Kurdische Irak-Rückkehrer

Zwischen zwei Welten

Deutschland schiebt zwar momentan keine Kurden ab, verlängert aber deren Duldung nicht mehr, so dass sie illegal im Land sind. Viele ziehen es deshalb vor, in den Nordirak zurückzugehen. Eine Reportage von Birgit Svensson

Kurdischer Rückkehrer Botan aus Reutlingen; Foto: privat
Keinerlei Identitätskonflikte: Das Leben zwischen Baden-Württemberg und Nordkurdistan ist für den 26-Jährigen Kurden Botan längst Realität geworden.

​​Ob es in Deutschland einen Himmel gibt, ob es regnet und ob es auch dort Nacht wird, wurde Bebak gefragt, als er vor fünf Jahren aus Sachsen-Anhalt ins irakische Kurdistan zurückkehrte. Sechs Jahre lang hatte er mit seiner Familie in Stendal gelebt.

Ein Jahr vor dem Abitur entschied der Vater, Deutschland wieder zu verlassen und in die Heimat zurückzukehren. "Es war schwer für mich", erinnert sich der 24-Jährige, "sehr schwer". Als Bebak nach Deutschland kam, konnte er kein Deutsch, musste die Klasse wiederholen. Zurück in Kurdistan, war sein Kurdisch in der Zwischenzeit schwach geworden.

Zwischen den Stühlen der Kulturen

Er musste wieder eine Klasse wiederholen. "Ich konnte besser Arabisch als Kurdisch – und Deutsch am besten." In Stendal hatte er deutsche und arabische Freunde. Auch heute noch sitzt Bebak zwischen den Stühlen der Kulturen. "Deutschland hat mich geprägt", sagt er. Die Pubertät hat er dort durchlebt, er ist dort erwachsen geworden.

Wie Bebak geht es derzeit Tausenden Kurden, die aus Europa in den Nordosten Iraks zurückkehren. In Deutschland befindet sich die größte kurdische Diaspora außerhalb Kurdistans. Schätzungen kommen auf nahezu eine halbe Million.

Die meisten sind aus der Türkei. Da die Kurden aus verschiedenen Ländern – Türkei, Syrien, Iran und Irak – nach Deutschland gekommen sind, werden sie nicht als Volksgruppe erfasst. Laut Informationen des Berliner Innenministeriums lebten im letzten Jahr knapp 80.000 Iraker in der Bundesrepublik. Man geht davon aus, dass die Mehrheit Kurden sind.

Stetiger Rückkehrerstrom

Etwa 10.000 seien in den letzten Jahren seit dem Sturz Saddam Husseins zurückgekommen, meint Nihad Qoja, Oberbürgermeister von Erbil und Rückkehrer aus Bonn, wo er 23 Jahre lang gelebt hat. Er ist überzeugt, dass die Rückkehr der Kurden aus Europa noch eine ganze Weile anhalten wird. Seitdem die deutsche Lufthansa im Mai dieses Jahres ihren Flugbetrieb von Frankfurt in die Kurdenmetropole aufgenommen hat, verzeichnet die Gesellschaft einen kontinuierlichen Anstieg an Familien als Passagiere.

Deutsche Schule in Erbil; Foto: &copy DS Erbil
Große Nachfrage unter kurdischen Rückkehrern: Mit 131 Kindern, fünf Grundschul- und einer Vorschulklasse hält die deutsche Schule in Erbil schon jetzt den Rekord für eine neue deutsche Auslandsschule.

​​"Manche kommen erst einmal auf Urlaub", sagt Tarek aus Bielefeld, der die Herbstferien in Deutschland nutzt, um mit seiner Familie kurdische Luft zu schnuppern. "Der Schritt ganz zurück muss gut überlegt werden", lässt der Vater dreier Kinder die Schwierigkeiten anklingen.

"Hier prallen zwei völlig unterschiedliche Welten aufeinander!" Die Mitte September eröffnete Deutsche Schule in Erbil dürfte es aber so manchem Rückkehrwilligen leichter machen, sich zu entscheiden. Mit 131 Kindern, fünf Grundschul- und einer Vorschulklasse, einschließlich Kindergarten, hält sie schon jetzt den Rekord für eine neu beginnende deutsche Auslandsschule. Zweidrittel der Schüler sind Rückkehrer aus den deutschsprachigen Ländern Europas.

Emigration im Rückblick

Drei Mal schon haben die Kurden in Massen den Irak verlassen. In den 1970er Jahren, als Saddam Hussein in Bagdad immer mehr Macht an sich riss, die Kurden einen eigenen Staat wollten, ihre Freiheitskämpfer – Peschmerga – bewaffneten und sich gegen die Zentralregierung stellten.

