Kurt Scharf: "Halt aus in der Nacht bis zum Wein"

Fenster zur modernen iranischen Dichtung

Irans zeitgenössische Dichter sind bei uns weniger bekannt als die alten persischen Klassiker. Kurt Scharf hat nun 32 von ihnen ins Deutsche übersetzt. Marian Brehmer hat sich die Anthologie angeschaut.

Lyrik aus dem Original in eine andere Sprache zu übertragen ist nie ein leichtes Unterfangen. Bei der bildreichen persischen Poesie, die aus ihrem über Tausend Jahre gewachsenen Sprach- und Metaphernschatz schöpft, ist die Herausforderung besonders beträchtlich.

Wenn auch diese Gedichte erst im letzten Jahrhundert entstanden sind; wie lassen sich in der iranischen Kultur verankerte Empfindlichkeiten, wie Anspielungen auf die großen persischen Literaturklassiker übersetzen? Geht das überhaupt ohne Fußnoten? Was macht man mit antiquierten Wörtern und kühnen Satzstellungen?

Verspielte Vieldeutigkeit der Weinmetapher

Kurt Scharf, Kulturvermittler und Literaturübersetzer, hat sich in "Halt aus in der Nacht bis zum Wein" an die Gedichte von 32 zeitgenössischen iranischen Lyrikern gemacht. Der Titel für die Anthologie stammt aus einem Vers des Schiraser Poeten Mansur Oudschi und spielt auf die verspielte Vieldeutigkeit der Weinmetapher in der persischen Dichtung an. Wein kann im Persischen irdisch, also als berauschender Traubenwein, aber auch als Symbol für die Liebe oder gar für mystische Verzückung verstanden werden.

Buchcover Kurt Scharf: "Halt aus in der Nacht bis zum Wein" im Sujetverlag
Kurt Scharf vermittelt uns in der Anthologie "Halt aus in der Nacht bis zum Wein" einen Eindruck für die außergewöhnliche Rolle der persischen Poesie als Sammelbecken verschiedener Denkströmungen und damit für die außergewöhnliche Beziehung, welche die Iraner bis heute zu ihrer Dichtung pflegen.

Scharf machte sich seit den Neunzigern einen Namen als einer der wenigen deutschen Übersetzer aus dem Persischen, zuletzt von mehreren Romanen des iranischen Schriftstellers Amir Hassan Cheheltan. Zudem übertrug Scharf Literatur aus den lateinamerikanischen Varianten des Spanischen und Portugiesischen ins Deutsche. Jedoch im Vergleich zur Arbeit an den persischen Versen sagt er: "Im Augenblick sitze ich an der Übersetzung eines brasilianischen Romans und finde das eine sehr erholsame Tätigkeit."

Die Dichter in dem Band, der im Bremer Sujet-Verlag erschienen ist, stammen aus der vorrevolutionären Generation und hatten den Höhepunkt ihres Schaffens in den zwei Pahlawi-Äras. Einige von ihnen sind bereits verstorben, manche leben weiter in der Islamischen Republik, während andere sich seit Jahren im Exil befinden.

Das Buch widmet sich einer Strömung in der persischen Dichtung, die im Westen anders als die großen Klassiker Hafis oder Rumi wenig bekannt ist. Zum Hintergrund: Das 20. Jahrhundert war für die persische Lyrik ein Zeitalter von Innovation und literarischen Umbrüchen. Pioniere wie Nima Yuschidsch (1897-1960) reformierten die Gedichtsprache und statteten ihre Verse mit neuartigen Metaphern aus.

Ausbruch aus dem Korsett der klassischen Dichtung

Vor allem jedoch war die she'r-e nou-Bewegung mit Yuschidsch als Gallionsfigur — die "neue Dichtung" — ein Ausbruch aus dem Korsett der klassischen Schemata von Reim und Metrum, die von der jahrhundertelangen klassischen Dichttradition vorgeschrieben wurden. In dieser freieren Dichtung, die sich rasch durchsetzte, konnten innerhalb eines einzigen Gedichts Versmaß und Zeilenlänge variieren. Auch mit der Grammatik nahm man es nicht mehr so ernst. Vorherrschende Themen waren nun nicht mehr nur Mystik oder Liebesdichtung, sondern oft die politische oder gesellschaftliche Kritik.

Selbst wenn Übersetzungen einzelner Dichter bereits im Deutschen vorliegen, macht Scharf der deutschen Leserschaft in seiner Anthologie erstmals auch die Werke wenig bekannterer Poeten zugänglich.‌ Dies allein ist schon ein Verdienst, dank dem uns die facettenreiche iranische Lyrik näher gebracht wird.

Scharf bemüht sich, bei seinen Übersetzungen so nah wie möglich am Original zu bleiben. Er schöpft dabei die sprachlichen Freiheiten der Dichtung aus. Tatsächlich lässt sich in den Versen der Stil des jeweiligen Dichters wiedererkennen — von der einfachen, meditativen Sprache eines Sohrab Sepehri bis zur kühnen, für damalige Zeiten skandalösen Intensität der Dichterin und Emanzipationsvorreiterin Forough Farokhzad.

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