Zeitgleich mit dem Arter wurde zur diesjährigen Istanbul Biennale am alten Hafen von Galata das neue Museum der Mimar Sinan Kunsthochschule eingeweiht. Daneben wird nach einem Entwurf von Renzo Piano derzeit der Neubau des Istanbul Modern errichtet, das in den 1990er Jahren die moderne Kunst an den Bosporus holte. Beide Häuser sind Teil des Galata-Port-Projekts, das mit einem Kreuzfahrtterminal und Luxushotels dem Tourismus neuen Schwung geben soll.

Im Finanzdistrikt Maslak wurde zudem Anfang des Jahres in einer früheren Likörfabrik die Pelivneli-Galerie eingeweiht. Einst umgeben von Obsthainen steht der weiße 1930er-Jahre-Bau heute im Schatten eines glitzernden Hochhauskomplexes. Das Nebeneinander des alten Fabrikgebäudes und der ultramodernen Glas-und-Stahl-Giganten ist so faszinierend wie spannungsreich, zeigt aber auch überdeutlich die enge Verbindung von Kunst, Kommerz und Kapitalismus.

Blick ins Kulturzentrum Arter; Foto: Ulrich voon Schwerin
Wenn Kunst und Gentrifizierung Hand in Hand gehen: Neue Museen, wie das Kulturzentrum Arter, können zwar das Image einer Stadt verändern, die Kulturszene beleben und neue Besucher anziehen. Allerdings kann dies auch die Immobilienpreise in die Höhe treiben und zur Verdrängung sozial Schwacher führen. "Der Raum für Abgehängte wird knapper werden“, wie der Historiker Esen meint.

Ganz zufällig ist das wohl nicht, denn fast alle großen Kunstmuseen in der Türkei werden von privaten Stiftungen finanziert. Koç, Sabancı, Garanti, Eczacıbaşı – alle alten Konzerne haben ihre eigenen Kulturzentren. Viele ihrer Ausstellungen, Konzerte und Festivals sind erstklassig, doch das Sponsoring durch die Konzerne ist nicht unumstritten. Besonders das Engagement von Koç bei der Biennale sorgt wegen dessen Tätigkeit im Rüstungsbereich immer wieder für Kritik.

Explosive soziale und kulturelle Mischung

Den Standort des neuen Arter in Dolapdere und Tarlabaşı will die Koç-Stiftung als Chance zum kulturellen Austausch und sozialen Engagement verstanden wissen. Jamie Pearson von den Grimshaw Architects sagt, der starke Kontrast des Stein-und-Glas-Kubus zu seinem Umfeld sei intendiert. "Dieses Ding hierher zu setzen, war wie einen Kieselstein in die Nachbarschaft zu werfen und zu beobachten, wie die Wellen diesen Ort verändern", sagt der Architekt.

Gründungsdirektor Fereli ist sich bewusst, dass das neue Museum die Mieten und Immobilienpreise in der Nachbarschaft in die Höhe treibt. Doch die Nachbarn freuten sich über die Entwicklung, sagt er. Früher seien die Leute weggezogen, sobald sie es sich leisten konnten, doch nun sagten sie, dass sie bleiben wollten, sagt Fereli. Nur müsse nun verhindert werden, dass "rücksichtslose Immobilienentwickler" kämen und in der Nachbarschaft Hochhäuser errichteten.

Gerade Tarlabaşı hat bereits leidvolle Erfahrungen mit Gentrifizierung gemacht. Die AKP-Regierung von Recep Tayyip Erdoğan hat seit 2006 gegen große Widerstände ein umstrittenes Stadtentwicklungsprojekt durchgedrückt. Dazu wurden hunderte Häuser abgerissen, um nun in historisierender Form als Büros und Wohnungen für die Mittelschicht wiederaufgebaut zu werden. Heute sind nur einige Kirchen und alte Fassaden von dem geschichtsreichen Viertel geblieben.

Kaum ein anderer Stadtteil Istanbuls habe in den letzten Jahren so viel Aufmerksamkeit in Medien, Wissenschaft und Kunstwelt gefunden, sagt der Historiker Esen. Mit seiner explosiven sozialen und kulturellen Mischung sei das Viertel "arm aber sexy". Die großen Kunstinstitutionen würden nun die Geschichte des Viertels "auszubeuten" versuchen. "Der Raum für Abgehängte wird knapper werden", glaubt Esen. Am Ende werde das Bild aber wohl weder schwarz noch weiß sein.

Ulrich von Schwerin

© Qantara.de 2019

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