Dann Ende der 1980er Jahre, als der Krieg gegen den Iran immer blutiger wurde, Saddam die Kurden beschuldigte, mit den Iranern gemeinsame Sache zu machen und Giftgasangriffe gegen kurdische Dörfer fliegen ließ. 180.000 Kurden habe der Gewaltherrscher auf dem Gewissen, besagen kurdische Quellen: ein Genozid an der eigenen Bevölkerung.

Und schließlich Mitte der 1990er Jahre die dritte Ausreisewelle, als ein Bürgerkrieg zwischen den beiden führenden Clans, Barzani und Talabani, die Kurden gegeneinander aufbrachte. Inzwischen ist der Zwist beigelegt, die ehemals streitbaren Parteien haben sich zu einer Allianz zusammengeschlossen, bilden eine gemeinsame Regionalregierung und treten auch in Bagdad auf nationaler Ebene gemeinsam auf.

Irak-Kurdistan konnte sich in den letzten zehn Jahren ungestört entwickeln. Durch eine nahezu lückenlose Polizei- und Geheimdienstüberwachung blieb der Terror, der den Rest des Landes seit dem Einmarsch der amerikanischen und britischen Truppen so sehr verwüstet hat, außen vor. Die Zahl der Bombenanschläge in den drei kurdischen Provinzen Erbil, Suleimanija und Dohuk in den letzten sieben Jahren kann an einer Hand abgezählt werden.

So sicher oder unsicher wie in Europa

 die kurdischen Brüder Nidschewan (links) und Botan; Foto: Birgit Svensson
Mit ihrer Heimat Zakho und Reutlingen eng verbunden: die kurdischen Brüder Nidschewan (links) und Botan

​​In den Kurdengebieten ist man so sicher oder unsicher wie in Europa. Angesichts der stabilen Sicherheitslage schicken einige Länder wie Großbritannien, Schweden und auch Dänemark ihre Kurden wieder zurück in die Heimat. Deutschland schiebt zwar momentan keine Kurden ab, verlängert aber deren Duldung nicht mehr, so dass sie illegal im Land sind. Viele ziehen es deshalb vor, in den Nordirak zurückzugehen.

Allerdings besitzt die Mehrzahl der Kurden in Deutschland gültige Aufenthaltspapiere und ihre Rückkehr ist freiwillig. Vor allem diejenigen, die in den 1970er Jahren nach Deutschland kamen, sind inzwischen deutsche Staatsbürger.

So auch die Brüder Nidschewan und Botan. Der unüberhörbar schwäbische Akzent der beiden verrät sofort, wo die Familie 26 Jahre lang gelebt hat. "Ich sage immer Stuttgart", sagt Nidschewan der Ältere, "Reutlingen kennt doch niemand". Ihre deutschen Pässe wollen sie auf keinen Fall hergeben, auch wenn sie sich mittlerweile eine Existenz im kurdischen Zakho, dem einzigen Grenzort Iraks zur Türkei, aufgebaut haben.

"Dass wir jederzeit nach Deutschland fahren können, hilft uns hier weiterzumachen", gibt Botan zu. Der 26-Jährige hat vor drei Jahren geheiratet, eine Rückkehrerin. Sein Sohn wurde in Stuttgart geboren. Nach der Geburt kam die junge Familie wieder zurück nach Zakho.

Leben zwischen zwei Welten als Realität

Das Leben zwischen zwei Welten ist für Botan zur Realität geworden. Er kommt damit zurecht. Anders sein Bruder Nidschewan. Manchmal verspürt der 42-jährige Industriekaufmann so etwas wie Heimweh nach Deutschland. Dann spielt er deutsche Musik, ruft deutsche Freunde an, fährt nach Erbil in den Deutschen Hof und isst Spätzle oder verkriecht sich auf "meinem Berg", wie er die Anhöhe in Zakho nennt, von der aus man einen majestätischen Blick auf die 180.000 Einwohner zählende Grenzstadt und die aus der Römerzeit stammende berühmte Brücke hat.

Auf dem Berg besitzen die Brüder eine Billardhalle, organisieren Hochzeitsfeiern. Manchmal verschwindet Nidschewan aber auch für ein paar Tage. Einfach so, ohne zu sagen, wohin er fährt. Ein überraschender Anruf mit einer 0049-Vorwahl verrät: "Es war mal wieder Zeit".

Auch Bebak will wieder mal nach Deutschland reisen, um seine Freunde in Stendal zu besuchen, den Regen und die Kühle einzuatmen. Doch seine Aufenthaltserlaubnis ist abgelaufen. Um einen deutschen Pass zu bekommen, hat er nicht lange genug in Deutschland gelebt.

Inzwischen hat er ein Sportstudium an der Universität in Erbil begonnen und sagt von sich, dass er angekommen sei zwischen den beiden Welten. "Meinen Master mache ich dann in Köln", sagt der junge Kurde selbstbewusst.

Birgit Svensson

© Qantara.de 2010

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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