Dem Streben nach Individualismus und Freiheit stellt sich die harte kulturelle und wirtschaftliche Realität Jordaniens entgegen. Nach wie vor wird von jungen Männern erwartet, einen Uni-Abschluss zu machen, sich einen geregelten Job zu suchen, Geld zu sparen, eine Familie zu gründen, "ein Haus zu eröffnen" und ein "normales Leben" zu führen, wie es die Gesellschaft für ihn vorsieht.

Männer wie auch Frauen sollen möglichst so lange zuhause bei der Familie wohnen, bis sie verheiratet sind. Für die meisten Eltern der älteren Generationen ist es nicht einmal annähernd verständlich, warum junge Menschen nach dem Abschluss ausziehen und allein leben wollen würden. Wenn es für alleinstehende Männer schwierig ist, die Familie von der geplanten Selbstständigkeit zu überzeugen, dann ist es für Frauen beinahe unmöglich. Ausnahmen bestehen nur dann, wenn die Frau einen Universitätsabschluss in einer anderen Stadt anstrebt, wo sie in einem streng geregelten Studentenwohnheim lebt, oder wenn sie alleinstehende Mutter ist.

Die harte wirtschaftliche Realität

Dem Streben nach Individualismus und Freiheit stellt sich auch die harte kulturelle und wirtschaftliche Realität Jordaniens entgegen, denn das Leben in der Stadt ist teuer. Der Verbraucherpreisindex liegt derzeit, laut Statistiken von TradingEconomics.com, bei 120. Zudem ist es heute schwieriger denn je, einen Job nach dem Abschluss zu finden. Laut Jordaniens Statistikbüro erreichte die Arbeitslosenquote im zweiten Quartal 2017 18 Prozent (13,4 Prozent unter Männern, 33,4 Prozent unter Frauen).

Aber auch wenn ein junger Universitätsabgänger es tatsächlich schaffen sollte, an einen Job zu kommen, ist die Hoffnung auf gute Bezahlung, die ein anständiges Leben, oder zumindest eine stetige Gehaltserhöhung ermöglicht, gering.

Das Kulturcafé Naqsh; Foto: Hakim Khatib/MPC Journal
Ammans grüne Oase und Meeting Point der jüngeren Generation: Kulturcafés wie das "Naqsh" im Stadtzentrum Ammans sind beispielhaft für innovative Basisprojekte, die zudem den kulturellen Dialog zwischen Orient und Okzident fördern.

Lange Zeit fehlte es Amman und der hier stark vertretenen Mittelschicht an Repräsentation in den Medien. Das lag zum einen an der nachlassenden Qualität nationaler Fernsehproduktionen ab den 1990er Jahren und zum anderen an der geringen Priorität, die der Staat der Hauptstadt und Mittelschicht zuschrieb, während er sich unter der Beduinenbevölkerung Jordaniens um stärkeren Zuspruch bemühte.

Die Unterrepräsentation der Mittelschichtskultur war überall bemerkbar: im Lokalfernsehen, in Serien und sogar in den Zeitungen. Zwar gab es einige private Initiativen, um dies zu ändern. Die einzig erfolgreiche war jedoch lediglich die Etablierung von Roya TV im Jahr 2011 durch einen jordanischen Investor. Das Programm des Senders war vor allem dem gewidmet, was die ganze Zeit gefehlt hatte: dem sozialen und kulturellen Leben der Ammaner Mittelschicht und der Jugend. In Jugendtalkshows wie Caravan oder Comedyserien wie Female erhielten sie nun die nötige Aufmerksamkeit.

Vorbei an kulturell traditionellen und politischen Werten

Alles in Amman ist zentralisiert und so ist es absehbar, dass sich auch der Wertewandel und das Streben nach Individualität schnell vollziehen. Sie spiegeln sich in den tagtäglichen Kulturveranstaltungen wider, von denen es in Amman heute mehr denn je gibt.

Die Kunst- und Kulturszene Ammans floriert und wird stetig durch weitere unabhängige Kunsträume, Galerien und Kulturcafés erweitert, finanziert von Individuen oder Organisationen. Kulturelle Initiativen wie Buchclubs oder Rock- und Hip Hop-Konzerte sind nicht länger die Ausnahme, sondern die Regel – überall in Jordanien. Der hohe Berührungsgrad mit Kunst- und Kulturevents, wie Kunstausstellungen, einer Design-Woche, die mittlerweile das zweite Jahr in Folge stattgefunden hat, Filmfestivals, Talks und Podiumsdiskussionen, und mit ihrem internationalen Publikum – all das treibt den Wertewandel an.

Die explosionsartige Verbreitung kultureller Aktivitäten lässt inmitten aller Schwierigkeiten ein Gefühl der Hoffnung entstehen. Während über vorangegangenen Generationen die Wolken politischer Niederlage hängen, sind sich die jüngere Generation – ob nun politisiert oder nicht – bewusst, dass der einzige Weg nach vorne nur buchstäblich nach vorne führt, vorbei an kulturell traditionellen und politischen Werten. Angesichts der harschen wirtschaftlichen Lage Jordaniens ist dies allerdings ein schwieriger Weg.

Yazan Ashqar

© Goethe-Institut Kairo/"Perspektiven" 2018

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