Mouhanad Khorchide, Leiter des Zentrums für Islamische Theologie in Münster, Foto: DW
Kritik an Münsteraner Islamthelogen Mouhanad Khorchide

Streit um die Seele des Islam

Mouhanad Khorchide, Leiter des Zentrums für Islamische Theologie in Münster, wird von muslimischen Verbänden angefeindet und zur "Reue" aufgefordert – und wehrt sich nun öffentlich. Daniel Bax informiert.

Mit einem grundsätzlichen Bekenntnis zu den sechs Glaubensgrundsätzen und den fünf Säulen des Islam hat der Münsteraner Mouhanad Khorchide auf den Vorwurf reagiert, sich zu weit von den Grundsätzen seiner Religion entfernt zu haben.

In einer langen Klarstellung, die er jetzt auf der Webseite seines Instituts veröffentlichte, ging er aber auch hart gegen seine Kritiker vor, die von ihm gefordert hatten, sich von einigen seiner jüngsten Aussagen zu distanzieren. In scharfen Worten schreibt er, es gebe den "Versuch einiger Personen und Institutionen, gerade den Standort Münster zu Fall zu bringen", indem man ihm unterstelle, er würde dort einen "Staatsislam" predigen. Dies zeuge aber "von keiner islamischen, feinen Haltung".

Buchcover Islam ist Barmherzigkeit von Mouhanad Khorchide
Konservativen Muslimen ein Dorn im Auge: Auf Khorchides Buch "Islam ist Barmherzigkeit", das im vergangene Jahr im Herder-Verlag erschienen ist, hat er viel positive Resonanz erhalten. Aber es gab auch Kritik: Seine Auslegung göttlicher Barmherzigkeit ging konservativen Muslimen zu weit.

​​Der 41-jährige Mouhanad Khorchide unterrichtet seit dem Sommer 2010 als Professor an der Universität Münster, die seit Herbst 2010 unter anderem Religionslehrer für den Islamunterricht an deutschen Schulen ausbildet. Auf sein Buch "Islam ist Barmherzigkeit", das im vergangene Jahr im Herder-Verlag erschienen ist, hat er viel positive Resonanz erhalten. Aber es gab auch Kritik von konservativen Muslimen, denen seine Auslegung göttlicher Barmherzigkeit zu weit ging.

Angefeindet von deutschen Salafisten

Khorchide wurde als Sohn palästinensischer Flüchtlinge in Beirut geboren, wuchs in Saudi-Arabien auf und studierte in Österreich, bevor er vor zwei Jahren nach Münster kam. Seine "Theologie der Barmherzigkeit", die er in seinem jüngsten Buch umriss, will er ausdrücklich als Alternative zu einer "Theologie des Gehorsams und der Angst" verstanden wissen, wie sie in der islamischen Welt sehr verbreitet sei.

Er sieht sich dabei in der Tradition verstorbener muslimischer Reformtheologen wie des Ägypters Nasr Hamid Abu Zaid oder des Frankoalgeriers Mohammed Arkoun. Von deutschen Salafisten wird er dafür angefeindet. Seine intellektuellen Kritiker werfen ihm nun "Beliebigkeit" und "Relativismus" vor und finden, dass er sich zu sehr an die Erwartungen einer nichtmuslimischen Öffentlichkeit anbiedere.

Diese Kritik gipfelte in der vergangenen Woche nun in einem Artikel, der in der türkisch-nationalistischen Tageszeitung Türkiye erschien. Drei prominente Islamfunktionäre aus Hamburg – Zekeriya Altug, der den nördlichen Ableger des türkischen Islamverbands Ditib leitet, Mustafa Yoldas von der Schura Hamburg sowie Ramazan Ucar vom Bund Islamischer Gemeinschaften in Hamburg – übten dort scharfe Kritik an dem Theologen.

Letzterer forderte Khorchide sogar dazu auf, "Reue zu zeigen und sich wie ein Muslim zu verhalten". Er erinnerte daran, dass in Münster künftig Lehrerinnen und Lehrer für den bekenntnisorientierten Islamischen Religionsunterricht ausgebildet würden, und stellte damit implizit deren Qualifikation in Frage. Die Islamische Zeitung, die über den Fall berichtete, nannte dies einen "für die Geschichte der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland" bisher einmaligen Vorgang.

Es sei ihm "ein Rätsel, warum ausgerechnet von den Islamverbänden aus Hamburg" nun diese scharfe Kritik komme, sagte Khorchide der taz. Er betont, dass er mit anderen Islamverbänden und auch dem "Koordinationsrat der Muslime", deren Dachverband, ein gutes Verhältnis pflege.

