Wenn ich als Muslima heute in Deutschland lebe und mich frage, ob ich das Kopftuch tragen soll oder nicht, stellt sich die Frage, ob die in Koran 33:59 geforderte zusätzliche Verschleierung des Kopfes noch ihren ursprünglichen Zweck erfüllt, nämlich die Frauen vor den Begehrlichkeiten der Männer zu schützen? Meine Antwort darauf lautet: Nein. Im Deutschland der Gegenwart erfüllt die Verschleierung den ursprünglichen Zweck des Schutzes nicht mehr. Sie sorgt sogar eher für das Gegenteil dessen, was Gott beabsichtigt hat, indem sie ihre Trägerin Nachteilen, etwa durch Diskriminierungen, aussetzt. Statt des Schleiers im Zusammenhang mit den damaligen Gesellschaftsregeln, wird der intendierte Schutz vor "Belästigungen" heute durch ein funktionierendes Rechtssystem gewährt.

Der freiheitliche Rechtsstaat schützt eine Frau, indem er beispielsweise Angriffe auf ihre Person unter Strafe stellt. Der Schutz gilt zwar in erster Linie der körperlichen Unversehrtheit, aber auch im Hinblick auf die moralische Unversehrtheit ist der Mensch angesichts der in einem modernen Rechtsstaat gewährten Freiheiten mehr denn je für sich selbst verantwortlich. Die Verschleierung kann mir diese Verantwortung nicht abnehmen. Ich kann mich nicht hinter einem Stückchen Stoff verstecken. Der freiheitlich-demokratische Rechtsstaat gewährt Rechte und erlegt zugleich Pflichten auf. In einer solchen Umgebung kann ich mich mit und ohne Schleier ehrenwert verhalten – oder auch nicht.

Ein "Mode-Accessoire" aus koranischer Zeit?

Dieser Argumentation folgend, kann man sich also der vom Koran für die altarabische Stammesgesellschaft geforderten zusätzlichen Verhüllung entledigen. Was damit zunächst bleiben würde, ist der khimâr beziehungsweise jene Kopfbedeckung, die zum Bekleidungsstil aller Frauen der damaligen Zeit gehörte. Der Koran spricht sich weder dagegen aus noch betont er diese Form der Bedeckung. Gott verwendet das Wort nur einmal im Koran (24:31). Das geschieht beiläufig im Zusammenhang mit einer Aufforderung zu sittlichem Verhalten. Es gibt also keine koranische Hervorhebung dieser Kopfbedeckung. Wenn Gott aber eine spezielle Kopfbedeckung gewollt hätte, hätte er dies nicht explizit geäußert? Somit stellt der khimâr lediglich ein "Mode-Accessoire" dar, das dem damaligen Zeitgeist entsprach. Die im Lauf der Geschichte mit Kopfbedeckungen bewusst oder unbewusst in Verbindung gebrachten Funktionen wie Schutz vor Sand oder bösen Einflüssen sind aus rationaler Sicht heute allesamt überholt und haben ihre Geltung verloren. Die Vorstellungswelt der Menschen hat sich gewandelt.

Schülerinnen mit und ohne Kopftuch; Foto: dpa
Nach Darstellung Kaddors trügen nur etwa 20 Prozent ihrer Schülerinnen ein Kopftuch. Die große Mehrheit stelle sich diese Frage gar nicht. Außerdem wüßten viele Mädchen gar nicht mehr, warum sie ein Kopftuch trügen, so Kaddor.

