Die drei anderen Personen und ihre Positionen dürften all denen, die die Islam-Debatten in Deutschland verfolgen, hinlänglich bekannt sein: Für den aus Algerien stammenden Religionspädagogen und Islamwissenschaftler Ourghi ist das Kopftuch ein "Instrument der Unterwerfung" und eine Form der Selbstgeißelung. Die Feministin und Publizistin Alice Schwarzer sieht im Kopftuch ein Symbol der Unterdrückung. Sie fordert, genau wie die Sozialwissenschaftlerin Necla Kelek, die dieses Kleidungsstück als Ausdruck der Apartheid muslimischer Frauen deutet, ein Kopftuch-Verbot für Minderjährige.

Zu Wort kommen sollten Wissenschaftler mit Expertise

Die Debatte über das Kopftuch werde, erklärt Professorin Schröter in Interviews, "in der Regeln in Echokammern" geführt. Ziel der von ihr initiierten Diskussion sei es daher, dass auch über "die problematischen Aspekte des Kopftuchs" diskutiert werde. Sie verspreche sich von der Konferenz, "dass die Debatte in ihrer ganzen Komplexität dargestellt wird".

Die Journalistin Canan Topçu; Foto: privat
Canan Topçu stammt aus der Türkei, lebt seit ihrem achten Lebensjahr in Deutschland. Sie studierte Geschichte und Literatur­wis­sen­schaft in Hannover und arbeitete 13 Jahre lang bei der Frankfurter Rundschau. Als freiberufliche Jour­nalistin, Mo­de­rator­in und Referentin konzentriert sie sich auf die Themen rund um Integration, Migration und Islam.

Als würde in Deutschland über die "problematischen Aspekte des Kopftuchs" geschwiegen. Seit Jahren wird doch nichts anderes gemacht, als unter diesem Aspekt über das Kopftuch zu debattieren. Die eine feministische Fraktion macht das, in dem sie betont, dass es die Verhüllung frauen- und menschenfeindlich ist, die andere feministische Fraktion, in dem sie auf das Selbstbestimmungsrecht der Frauen und Religionsfreiheit hinweist – wie eben auch all die Männer in den Islam-Verbänden.

Noch einmal: Es steht überhaupt nicht zur Diskussion, ob an einer deutschen Universität eine kontroverses Debatte über das Kopftuch geführt werden darf. Gerade dort sollte das stattfinden – dann aber mit Referenten und Referentinnen, die über entsprechende wissenschaftliche Expertise verfügen und nicht sind als Aktivisten. In dieser Hinsicht ist der Protest durchaus berechtigt – bedauerlich, dass die Studierenden das nicht sachlich und mit nachvollziehbaren Argumenten auf den Punkt brachten.

Die Zusammensetzung der Redner weist auf ein grundsätzliches Problem hin. Die Debatten rund um Islam und Muslime führen vor allem Aktivistinnen und Aktivisten, Wortführer ohne hinlängliche Expertise. Und die, die über Expertise verfügen, also all die Forscher und Wissenschaftler aus den deutschen Universitäten, halten sich heraus aus den Diskussionen. Sich im Elfenbein-Turm zurückziehen und den Diskurs lediglich in Fachkreisen führen reicht nicht. Damit sollten sich die Fachleute nicht begnügen!

Wissenschaftler, raus aus dem Elfenbeinturm!

Die Versachlichung der Debatten um Islam und Muslime sind ohne diese Wissenschaftler nicht möglich. Man könnte einwenden, dass an der Kopftuch-Konferenz mit Dina El-Omari und Abdel-Hakim Ourghi doch auch Wissenschaftler vertreten sind, letzterer hatten ja sogar ein Buch zu diesem Thema geschrieben. Stimmt. Der Leiter des Fachbereichs Islamische Theologie/Religionspädagogik  an der Pädagogischen Hochschule Freiburg veröffentlichte im September 2018 mit "Ihr müsst kein Kopftuch tragen" - ein Buch, in dem viel verallgemeinert wird und in dem auch feststellt wird, dass es keine wissenschaftlichen Untersuchungen über Machtstrukturen gebe, die bei der Unterwerfung von Frauen zu tragen kämen.

Wie wäre es denn, wenn sich islamische Theologen und Theologinnen und andere Wissenschaftler und Wissenschaftler mit ihrem Sachverstand und Fachwissen zu Wort meldeten? Und wie wäre es, wenn der Frage nachgegangen wird, warum eigentlich ein Integrationsminister die Schirmherrschaft einer Kopftuch-Konferenz übernimmt? Welche Wirkung hat es auf fromme Muslime, wenn ausgerechnet zwei Tage nach Beginn des islamischen Monat Fastenmonat Ramadan eine dermaßen provokante Frage mit dermaßen provokanten Rednerinnen diskutiert wird? Meint die Organisatorin wirklich, dass eine Konferenz mit Aktivistinnen, die das Kopftuch so dermaßen dämonisieren, zur Versachlichung der Debatte beitragen kann?

Canan Topçu

© Qantara.de 2019

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Leserkommentare zum Artikel: Versachlichung statt Polarisierung

Vielen Dank für diesen Artikel - und Kritik an dieser Bemerkung. "Und die, die über Expertise verfügen, also all die Forscher und Wissenschaftler aus den deutschen Universitäten, halten sich heraus aus den Diskussionen."
Halten sie sich heraus? Oder werden sie heraus gehalten????
Eigentlich müsste die Autorin wissen, wie das läuft mit den öffentlichen Auftritten: Man meldet sich nicht zu Wort, sondern man wird eingeladen. Und wenn man nicht eingeladen wird, dann kommt man aus dem Elfenbeinturm tatsächlich nicht heraus.
Ich kenne die Verhältnisse nur aus dem Rhein-Main-Gebiet: Da wird gerade kürzlich wieder als Informant über "den Islam in der Gesellschaft" in einer öffentlichen "Informations"veranstaltung einer Akademie ausgerechnet Ahmad Mansour eingeladen, auch so ein "Experte", und niemand aus der Universität, einer anderen öffentlichen Einrichtung oder einer der zahlreichen Moscheen vor Ort. Auf meine Rückfrage, ob es notwendig ist, jemanden aus Berlin einzufliegen, wenn man die Fachleute direkt vor der Nase hat, bekomme ich allen Ernstes zur Antwort, man kennte keinen, ob ich denn jemanden wüsste. Es gibt hier x Moscheen, die jedes Jahr brav zum Tag der offenen Tür einladen, Vorträge halten, sich wer weiß wie ins Zeug legen, es interkulturelle und interreligiöse Einrichtungen noch und nöcher, hier gibt es alles bis hin zu einer Universität, die Religionslehrer ausbildet, und der Organisator der Veranstaltung "kennt keinen"????
Es interessiert einfach nicht, man braucht bloß die alarmistische Stimmungsmache, ein bisschen Kick, das ist alles.

Hanya Dikaton04.05.2019 | 07:06 Uhr

Die Protestler haben Frau Schröter gerade nicht einen Bärendienst erwiesen, sondern sich selbst. Einen Bärendiest erweisen bedeutet einen schlechten Dienst erweisen (siehe Duden).

A. Brudermann26.05.2019 | 23:02 Uhr