen adaptiert von Kersten Knipp

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