Kultur in der arabischen Welt

Wo bleiben die arabischen Ikonen?

Nachdem sich der französische Präsident Macron kürzlich mit der libanesischen Sängerin Fairuz ablichten ließ, drängte sich vielen die Frage auf: Bringt die arabische Welt überhaupt noch Stars hervor, die Fairuz das Wasser reichen könnten? Dazu fehlen in der arabischen Welt im Moment die Räume für Kreativität und Innovation, meint der ägyptische Schriftsteller Khaled al-Khamissi in seinem Essay für Qantara.de.

Bislang zeichnen sich keine Sterne am Himmel der arabischen Musik und Literatur ab, die den Kultgrößen Fairuz, Taha Hussein, Umm Kulthum und Mohammed Abdel Wahab künftig den Rang ablaufen könnten. Aber warum ist das so?

Wer kann heute erzählen wie Yusuf Idris, der Meister der Kurzgeschichte? Wer schreibt Romane, so bedeutsam wie die Werke von Nagib Mahfuz?

Wer folgt den wegweisenden Neuerungen Taufiq al-Hakims beim Theater und wer tritt die Nachfolge Mohammed Hassanein Heikals im Journalismus an?

Wer ist im Kino so groß, wie es Salah Abu Seif einst war? Wer wird das Erbe Mahmoud Mokhtars in der Bildhauerei antreten? Und wer die Lücke füllen, die Abdel Hadi al-Gazzar in der bildenden Kunst hinterlassen hat?

Wer tritt in die Fußstapfen des Intellektuellen Louis Awad? Wo sind Lyriker wie Amal Donqol? Wer setzt Maßstäbe in der Wissenschaft wie Ali Moustafa Mosharafa und bringt neue Ideen wie Talaat Harb in der Wirtschaft?

Die ernüchternde Antwort lautet: Es gibt sie nicht, die Nachfolger dieser Kulturgrößen.

Geißeln wir uns mit diesen Fragen lediglich selbst, gehen wir zu hart mit unserer Kulturszene ins Gericht? Oder liegt diesen Fragen vielmehr eine Haltung der Verweigerung zugrunde, die ihre Augen vor neuen Potenzialen verschließt?

Wohl kaum. Kein Werk aus den letzten 50 Jahren hat in der arabischen Welt einen solchen Nachhall erfahren wie das 1927 erschienene Buch „Über die vorislamische Dichtung“ von Taha Hussein.

Doch warum? Dies lässt sich nicht eindeutig beantworten. Selbstverständlich gibt es junge Nachwuchstalente, deren Stimmen denen von Fairuz, Umm Kulthum, Leila Murad und Asmahan ähneln. Aber warum kommen uns diese Stimmen nicht zu Gehör? Wo sind die großen Komponistinnen und Komponisten, wie sie al-Sunbati, Baligh, al-Mougy und al-Qasabgi einst waren?

Zweifelsohne gibt es dafür zahlreiche Gründe. Einige davon sollen im Folgenden näher beleuchtet werden.

Umm Khultum; Foto: screenshot Youtube
Die ägyptische Sängerin Umm Khulthum war eine arabische Ikone des 20. Jahrhunderts, so legendär wie Maria Callas oder die Beatles in der westlichen Welt. Khaled Al-Khamissi untersucht die Frage, warum es heute keine Ikonen im Rang einer Umm Khulthum mehr in der arabischen Welt gibt. Für ihn liegt das in erster Linie daran, dass es heute an den dafür notwenigen künstlerischen und kulturellen Freiräumen fehlt.

Der Raum der Stadt

Erstens sind Städte seit jeher Quelle und Triebkraft für Kreativität und Innovation. Die urbane Umgebung und das Beziehungsnetz, das innerhalb dieses Raumes entstehen kann, geben Impulse für neue Ideen und künstlerisches Schaffen. Genauso können Städte einen gegenteiligen Effekt haben und als Katalysatoren für Innovationsfeindlichkeit und die Unterdrückung neuer Ideen wirken. Dies hängt nicht zwangsläufig mit dem dahinterliegenden politischen System und seiner Einstellung zu Innovation zusammen.

Werfen wir beispielsweise einen Blick auf Budapest im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts. Die lebendige Atmosphäre in der Stadt bot vielen klugen Köpfen Raum zur Entfaltung ihrer Ideen. Mit ihren Innovationen nahmen große Visionäre Einfluss auf den Verlauf des weiteren Jahrhunderts, beispielsweise Leó Szilárd, Physiker und Pionier seines Fachs, der seit 1933 maßgeblich an der Entwicklung und Anwendung der Kernenergie beteiligt war. Oder John von Neumann, Mathematiker und Physiker, bekannt für seine bahnbrechenden Entdeckungen im Bereich der Quantenmechanik.

Ebenso wie Budapest war auch Alexandria zur selben Zeit ein Hafen für Intellektuelle und Künstler. Die Mittelmeerstadt war damals ein Ort der Schaffenskraft und Kreativität, der in der Zeit seiner Blüte brillante Persönlichkeiten wie den Sänger Sayed Darwish, den Lyriker Bayram al-Tunisi, den Schriftsteller Taufiq al-Hakim oder den Schauspieler Mahmoud Said hervorbrachte.

Alexandria entwickelte sich in dieser Zeit zu einem florierenden internationalen Schmelztiegel, dessen kulturelle und infrastrukturelle Attraktivität die Avantgarde aus verschiedensten Disziplinen anzog. Doch Kreativität fällt nicht einfach so vom Himmel: Die Stadt und ihr Netz aus Beziehungen boten dem regen kreativen Treiben einen fruchtbaren Boden, auf dem die Ideen ihrer Bewohner wachsen und gedeihen konnten. So brauchte der Sänger Sayed Darwish den Lyriker und Liedtexter Badi′ Khayri, und diese beiden wiederum brauchten den Schauspieler Naguib al-Rihani. Alle Drei brauchten dutzende Andere, um ihre Projekte zu realisieren und ihrer Kreativität Ausdruck zu verleihen.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zog es Armenier, Levantiner, Italiener, Griechen und andere nach Ägypten. Ob im Kino, in der Musik, im Theater oder in akademischen Kreisen – durch die Beiträge von Menschen unterschiedlichster Herkunft sorgten die verschiedenen kulturellen Einflüsse für eine kontinuierliche Weiterentwicklung und Ausdifferenzierung.

Eine ähnliche Entwicklung vollzog sich in Städten wie Paris oder New York, die ebenfalls unzählige Künstlerinnen und Künstler anlockten. Im ägyptischen und arabischen Raum bot keine andere Stadt ein mit Alexandria vergleichbares Milieu, keine andere Stadt hat so viel Raum für Ideen, Dialog und kulturellen Austausch geboten.

Heute sind Kultureinrichtungen und Bildungsinstitutionen in einem jämmerlichen Zustand, verfallen und verlebt. Es fehlt ihnen an finanziellen Mitteln. Künstlerische Aktivität und Bildung brauchen Ressourcen, aber auch ein innovationsfreundliches Klima, woran es uns eklatant mangelt. Unsere Schulbildung basiert - wir wissen es alle - auf Indoktrination. Wir verfügen nicht über Räume, in denen sich Kreativität entfalten kann, neue Ideen werden im Keim erstickt.

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