​​ Im Deutschland des 21. Jahrhunderts – spätestens – wirken beispielsweise weibliche Frisuren allein nicht mehr erotisierend. Der bloße Anblick von Kopfbehaarung löst bei niemanden mehr sexuelle Fantasien und damit unsittliches Verhalten aus – mit Ausnahme von Fetischisten vielleicht. Wenn man durch die Fußgängerzone einer Stadt läuft, schaut einem niemand wegen der Haare hinterher. Erst wenn man sich aufreizend oder besonders originell kleidet und sich entsprechend gebärdet, zieht man den einen oder anderen Blick auf sich. Zudem hat man es hier nicht mehr mit einer Männerwelt zu tun, die noch wie vor tausend und mehr Jahren denkt. Dank der Errungenschaften des freiheitlich demokratischen Rechtsstaats und dank des heute in Deutschland vorherrschenden Geschlechterverständnisses braucht man nicht mehr unbedingt eine Kopfbedeckung, um sittsam zu leben. Das Kopftuch ist obsolet geworden.

Die Verknüpfung von Scham und Kopftuch nicht evident

Die heutige orthodoxe Auffassung von der Kopftuchpflicht basiert in erster Linie auf den Interpretationen von Gelehrten, die mehrere Generationen nach dem Propheten Muhammad gelebt haben. Ihren Urteilen kann man folgen, aber sie sind nicht sakrosankt.

Gebetskette auf Koran; Foto: &copy DW
"Das Kopftuch zu einem verbindenden Element der muslimischen Gemeinschaft zu stilisieren, hat in der Geschichte des Islam keine Verankerung", so Kaddor.

​​Als Menschen sind alle Gelehrten fehlbar. In konservativen und fundamentalistischen Kreisen wird stets betont, es gehe darum, unser Verhalten dem Koran und dem Propheten anzupassen. Die Wortführer geben vor, sie hätten dabei unmittelbar die Lebzeiten Muhammads und die Zeit des Ur-Islam vor Augen. In Wahrheit gründet ihr Bild aber in erster Linie auf der Weltsicht von Gelehrten, die rund 600 (!) Jahre später lebten. Gemeint sind Personen wie Ibn Qudâma (gestorben 1223), wie Ibn Taymîya (gestorben 1328) oder dessen Schüler Ibn Qayyim al-Jawzîya (gestorben 1350).

Angesichts der patriarchalen Gesellschaftsstrukturen von damals ist es nicht verwunderlich, dass die Quellenauslegungen zum Geschlechterverhältnis in der Regel zu Ungunsten von Frauen ausfallen – obwohl das dem eigentlichen Bestreben, das sich durch den gesamten Koran zieht, nämlich die Lage der Frauen in Relation zu ihrer damaligen Stellung zu verbessern, widerspricht. Diese Tendenz ist noch weniger verwunderlich, wenn man sich die Misogynie vieler islamischer Gelehrter in der Geschichte vergegenwärtigt. Die Verknüpfung von Scham und Kopftuch ist bei weitem nicht so evident, wie es scheint. Vers 24:30-31 fordert beide, Männer und Frauen, zum keuschen Verhalten auf. Betont wird in der koranischen Exegese aber bis heute lediglich das keusche Verhalten der Frauen.

Keine politische Symbolfunktion

Der koranische Gedanke nun aber, sich allgemein gesittet zu kleiden, bleibt indes eine religiöse Vorschrift, die man durch das Tragen "angemessener" Kleidung erfüllen soll. Aus Sicht einer gläubigen Frau bedeutet das, jene Bereiche des weiblichen Körpers, die hinsichtlich möglicher Sexualkontakte heutzutage elektrisierend wirken, nach wie vor "ordentlich" unter der heute üblichen Kleidung zu bedecken. Was wiederum "ordentlich", "angemessen" oder "anständig" ist, ist der Vernunft jeder einzelnen mündigen Bürgerin unterworfen, da es für die Gegenwart keine konkreten Vorgaben seitens der islamischen Quellen gibt.