Erst vor kurzem sei er in zwei Ditib-Moscheen in Nordrhein-Westfalen zu Gast gewesen, in Duisburg und Paderborn, wo es eine rege und respektvolle Diskussion gegeben habe. Seine Kritiker lädt er nun zu einer öffentlichen Diskussion ein, um die unterschiedlichen Sichtweisen auszutauschen. Er sieht nach wie vor eine große Chance darin, dass "im Zuge der Etablierung der islamischen Theologie in der akademischen Landschaft ein Diskurs entsteht".

Daniel Bax

© Die Tageszeitung 2013

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Leserkommentare zum Artikel: Streit um die Seele des Islam

Vielleicht wäre es hilfreich, zwischen Kritik und Anfeindung zu unterscheiden???????
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Ich persönlich habe die enttäuschende Erfahrung gemacht, dass Herr Khorchide Kritik ignoriert, was ich jetzt besser verstehe, wenn ich lese, dass es auch Anfeindungen gibt oder Formen von Kritik, die er als Anfeindung versteht. Dennoch gehört Kritik zum Diskurs dazu, man kann nicht Rosen wollen und Dornen von sich weisen.
Ähnlich wie die im Artikel zitierten "intellektuellen Kritiker" bedaure ich es sehr, dass Khorchide gerade das verwirft (wie es zumindest seinem "Gott ist barmherzig" zu entnehmen ist), was der Islam der Welt eigentlich zu geben hätte, nämlich ein vollständiges Gottesbild, das seine dunklen Seiten nicht verleugnen und auch nicht per Theodizee in den Griff kriegen muss (!!!), sondern "einfach" zu akzeptieren weiß, dass Gott Licht und Dunkelheit in übermenschlichem Ausmaß ist. Und das wäre dann auch Gehorsam gewesen in seiner echten Form und nicht nur in der verzerrten Form der Strafangst, um die es Khorchide zu tun ist. Gehorsam als eine Form von Weisheit gibt es schließlich auch, Gehorsam als Verwirklichung der Einsicht in die Tatsache, dass Gott in JEDER Hinsicht größer ist als wir. Das hätte ein Geschenk des Islam an die Welt sein können oder besser eine Erinnerung an die eigene vergessene Wahrheit, denn eigentlich wissen das die Christen und die Juden ebenso gut.

Hanya Diakton02.03.2013 | 07:47 Uhr

In seiner Replik stellt Khorchide es als Grundvoraussetzung eines fruchtbaren Dialoges hin, dass man den Autor so verstehen müsse, wie dieser sich selber versteht. Was ist denn das für ein Dialog, der von vorne herein ausschließt, dass es Missverständnisse, Einseitigkeiten, einfach die Fehler gibt, die passieren, weil jeder (auch der Autor) die Dinge nun einmal nur von seiner eigenen Warte aus verstehen und auch Texte nur mit seiner eigenen Brille lesen kann (selbst wenn er wünschte, dass er allwissend wäre)? Warum ist es so unmöglich zur Kenntnis zu nehmen, dass diese pauschale Äußerung "Islam ist Barmherzigkeit", die schon im Titel eine Definition des Ganzen für sich allein beansprucht und alle anderen damit vom Tisch fegt, manche Menschen auch verletzt haben kann?

Hanya Dikaton02.03.2013 | 10:21 Uhr

Leider kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die islamischen Verbände gegen das aufgeklärte Islambild von Herren Khorchide polemisieren und ihn persönlich angreifen, weil sie Angst um ihre Deutungshoheit über den Islam hierzulande haben. Diese teilweise verfassungsfeindlichen, von älteren Männern dominierten und von fremden Staaten (Türkei und ganz schlimm Saudi-Arabien) finanzierten Verbände sind ein Hindernis für die Akzeptanz eines toleranten, deutschen Islam. Daher müssen wir islamisch aufgeklärte Denker wie Khorchide unterstützen. Die Alternative wäre ein mittelalterlicher Islam aus Anatolien, und im schlimmsten Fall ein Taliban-Islam. Und das wollen wir wirklich nicht!!

Hartmut Salameddin 14.03.2013 | 19:34 Uhr

Die Polarisierung, von der mein Vorredner spricht, ist ein Teil des - selbst gemachten - Problems. Gott sei Dank gibt es keinen deutschen Islam und wird ihn hoffentlich auch nie geben!!!! Wohl aber scheint es ein Interesse daran zu geben, die islamische Welt in zwei Lager aufzuspalten: Khorchide als Retter des wahren Glaubens und die ihn umgebende feindliche Welt. Wer ignoriert, dass es viel mehr islamische Denkweisen gibt als nur zwei und dass auch Nicht-Saudis die Khoriche'sche Verkürzung des Islam als verletzenden Kahlschlag empfinden könnten, reduziert die islamische Welt um die Vielfalt, die sie lebendig und kompliziert macht, und schafft mit seiner auf Schwarz-Weiß reduzierten Sicht erst das Problem, als dessen Lösung er sich ausgibt.

Hanya Dikaton16.03.2013 | 09:09 Uhr