Kriegsverbrechen in Syrien

Giftgas – Wie Deutschland Assad anklagen könnte

Ermittlungen der deutschen Bundesanwaltschaft zu den Beweisen für einen Chemiewaffeneinsatz in Syrien sind im vollen Gange. Die Deutsche Welle und der Spiegel erhielten exklusiven Zugang zu Zeugen und Dokumenten, die Teil der richtungsweisenden Untersuchung sind. Von Lewis Sanders IV, Birgitta Schulke-Gill & Julia Bayer

In den frühen Morgenstunden dieses Hochsommertags war es noch kühl in Ghuta, einem Vorort der syrischen Hauptstadt Damaskus. Es war der 21. August 2013, als das Giftgas Sarin in die unteren Stockwerke der Häuser eindrang – in Wohnvierteln, die von der Opposition gegen Machthaber Baschar al-Assad kontrolliert wurden.

"Es war wie am Tag des Jüngsten Gerichts, als wären die Menschen Ameisen, die mit Insektenspray getötet wurden", erzählt Eman F., Krankenschwester und Mutter von drei Kindern. "Viele Menschen lagen tot auf der Straße. Autos standen still, vollgepackt mit Menschen, als wären sie beim Versuch zu fliehen gestorben."

Eman bat ihren Bruder, ihre Kinder in Sicherheit zu bringen. Dann eilte sie in das Krankenhaus, in dem sie arbeitete. Ihr Ehemann Mohammed kam wenig später nach, um erste Hilfe zu leisten. "Viele Menschen kamen ins Krankenhaus, weil es sich in einem Keller befindet", erinnert sich Mohammed.

Die Bevölkerung hatte längst gelernt, dass Kellerräume Schutz vor Luftangriffen und Beschuss bieten. Und so suchten panische Zivilisten auch in dieser Nacht Zuflucht in den tieferliegenden Stockwerken der Gebäude, als die ersten Geschosse Ghuta trafen. Nicht ahnend, dass das tödliche Saringas sich in der Nähe des Bodens konzentriert. 

"Ich ging runter zu meiner Frau in die Klinik und sagte ihr, sie solle nach draußen kommen und sich ansehen, was da passiert. Als ich wieder hochkam, landete eine Rakete vor dem Gebäude. Danach fühlte ich nichts mehr", erinnert sich Mohammed.

 

 

Als Eman etwas später selbst den Keller verließ, sah sie oben ihren Mann zuckend auf dem Boden liegen. Um ihn herum wanden sich Dutzende weitere Menschen in Krämpfen. "Es war eine schreckliche Szene, die ich Ihnen nicht beschreiben kann", erzählt sie weinend. Die Zigarette in ihrer Hand ist bis auf einen kleinen Stummel heruntergebrannt.

Die syrische Krankenschwester lebt inzwischen in einer Stadt in Deutschland, dort erzählt sie uns ihre Geschichte. Aus Sicherheitsgründen hat die Redaktion ihren Namen geändert, Eman hat noch Familie in Syrien. "Ich hatte keine Ahnung, was passiert war. Ich rannte los, um Spritzen mit Atropin zu holen, ein Mittel gegen das Ersticken. Als ich zurückkam, fühlte ich plötzlich selbst nichts mehr. An die Zeit danach kann ich mich nicht mehr erinnern."

Das Ehepaar hatte Sarin eingeatmet, einen der gefährlichsten Nervenkampfstoffe. Das geruchlose Gas lähmt die Atmung, die meisten Opfer ersticken. Überlebende machen das Assad-Regime für den bisher tödlichsten Chemiewaffen-Einsatz im syrischen Bürgerkrieg verantwortlich.

Zivilisten im Vizier

Bis heute kämpft Eman mit dem, was sie in dieser Augustnacht 2013 in Ost-Ghuta erlebt hat, sie leidet unter Panikattacken. Das Nervengas tötete eines ihrer drei Kinder, ihren ältesten Sohn (19). Das erfuhren sie und ihr Mann Mohammed jedoch erst einige Tage später: Ein Verwandter erkannte den jungen Mann auf Bildern im Internet. Noch nicht einmal begraben konnten die Eltern ihr Kind – der Sohn war kurz nach dem Angriff in einem Massengrab verscharrt worden.

Aber Eman und Mohammed sind nicht die einzigen, die in dieser Nacht einen geliebten Menschen verloren. Nach Angaben mehrerer unabhängiger Quellen wurden bei diesem Angriff mindestens 1000 Menschen getötet, darunter mehr als 400 Kinder.

"Bis heute sehe ich die Kinder vor mir, die vor meinen Augen starben", berichtet Thaer H., ein syrischer Journalist, der den Angriff dokumentiert hat. "Ich bin kein Arzt. Ich wusste nicht, wie ich jemanden retten sollte, der vor meinen Augen stirbt. Wir waren nicht darin geschult, mit Giftgas umzugehen."

Die Redaktion empfiehlt