Bildungssystem: Kurdische oder syrische Schulen?

Über manch heikle Themen würde die Verwaltung jedoch lieber nicht öffentlich diskutieren, weil sie Widerspruch fürchtet, sagt Jomart. Über das Bildungssystem zum Beispiel, eines der drängendsten Probleme in Nordostsyrien. Die Autonome Verwaltung hat die Schulen des syrischen Regimes fast alle übernommen und unterrichtet die kurdischen Kinder dort erstmals in ihrer Muttersprache.

Die Abschlüsse dieser Schulen sind allerdings nirgendwo anerkannt. Deswegen schicken viele kurdische Familien ihre Kinder weiterhin in die wenigen, völlig überfüllten Schulen, die dem Erziehungsministerium in Damaskus unterstehen. Dort lernen sie auf Arabisch und bekommen einen Abschluss, mit dem sie überall in Syrien studieren oder auch ins Ausland gehen können.

Der Märtyrerplatz im Zentrum von Qamishli mit einem Denkmal für die im Kampf gegen den IS gefallenen Mitglieder der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG). (Foto: Kristin Helberg)
Der Märtyrerplatz im Zentrum von Qamishli mit einem Denkmal für die im Kampf gegen den IS gefallenen Mitglieder der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG). (Foto: Kristin Helberg)

Die Verwaltung aber möchte Kurdisch als Bildungssprache etablieren, sie hat viel in die Weiterbildung ihrer Lehrerinnen und Lehrer investiert, hat Institute und Universitäten eröffnet. Als PÊL zum offenen Dialog über das Bildungssystem einlud, verweigerten die Behörden zunächst die Genehmigung, erzählt Jomart. PÊL braucht für jede Aktivität eine Genehmigung, doch manchmal passe die Aktivität der Autonomen Verwaltung nicht.

„Sie haben dieses typische Bild von uns zivilgesellschaftlichen Organisationen – sie denken, wir wären gegen sie und wollten ihnen schaden,“ erzählt er. „Dann haben wir sie ein paar Mal besucht und am Ende überzeugt. Die Veranstaltung lief so gut, dass der Minister für Bildung und Erziehung hinterher sehr zufrieden war und meinte, wir sollten mehr solcher Treffen organisieren.“

Im Vergleich zu den ersten Jahren sei die Autonome Verwaltung kritikfähiger geworden, sagt der Aktivist. Früher wurden die Büros anderer Parteien geschlossen oder angegriffen, ihre politischen Vertreter bedroht und verhaftet. Heute bemühe sich die Verwaltung um ein besseres Image, erklärt Jomart – deshalb lasse sie den Medien, dem Kurdischen Nationalrat und der Zivilgesellschaft mehr Raum. Etwa 200 Nichtregierungsorganisationen seien in Nordostsyrien registriert, sollte das Assad-Regime irgendwann zurückkehren, müssten die meisten ihrer Vertreter fliehen, so Jomart.

Keine Kompromisse von Assad

Mehrfach gab es Versuche, sich mit den Machthabern in Damaskus zu verständigen. Doch Assad hat keinen Grund, Kompromisse zu suchen. Russland und Iran sichern seine Herrschaft, die UN kümmern sich um die humanitäre Versorgung seiner Bevölkerung und die arabische Nachbarschaft behandelt ihn wieder als Staatschef – aller Kriegsverbrechen zum Trotz. Von Föderalismus und Autonomie wolle das syrische Regime deshalb nichts wissen, sagt Taha Khalil vom Rojava Zentrum für Strategische Studien. „Es gibt Gespräche zwischen dem Regime und der Verwaltung, aber nur auf Geheimdienstebene. Bis heute betrachtet Assad die Kurdenfrage nicht als politisches Thema, sondern nur unter militärischen und Sicherheitsaspekten. Das ist die Mentalität dieses Regimes.“

Ohne eine Einigung innerhalb Syriens könne die Autonome Verwaltung nicht nach internationalem Recht anerkannt werden, sagt auch ihr Außenbeauftragter Abdelkarim Omar. Praktisch würden zwar viele Staaten mit der Verwaltung zusammenarbeiten, betont der Diplomat, aber die Region brauche dringend mehr Investitionen in die Infrastruktur und Erdölindustrie.

Das wenige Erdöl, das Syrien hat, liegt im Nordosten – es ist die Haupteinnahmequelle der Autonomen Verwaltung. Da es jedoch keine modernen Raffinerien gibt, wird das Rohöl auf primitive Weise zu Diesel und Benzin verarbeitet, was zu einer massiven Verschmutzung von Luft und Boden führt. Die internationale Anti-IS-Koalition habe bereits neue Raffinerien versprochen, so Omar, die Signale aus den USA seien positiv.

Der Außenbeauftragte ist davon überzeugt, dass die neue amerikanische Regierung neben dem Kampf gegen den IS auch die Entwicklung und den Fortschritt im Nordosten Syriens fördern will. „Sie arbeiten jetzt direkt mit der Autonomen Verwaltung zusammen. Auch Europa hat sich geöffnet – unsere Treffen finden jetzt überall auf der Ebene des Ministers oder Syrienbeauftragten statt.“ Aber es gebe eine wichtige Einschränkung: „Nur in Deutschland nicht. Niemand von unserer Autonomen Verwaltung wird offiziell im Auswärtigen Amt empfangen. Alle betonen, dass es keine Stabilität in Syrien geben kann ohne die Autonome Verwaltung und ohne eine Einbeziehung der Kurden in politische Verhandlungen und den Verfassungsprozess. Es kann nicht sein, dass das türkische Veto das verhindert.“

Die Hoffnungen in Qamishli ruhen jetzt auch auf der neuen Bundesregierung. Aus Rücksicht auf den türkischen Präsidenten hat sich Deutschland bislang nur in den arabisch geprägten ehemaligen IS-Regionen engagiert, nicht aber in den kurdischen Gebieten nahe der Grenze. Zudem wird die staatliche Förderung ausschließlich über lokale Partnerorganisationen wie PÊL abgewickelt und nicht in direktem Kontakt mit der Autonomen Verwaltung.

Außenministerin Annalena Baerbock könnte das ändern, meinen Beobachter. Sie könnte Ankara gegenüber selbstbewusster auftreten und deutsches Entwicklungsgeld für Nordostsyrien weniger beschränken.

Kristin Helberg

© Qantara.de 2022

Dieser Beitrag ist zuerst als DLF-Hintergrund am 9.12.2021 erschienen. 

 

 

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