Kulturschaffende im Irak

Gemeinsamkeiten entdecken, Spaltungen überwinden

Im nordirakischen Erbil traf sich Ende November eine Riege junger Kulturschaffender aus allen Teilen des Landes. Ihre Werke überwinden die Bruchlinien der Gesellschaft und ziehen Parallelen zur Revolution in Bagdad und im ganzen Land. Aus Erbil informiert Christopher Resch.

Lanah Haddad kommt aus dem Reden nicht mehr heraus. Die Menschen im Ala Center im nordirakischen Erbil drängen sich um sie, der Strom reißt kaum ab. Auf Kurdisch, Arabisch, Englisch und Deutsch erklärt die Archäologin und Künstlerin das von ihr erdachte Brettspiel "The Assyrian Empire", in dem die Spieler als assyrische Könige Assurbanipal oder Sanherib um Macht und Einfluss kämpfen.

Die Assyrer bestimmten bis etwa zum 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung die Geschicke der Region. Das fruchtbare Mesopotamien – das Zweistromland von Euphrat und Tigris – war zur damaligen Zeit den Europäern weit voraus, das assyrische Reich gilt in seiner Blüte als eine Hochkultur des Alten Orients.

In Deutschland würde ein Historien-Brettspiel wohl auf weniger Interesse stoßen. Im Irak dagegen könnte der Zeitpunkt nicht besser sein: Immer mehr Menschen im Land besinnen sich auf ihre gemeinsame Geschichte. "Das Spiel soll eine Brücke zu ihrem gemeinsamen Erbe sein", sagt Lanah Haddad.

Gemeinsamkeiten entdecken, Spaltungen überwinden: Das ist auch eine der Losungen der Proteste in Bagdad und vielen weiteren Städten des Zentral- und Südirak. Den Demonstrierenden geht es um ein Ende von Korruption, Gewalt und religiösen Spaltungen, sie fordern Arbeitsplätze, Perspektiven, verlässlich Strom und sauberes Wasser.

Wie zwei Welten

Erbil und Bagdad trennen 60 Flugminuten, aber an diesem Samstag Ende November mag es sich anfühlen wie zwei Welten. In Bagdad gehen Hunderttausende auf die Straßen, Erbil wirkt ruhig und fast etwas langweilig. Aber nur auf den ersten Blick. Im Ala Center, einem verwinkelten Kulturzentrum mit Garten und Café, das der Jugendorganisation der Demokratischen Partei Kurdistans gehört, zeigen gut 20 Künstlerinnen und Künstler aus allen Teilen des Landes ihre Werke.

Brücke zum gemeinsamen historischen Erbe: Die irakische Künstlerin und Archäologin Lanah Haddad stellt in Erbil das Brettspiel "The Assyrian Empire" vor; Foto: Christopher Resch
Brücke zum gemeinsamen historischen Erbe: Die irakische Künstlerin und Archäologin Lanah Haddad hat das Brettspiel "The Assyrian Empire" konzipiert, in dem die Spieler als assyrische Könige Assurbanipal oder Sanherib um Macht und Einfluss kämpfen.

Es gibt Filme, Comics, Musik und Theater, und wer sich einen ganzen Tag lang die Werke ansieht, mit den Künstlerinnen und Künstlern spricht und sich unter das Publikum mischt, erhält einen intensiven Einblick in die lebhafte Kulturszene des Irak. Alle diese Projekte hat das Goethe-Institut mit seinem Programm "Spotlight Iraq" gefördert.

Althergebrachte Traditionen überwinden

Die 22-jährige Sarah al-Zubaidi zum Beispiel will die Liebe zum Theater in ihrer Heimatstadt Kerbela fördern. Die Stadt ist zwar religiös-historisch wegen der Schlacht von Kerbela im Jahr 680 von großer Bedeutung – ein modernes, kulturell bereicherndes Leben zu führen, sei vor allem für Frauen aber schwierig, sagt al-Zubaidi. "Mein Theaterprojekt soll auch zeigen, dass wir manche dieser althergebrachten Traditionen aufbrechen müssen. Im Moment erlauben die gesellschaftlichen Einschränkungen den Frauen weder ihre Ziele zu verfolgen, noch sich am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen."

Für Huda al-Kadhimi war gerade das der Ansporn, wieder in ihr Heimatland zurückzukehren. Sie ist in Amman aufgewachsen, weil ihrer Familie die Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten zu groß geworden waren.

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