Öffnung für die großen Fragen

Zweitens, die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts in Ägypten zeichnete sich durch eine starke kulturelle Dynamik und enorme Dichte an künstlerischer und intellektueller Produktion aus.

Die Diskurse drehten sich um Fragen der Identität, begleitet vom Bestreben, der ägyptischen Zivilisation auf den Grund zu gehen. Fragen nach Zugehörigkeit - zur Kultur des Mittelmeerraums, zur islamischen Gemeinschaft, zum arabischen Sprachraum beschäftigten die Intellektuellen. Wie junge Triebe schossen zuvor nie gestellte Fragen sowie marxistische, islamische, faschistische und andere neue geistige Strömungen aus dem Boden. Die Frauenbewegung und die Arbeiterbewegung gingen ebenfalls aus dieser Epoche hervor. Es herrschte ein Klima der Offenheit gegenüber den Versuchen, neue Erkenntnisse aus der eigenen Geschichte und den eigenen Denktradition herauszuschälen.

In diesem Raum, in dem die bürgerlichen Rechte weitgehend anerkannt wurden, war ein gesellschaftlicher Dialog möglich, der die Grundlage für eine Entfaltung von Kreativität darstellt. Selbstverständlich war auch dieser Diskurs nicht vor Ausgrenzung und Einschüchterung Einzelner gefeit. So widerfuhr es beispielsweise Ali Abdel Raziq nach der Veröffentlichung seines Buches „Der Islam und die Grundlagen des Regierens“. Trotz aller Kontroverse über sein Buch erfüllte sich jedoch letzten Endes Abdel Raziq’s Absicht, denn sein Werk bereicherte und befeuerte die gesellschaftliche Debatte darüber, ob eine islamische Staatsführung in Form des Kalifats notwendig ist oder eben doch nicht, wie Abdel Raziq schrieb.

Khaled al-Khamissi; Foto: screenshot youtube/France24
Khaled al-Khamissi ist ein bekannter ägyptischer Schriftsteller, Autor mehrerer Romane, Hochschuldozent und Kulturaktivist. In seinen Romanen "Im Taxi. Unterwegs in Kairo", "Arche Noah" und "Shamandar" (nicht auf Deutsch übersetzt) seziert al-Khamissi die ägyptische Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine Werke wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. 2014 erschien sein erstes nicht-fiktionales Werk "2011" (Titel der englischen Übersetzung). Seine in Ägypten und im Ausland publizierten Essays gewähren einen vielseitigen Einblick in sein Schaffen als politischer Essayist und Romancier.

Im weiteren Verlauf des letzten Jahrhunderts führte der allgemeine politische Trend zu einer Verengung des Diskurses und trug eine allzu kurze Epoche zu Grabe, deren Protagonistinnen und Protagonisten sich der Suche nach Antworten auf die großen Fragen verschrieben hatten. Die Entscheidungsträger und politisch Mächtigen bestimmten fortan, welche Fragen gestellt werden durften und hielten auch die Schlüssel zu den Antworten fest in ihrer Hand. Wer es dennoch wagte, unangenehme Fragen zu stellen und damit ihr Unbehagen zu wecken, dem drohte ein düsteres Schicksal.

Offenheit und Toleranz statt Abschottung und Radikalität

Drittens, vor einigen Tagen erschien eine Nachricht über die Entscheidung des neuen algerischen Präsidenten, Pierre Audin die algerische Staatsbürgerschaft zu  verleihen. Pierre Audin ist Sohn des französischen Mathematikers Maurice Audin, der seinerzeit als Mitglied der Algerischen Kommunistischen Partei (PCA) für die Unabhängigkeit Algeriens kämpfte, bis er im Alter von 25 Jahren von den französischen Besatzungsmächten ermordet wurde.

Viele Algerierinnen und Algerier protestierten gegen die Entscheidung, einem Franzosen und Nicht-Muslim die algerische Staatsbürgerschaft zu verleihen. In dieser Auffassung entlarvt sich eine Grundhaltung der Abschottung und Radikalität, die große Teile der arabischen Bevölkerungen an den Tag legen.

Es ist derselbe bornierte Geist, aus dem sich der bedauerliche Verlauf der folgenden Begebenheit speist: Eine ägyptische Journalistin unterhielt sich mit dem französischen Journalisten Alain Gresh in einem traditionellen Café in der Kairoer Innenstadt. Was darauf geschah war äußert bizarr und letztlich tragisch.

Eine Frau, die dem Gespräch der beiden gelauscht hatte, rief die Polizei, um vor einem potenziellen Spitzel in den eigenen Reihen zu warnen, der ägyptische Staatsgeheimnisse an verschlagene Hintermänner aus dem Ausland weitergibt. Das letztlich Fatale an der Situation war, dass daraufhin tatsächlich ein Polizist auf Alain Gresh und die ägyptische Journalistin zukam und Letztere dazu aufforderte, mit auf die Polizeiwache zu kommen.

Wo soll dieser makabre Zustand des grundlegenden gegenseitigen Misstrauens hinführen? Wie sollen Ideen in einem solch erdrückenden Klima der Angst gedeihen? Selbst die Aufrechtesten unter uns werden irgendwann unter dieser Last zerbrechen und demoralisiert zurückbleiben.

Aber es geht auch anders: Einen Ausdruck von Verbundenheit finden wir in dem Lied „Bukhmar Khanfchar“, getextet von Badi' Khayri und vertont von Sayed Darwish. Hier sprechen abwechselnd die Stimmen eines Levantiners, eines Türken, eines Ägypters und eines Griechen. Sie stehen unbehelligt neben- und beieinander, alle finden ihren Platz in diesen Zeilen.

Die Redaktion empfiehlt