"Wir haben uns vor allem über Skype zusammengeschaltet", sagt Yazan Khalili. Er leitet das Khalil Sakanini Kulturzentrum in Ramallah. Es ist eine von insgesamt neun palästinensischen Kulturinstitutionen, die sich an "Qalandiya International" beteiligen. An einem virtuellen runden Tisch hätten sie das Konzept der Ausstellungsreihe zusammengezurrt, erzählt er.

Virtuell deswegen, da ein tatsächliches Zusammenkommen gar nicht möglich war. Ein Palästinenser aus Ramallah beispielsweise kommt ohne israelische Genehmigung nicht nach Haifa, einer aus Beirut ebenfalls nicht. Nach Jerusalem können nur wenige reisen. Und die Kuratoren aus Gaza können nicht einmal ins Westjordanland.

Kontakt über die Kunst

"Für die Gazaner war das ganze wohl am aufregendsten. Noch mehr als für uns", sagt Khalili. Der Gazastreifen ist seit mehr als zehn Jahren, seit dort die radikal-islamische Hamas regiert, weitgehend abgeriegelt. Hinaus kommt fast nur, wer krank ist und vor Ort nicht behandelt werden kann. Gaza und das Westjordanland sind voneinander getrennt. Geographisch, weil Israel zwischen beiden liegt und politisch, weil die als gemäßigt geltende Fatah tief mit der Hamas zerstritten ist.

Dass hier also Kulturschaffende aus dem Westjordanland und Gaza überhaupt miteinander sprechen, werten die Kuratoren schon als kleine Errungenschaft. Da überrascht das Motto nicht, unter dem "Qalandiya International" in diesem Jahr läuft: "Solidarität" - und klingt sehr politisch.

Seit Ende März kommt es an der Grenze zwischen Gaza und Israel immer wieder zu Protesten und Zusammenstößen mit der israelischen Armee. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza wurden dabei 193 Palästinenser getötet. Ein israelischer Soldat wurde erschossen, etliche Brandsätze über die Grenze nach Israel geschickt. Offiziell fordern die Demonstranten ein Ende der Blockade und ein Recht auf Rückkehr in ihre frühere Heimat oder in die ihrer Eltern und Großeltern - in Städte wie Lydda oder Ramla. Israel lehnt die Forderungen bis heute ab.

International wurde Israel scharf für sein Vorgehen kritisiert. Doch im Westjordanland blieben große Demonstrationen aus. Zu Solidaritätsmärschen für Gaza kamen nur wenige Hundert Menschen.

Was bedeutet "Solidarität"?

Viele Beobachter fragten sich, ob es sie denn noch gäbe, die Solidarität der Palästinenser untereinander. "Wir leben in einer Zeit, in der jegliche Aktion so individualisiert worden ist, dass Menschen glauben, sie zeigten schon Solidarität, wenn sie nur ein Bild oder einen Link auf Facebook posten", meint Co-Kuratorin Reem Shadid. "Jene Solidarität, die Menschen zu tatsächlichen Handlungen veranlasste und ganze Völker befreite, scheint vorüber zu sein. Wir müssen also neue Formen von Solidarität diskutieren." Und Khalili ergänzt: "Ich hätte ein Fragezeichen hinter den Titel von 'Qalandiya International' gesetzt - 'Solidarität?'"

Yazan Khalili vom Khalil Sakanini Kulturzentrum in Ramallah und Co-Kuratorin Reem Shadid; Foto: DW/Sarah Judith Hofmann
Reem Shadid (l.) und Yazan Khalili: "Wir müssen neue Formen von Solidarität diskutieren"

In den Performances, Panels und Diskussionen in New York, Düsseldorf und London soll Solidarität mit Palästina zum Thema gemacht werden. Die Ausstellung in Birzeit befasst sich auf den ersten Blick ausschließlich mit Lydda, bis 2019 wollen die Künstler aber ein gemeinsames Lexikon zum Thema Solidarität erarbeiten.

Überhaupt sind Orte wichtig. Touren werden angeboten durch Lydda, Jerusalem und durch Qalandiya, das Flüchtlingscamp. Der israelische Checkpoint "Qalandiya" gleich nebenan, der größte im Westjordanland, hat der Ausstellungsreihe ihren Namen gegeben.

"Wir sind ein Volk"

"Qalandiya International" versteht sich als ein Manifest der Solidarität unter Künstlern, die im Gegensatz zu den verfeindeten politischen Fraktionen der Palästinenser Hamas und Fatah überhaupt miteinander sprechen und einander helfen. 

"Kunst hat die Kraft zu vereinen", sagt Khalili. "Kunst will eine andere Art der Politik aufzeigen. Gerade in Zeiten völliger Fragmentierung kommt die Kultur und sagt nein, es gibt eine Einigkeit unter Palästinensern." Dies sei historisch schon immer so gewesen, gleich nach 1948 sei es die Kunst gewesen, palästinensische Volkslieder, Erzählungen und die traditionellen Stickereien, die eine Einigkeit demonstrierten.

Kein Zufall also, dass der Künstler Mahdi Baraghithi eine Replik dieser Stickereien zur Eröffnung trägt. Für ihn steht fest: "Wir sind ein Volk."

Sarah Judith Hofmann

© Deutsche Welle 2018

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