Kopftuchdebatte in Deutschland

Versachlichung statt Polarisierung

Studierende starten eine Kampagne gegen eine Konferenz über das Kopftuch an der Frankfurter Universität. Die anonym in Netz aktive Gruppe wirft der Organisatorin, Professorin Susanne Schröter, antimuslimischen Rassismus vor. Die Gastgeberin der Konferenz wiederum spricht von Rufmord. Ein Kommentar von Canan Topçu

Volker Beck hat es auf den Punkt gebracht. "Eines haben die wirren Student*innen von @schröter_raus erreicht: Soviel Werbung für eine Tagung war selten": So twitterte der ehemalige Bundestagsabgeordnete der Grünen und Lehrbeauftragte für Religionswissenschaften an der Universität in Bochum als Reaktion auf einer Gruppe von Studierenden, die sich anonym zu Wort gemeldet hat, um gegen eine an Goethe-Universität in Frankfurt geplante Kopftuch-Konferenz zu protestieren.

Damit haben sie der Organisatorin und Direktorin des Forschungszentrum Globaler Islam einen Bärendienst erwiesen. Hätte es die Aktion mit dem Hashtag #schröter_raus nicht gegeben, wäre vermutlich die Resonanz zu der Konferenz mit dem Titel "Das islamische Kopftuch – Symbol der Würde oder der Unterdrückung?" nicht über das Rhein-Main-Gebiet hinaus so groß gewesen.

Ganz klar auf Schröters Seite stellte sich daher auch das Präsidium der Goethe-Uni und teilte mit, keine "Diskurspolizei" zu sein. Das Präsidium sehe "seine Aufgabe darin, für die Wissenschaftsfreiheit einzutreten, d.h. sicherzustellen, dass in der Goethe-Universität unterschiedliche wissenschaftliche Positionen eingenommen und nach den Spielregeln des akademischen Diskurses vertreten werden können".

Professorin Schröter erhält - auch aufgrund des Tenors der Berichterstattung, in der sie von Rufmord gegen sie spricht - bundesweit Solidaritätsbekundungen. Dies auch von denen, die die Ethnologin in anderen Kontexten durchaus kritisieren - beispielsweise aufgrund ihrer öffentlichen Stellungnahmen zu sexuellen Übergriffen durch muslimische Männer.

Protest ist berechtigt, Protestform ist dämlich

Um es auf den Punkt zu bringen: Natürlich muss an einer deutschen Universität über ein so kontrovers Thema wie das Kopftuch debattiert werden. Die Form des Protests, die die Studierenden-Gruppe gewählt hat, war daher alles andere als durchdacht. Sich mit Schildern vorm Gesicht fotografieren lassen und über soziale Netzwerke die Absetzung einer Professorin verlangen, das ist einfach nur dämlich – wie auch die Rassismus-Keule zu schwingen und gegen eine Konferenz mobil zu machen, die sich einem brisanten und relevanten Thema widmet.

Die Ethnologin Susanne Schröter; Foto: privat
Rückenwind für Susanne Schröter: Die Frankfurter Professorin und Islam-Expertin erhält im Streit um eine von ihr organisierte Tagung zum muslimischen Kopftuch die Unterstützung ihrer Universität. "Im Rahmen der Wissenschaftsfreiheit steht es den Fachbereichen, Instituten und Professuren nicht nur frei, Veranstaltungen in eigener Regie und mit eigener thematischer Ausrichtung zu gestalten. Es ist vielmehr ausdrücklich Teil ihrer Aufgaben", hieß es in einer Stellungnahme der Präsidentin der Goethe-Universität Frankfurt, Birgitta Wolff. Das Präsidium sei keine "Diskurspolizei".

Vor lauter Solidaritätsbekundung mit der Organisatorin, die einmalmehr als mutig gefeiert wird, weil sie sich gegen den politischen Islam stelle und unbequeme Fragen zur Diskussion stelle, gerät bedauerlicherweise der eigentliche Grund für den Protest der Studierenden in den Hintergrund. Anlass ist nämlich nicht das Thema an sich. Für Unmut sorgt die Zusammensetzung der Referenten und Referentinnen. Eingeladen hat Professorin Schröter "Experten und Expertinnen", die gegensätzliche Positionen vertreten: Dina El-Omari und Khola Maryam Hübsch sowie Necla Kelek, Alice Schwarzer und Abdel-Hakim Ourghi.

Dina El-Omari ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Islamische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und vertritt die Position, dass es keinen Zwang zum Kopftuchtragen geben darf. Khola Maryam Hübsch gehört der Ahmadiyya-Gemeinde an, hat sich als Journalistin und Autorin des Buches "Unter dem Schleier die Freiheit" und Fürsprecherin des Kopftuchs als religiöses Gebot einen Namen gemacht.

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Leserkommentare zum Artikel: Versachlichung statt Polarisierung

Vielen Dank für diesen Artikel - und Kritik an dieser Bemerkung. "Und die, die über Expertise verfügen, also all die Forscher und Wissenschaftler aus den deutschen Universitäten, halten sich heraus aus den Diskussionen."
Halten sie sich heraus? Oder werden sie heraus gehalten????
Eigentlich müsste die Autorin wissen, wie das läuft mit den öffentlichen Auftritten: Man meldet sich nicht zu Wort, sondern man wird eingeladen. Und wenn man nicht eingeladen wird, dann kommt man aus dem Elfenbeinturm tatsächlich nicht heraus.
Ich kenne die Verhältnisse nur aus dem Rhein-Main-Gebiet: Da wird gerade kürzlich wieder als Informant über "den Islam in der Gesellschaft" in einer öffentlichen "Informations"veranstaltung einer Akademie ausgerechnet Ahmad Mansour eingeladen, auch so ein "Experte", und niemand aus der Universität, einer anderen öffentlichen Einrichtung oder einer der zahlreichen Moscheen vor Ort. Auf meine Rückfrage, ob es notwendig ist, jemanden aus Berlin einzufliegen, wenn man die Fachleute direkt vor der Nase hat, bekomme ich allen Ernstes zur Antwort, man kennte keinen, ob ich denn jemanden wüsste. Es gibt hier x Moscheen, die jedes Jahr brav zum Tag der offenen Tür einladen, Vorträge halten, sich wer weiß wie ins Zeug legen, es interkulturelle und interreligiöse Einrichtungen noch und nöcher, hier gibt es alles bis hin zu einer Universität, die Religionslehrer ausbildet, und der Organisator der Veranstaltung "kennt keinen"????
Es interessiert einfach nicht, man braucht bloß die alarmistische Stimmungsmache, ein bisschen Kick, das ist alles.

Hanya Dikaton04.05.2019 | 07:06 Uhr

Die Protestler haben Frau Schröter gerade nicht einen Bärendienst erwiesen, sondern sich selbst. Einen Bärendiest erweisen bedeutet einen schlechten Dienst erweisen (siehe Duden).

A. Brudermann26.05.2019 | 23:02 Uhr