Die Ney ist seit Jahrhunderten in weiten Teilen der islamischen Welt beheimatet, insbesondere im Iran sowie im arabischen Raum. Perfektioniert wurde sie jedoch im Osmanischen Reich in den Ordenszentren der Mevlevis, jener 800 Jahre alten Sufi-Bruderschaft, die sich auf die Lehren Rumis beruft.

Die Ney war über Jahrhunderte das Hauptinstrument der Mevlevis und erhielt durch ihre Begleitfunktion während den Sema-Zeremonien eine rituelle Funktion. Für diese berühmte Drehmeditation erschufen die Mevlevis ihre eigenen Musikrepertoire. Ein Beispiel sind die Kompositionen des osmanischen Musik-Meisters Buhurizade Mustafa Itri aus dem 17. Jahrhundert, einem Zeitgenossen Bachs, der manchmal mit diesem verglichen wird.

Ergüner ist heute in diesem spirituellen Musikerbe zuhause wie kaum ein anderer: Bereits als Kind frequentierte er in Istanbul mit seinem Vater regelmäßig Sufi-Zirkel und wurde dadurch mit dem Mevlevi-Orden bekannt. In seiner Autobiographie “Journeys of a Sufi Musician”, die im Jahr 2005 erschien, beschreibt Ergüner das langsame Verschwinden der Sufi-Traditionen in der modernen türkischen Republik, eine Folge von Atatürks Verbot der Sufiorden im Jahr 1925.

Das renommierte Songlines-Magazin schrieb damals zu Ergüners Buch: “Welche Wiederbelebung [der Sufi-Musik] es auch immer geben mag, sie wird größtenteils Ergüner und seinen Kollegen zu verdanken sein. Er ist exzellent darin, die Kluft zwischen Ost und West und all die Ironie, welche diese aufwirft, zu überbrücken.”

Eine königliche Melancholie

Der Titel des neuen Albums, “La Mélancolie Royale” ist wohl überlegt und spielt auf die historischen Dynamiken zwischen Ost und West an. Der namensgebende Ausdruck stammt aus der osmanischen Geschichte. Unter der Regentschaft von Abdul Mejid I. (1839-1861) entwickelten die osmanischen Sultane ein Faible für westliche Musik. Dabei begannen sie,  die eintausend Jahre alte einheimische Tradition der östlichen Hofmusik zu vernachlässigen.

Als Abdul Mejids Sohn Abdul Hamid (1876-1918) – so wird es erzählt – eines Tages dem berühmten Musiker Tanburi Cemil Bey beim Spiel auf seiner Langhalslaute zuhörte, konnte er die Melancholie der Musik nicht mehr aushalten. Also ließ sein Kammerdiener das Tanbur-Spiel unterbrechen und wisperte in das Ohr des Virtuosen, dass er eine “teessür-ü şahane” oder “königliche Melancholie” bei dem Potentaten verursacht habe.

Ergüner greift diese Anekdote auf und will damit an den spirituellen Charakter der osmanischen Hofmusik erinnern. Es handele sich bei der osmanisch-sakralen Musik um eine geistige Klangtradition, die so ganz anders war als die irdischen Klänge, die aus den Palästen der Potentaten Europas schallten. Doch schon bald habe sich auch die türkische Musik den europäischen Trends angepasst und wurde in diesem Zuge profanisiert.

“Ich habe diesen Albumtitel vorgeschlagen, um diesen radikalen und grundlegenden philosophischen Wandel in der Rolle zu unterstreichen, welche Musik von unseren Gelehrten, die seit dem 19. Jahrhundert auf die westlichen Zivilisation ausgerichtet sind, zugeschrieben wurde”, erklärt Ergüner, der jegliche Unterteilung in osmanische Hofmusik und Sufi-Musiktradition ablehnt, da diese in Wirklichkeit die Äste ein und derselben Tradition seien.

Auch wenn er als Weltmusiker gehandelt wird, stand Ergüner dem Begriff “Weltmusik” als Sammelbegriff für nicht-westliche Musiktraditionen stets kritisch gegenüber. Als Eren Güvercin in einem Interview den Ney-Spieler einmal zu seiner Fusion von Mevlevi-Musik mit Goethe-Gedichten auf deutschen Bühnen befragte, antwortete dieser: “Die Türkei will Europa immer beweisen, wie europäisch sie doch sind. Dazu treten ständig auf Festivals türkische Pianisten auf, die Mozart spielen, oder türkische Popmusiker werden in der Vitrine ausgestellt, gar nicht zu sprechen von den Techno-Sufis… Ich frage mich, ist von unserer Vergangenheit, unserer Zivilisation nichts mehr übrig geblieben? Auf diese meine Frage gibt Goethe die schönste Antwort! Die Welt braucht auch andere Kulturen als die des Westens.”

Und so ist “La Mélancolie Royale” mit seinen langen, solistischen Ney-Taksimen vielleicht für den ungeschulten Hörer erst einmal etwas anstrengend, aber im Lichte von Ergüners kultureller Bewahrungsarbeit, die sich dem Trivialen und Leichtvergänglichen gegenüber stellt, ein wirklicher Verdienst. Es ist Ney-Musik mit einer Mission.

Marian Brehmer

© Qantara.de 2020

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