Die vorherrschende Praxis, wonach zumeist ältere Männer – gelehrt oder ungelehrt – die Bestimmungshoheit über das Aussehen einer Frau für sich beanspruchen, hat jedenfalls weder ein theologisch noch soziologisch begründbares Fundament. Ähnlich verhält es sich mit der Bewertung des Kopftuches als Zeichen eines islamischen Bekenntnisses. Eine solche Funktion lässt sich in der Geschichte des Islam nicht nachweisen. Das Kopftuch zu einem verbindenden Element der muslimischen Gemeinschaft zu stilisieren, hat in der Geschichte des Islam keine Verankerung. Auch die heute so häufig zum Gegenstand der öffentlichen Diskussionen erhobene politische Symbolfunktion stellt eine historisch gegenstandslose Überhöhung des Kleidungsstückes dar. Sie entstand erst in den vergangenen Jahrzehnten im Zuge des Aufkommens islamistischer Strömungen als Element der Opposition gegen westliche Einflüsse in der islamischen Welt.

Lamya Kaddor

© Goethe-Institut 2011

Lamya Kaddor wurde 1978 im westfälischen Ahlen als Tochter syrischer Einwanderer geboren. Sie studierte Islamwissenschaften, bildete an der Universität Münster islamische Religionslehrer aus. Ihre jüngste Buchpublikation ist: Muslimisch-weiblich-deutsch! Mein Leben für einen zeitgemäßen Islam. C. H. Beck Verlag, München 2010. Ihr Essay ist in der aktuellen Ausgabe der Kulturzeitschrift "Fikrun wa Fann" erschienen und ist die Kurzfassung einer Studie, die in dem von Thorsten Gerald Schneiders herausgegebenen Band Islamverherrlichung publiziert wurde. Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Leserkommentare zum Artikel: Warum ich als Muslima kein Kopftuch trage

Das ist aber sehr laecherlich. Wie kann man nur gleichzeitg an den Koran glauben und es doch nicht tun? Sind Sie noch bei Sinnen, Frau Koddor? Wenn Sie glauben, dass Allah Allwissend ist, und uns befohlen hat uns zu bedecken- wie koennen Sie sagen, dass wir es nicht mehr muessen? Zweifeln Sie an seinem Wissen? Die Anweisungen im Koran sind fuer Ewig- nicht nur fuer die damalige arabische Halbinsel, deren Menschen Sie uebrigens als sexgesteuerte Wesen darstellen.

ibrahim04.08.2015 | 23:05 Uhr

Also, ich finde den Artikel genial. Für Frauen, die ein Kopftuch, egal aus welchen Gründen, tragen, ist es schwer es abzunehmen. Aber im Grunde ist es der richtige Schritt. Das sich bedecken reduziert Menschen, trennt Frauen und Männer und macht sie einanander fremd. Das ist fatal und verhindert eine ehrliche Kommunikation. Der Quran lässt uns Menschen immer eine Wahl hin zur Freiheit und Barmherzigkeit. Außerdem scheint es mir angesichts des Verschleierungszwangs in vielen Ländern der Welt gottgefälliger kein Kopftuch zu tragen. Zum Schluss möchte ich anmerken, dass ich sicher bin, der Prophet und seine Anhänger, Frauen un Männer, würden heutzutage in Jeans und T-Shirt rumlaufen und das Kopftuch u.a. aus politischen Gründen ablehnen. Liebe Grüße, Ellie

Ellie20.04.2016 | 00:07 Uhr

Die kritischen Kommentare auf Lamya Kaddors Beitrag finde ich erschreckend - da offenbart sich mir der Druck, dem muslimische Frauen offenbar doch ausgesetzt sind, wenn schon eine so vernünftige, argumentativ saubere und moderne Position wie von Lama Kaddor bereits derartige Kritik und Häme auf sich zieht. Offenbar ist aber genau diese Vernunft und Eigenständigkeit sehr verunsichernd?

