Al-Qaida hatte ab 2006 mit gezielten Terrorattacken diese Spannungen geschürt. "Viele haben mich gefragt, warum ich zurückgegangen bin – hier sei doch einfach alles riesiger Mist. Aber auch wenn ein Leben als Flüchtling in Europa einfacher gewesen wäre: Der Irak ist voller inspirierender Geschichten, die ich abbilden will." Heute arbeitet sie als Filmemacherin, ihr aktuelles Projekt zeichnet die Fluchtgeschichte dreier arabischer Frauen nach.

Für die nur als Anschubfinanzierung gedachten Stipendien des Goethe-Instituts hatten sich 88 Projekte beworben, sagt Thomas Koessler, Leiter des Goethe-Büros im Irak mit Sitz in Erbil. Am Ende wurden 24 ausgewählt. "Die Funds sind nicht groß, wir hatten insgesamt 80.000 Euro Fördermittel. Es ging uns eher darum, Impulse zu setzen, zu sagen: Hier kannst du kurzfristig und unbürokratisch etwas machen."

Fortlaufende Projektförderung "Spotlight Iraq"

Auch noch im kommenden Jahr soll Spotlight Irak Projekte fördern, aber das Goethe-Institut sieht seine Aufgabe zunehmend darin, die irakischen Partner dazu zu bewegen, selbst spannende Ideen zu unterstützen. "Es ist nicht so, dass es im Irak generell und überhaupt kein Geld gebe. Es gibt Geld, auch das irakische Kulturministerium hat Geld." Das Problem: Die Vergabeprozesse für finanzielle Unterstützung seien sehr undurchsichtig.

Hussein Muttar in Erbil; Foto: Christopher Resch
Hussein Muttar: "Die Leute werden nicht nach Hause gehen, wir werden nicht weglaufen. Auch im Irak gilt das Gesetz, wir sind nicht in einem Dschungel, wir leben nicht mehr in einer Diktatur, und Saddam Hussein ist nicht mehr unter uns."

Geld versickert, das ist im theoretisch reichen Irak ein Alltagsphänomen. Korruption, religiös geschürte Spaltungen, Arbeits- und Perspektivlosigkeit: Die Probleme im Irak sind seit Langem die gleichen. Die Künstlerinnen und Künstler hier im Ala Center verarbeiten sie entweder in ihren Werken oder sind gleich selbst davon getroffen: Viele haben Abschlüsse von irakischen Universitäten oder studieren noch – von einer lukrativen Anstellung können sie aber nur träumen.

Der Geist des Tahrir-Platzes

Die Themen der Revolutionäre in der Hauptstadt und anderen irakischen Städten stehen im Raum, begleiten jedes Gespräch. Eigentlich sollte die Veranstaltung in Bagdad stattfinden, aber wegen der unklaren Sicherheitslage entschied sich das Goethe-Institut kurzfristig für Erbil.

Der Filmemacher Yasir Kareem bedauert das zwar, sagt aber auch: "Das ist eben einer dieser vielen Widersprüche in uns und in unserem Land." In einer kurzen, flammenden Rede beschwört er den Geist des Tahrir-Platzes: "Für mich haben wir schon gewonnen. Auf dem Tahrir-Platz sehe ich einen Irak, wie ich ihn mir wünsche, endlich ein Heimatland für uns alle."

Das findet auch Huda al-Kadhimi: "Auf dem Tahrir sind alle vereint, hier haben wir endlich die Spaltungen in Sunna und Schia oder zwischen Norden und Süden überwunden."

Der Rücktritt des Premierministers Adil Abd al-Mahdi sei ein erster Schritt, sagt Hussein Muttar, ein 21-jähriger Student. Aber: Weitere müssten folgen, wegen des Massakers in Nassriyah, wegen der gezielten Kopfschüsse mit Tränengasgranaten, wegen der brutalen Gewalt iranisch unterstützter Gruppen seit Tag eins der Revolution.

"Die Leute werden nicht nach Hause gehen, wir werden nicht weglaufen. Auch im Irak gilt das Gesetz, wir sind nicht in einem Dschungel, wir leben nicht mehr in einer Diktatur, und Saddam Hussein ist nicht mehr unter uns. Wir werden unsere Rechte nicht einfach aufgeben."

Christopher Resch

© Qantara.de 2019

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