Gravitiy 20.04.2016 | 18:42 Uhr

Wenn sich Gläubige äußern, zeigen sie immer wieder, daß sie all ihren Verstand, den ihnen ihr Gott angeblich gegeben hat, beiseite lassen: Glauben heißt nicht wissen wollen!
"Der Koran befiehlt uns dem Propheten Salalahu aleihiwasalam zu folgen und Allah hat die Religion vervollständigt! Eine Erneuerung ist verboten bzw eine Änderung." Wo ist da Vernunft und wo Verstand?
Warum wollen sich die Gläubigen nicht eingestehen, daß alle Propheten ganz irdische Interessen hatten.Faßt alle waren Kriegsherren. Geleitet von der Gier nach Macht. Die Herren Päpste in Rom nicht zu vergessen. Alle miteinander haben milliardenfaches Leid, Tod und Verderben über die Menschheit gebracht. Religionen sind bis in die heutige Zeit hinein gewalttätig. Es beginnt schon damit, daß sie die freie Entfaltung jedes einzelnen Menschen behindern, bis hin zu den Grausamkeiten, die im Namen eines Gottes verübt wurden und werden. Es gibt endlos viele Beispiele für die Grausamkeiten, die Menschen im Namen eines Gottes verübt haben. Jeder der sich ernsthaft mit der Geschichte der Religionen auseinandersetzt, muß doch erkennen, daß Religion gemeinhin Politik ist. Was bewirkt sie und wem nützt sie? Das sind doch die wahren Fragen, die zum Ziel führen.

Agnostiker Hans03.08.2016 | 00:09 Uhr

Ich finde auch, dass es jedem selbst überlassen sein muss, ob er das Kopftuch trägt oder nicht. Ich selbst kenne auch muslimische Frauen, die KEIN Kopftuch tragen.

Aber was ist mit denjenigen, die ein Kreuz an der Kette tragen oder mit Nonnen oder Mönchen, die zuweilen im vollen Ornat durch die Straßen laufen? Was ist mit den Kruzifixen in bayerischen Schulen? Da stößt sich auch keiner dran. Aber wenn eine muslimische Frau ein Kopftuch trägt, ist das Geschrei groß. Soll die laut Grundgesetz verfassungsrechtlich verbriefte Religionsfreiheit nur für Christen gelten?

Diejenigen, die den Islam nicht kennen, sollten vielleicht mal den Tag der offenen Moscheen, der am 3. Oktober deutschlandweit stattfindet, nutzen und sich dort informieren. In Berlin kann man das - auch ohne den Tag der offenen Moscheen - ganz gut in der Sehitlik-Moschee in Berlin tun.

Kerstin Rocktäschel28.08.2016 | 23:48 Uhr

Die Kommentare sind ebenso erleuchtend wie ihr sehr interessanter Artikel! Im meinem Philosophiestudium in Chanfrein wurden wir damals ermutigt den Koran zu lesen, und wenn ich mich recht erinnere zieht Mohamed den grossen Schleier, nicht wenn Männer sein Heim betraten, sondern wenn die Reden um Geld handelten. An Kopftuch kann ich mich nicht erinnern, aber dass es besser für ihre Würde wäre, dass sich Frauen die Brust verdecken schon. Vielleicht habe ich damals auch nur das wahrgenommen was mir gefiel aber wie mir scheint wenn ich die verschiedenen Kommentare lese, bin ich wohl nicht der Einzige in diesem Fall. Ich erinnere mich auch sehr genau wie sehr der Koran schwer zu lesen und noch viel schwerer zu interpretieren ist. Ich würde nicht gern daran riskieren! Hier ein Beispiel : Im Koran steht so was geschrieben wie : ihr macht Alkoholaus Daten (oder Früchten ?) und so ist es gut, weiter steht, dass der Gläubige keine Moschee betreten soll wenn er getrunken hat, schliesslich wird gesagt, dass der Mosleme keinen Alkohol trinken soll. Diese drei Forderungen wurden dem Propheten vom Arkengel Gabriel diktiert, also sollte man sie auch nicht leugnen können. Viel Spass, wünsche ich euch wenn ihr den Versuch aufnehmen wollt diese Sätze zu interpretieren. Jedenfalls vielen Dank, dass wir endlich eine andere Meinung zum Kopftuch hören dürfen.

Emmanuel13.02.2017 | 23:56 Uhr

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