Ist okzidentale "Sexualisierung" weniger prägend als orientalische?

Viele Kinder - weibliche und männliche - wachsen in diesem Land an der Armutsgrenze auf, also mit drastisch schlechteren Chancen als andere Kinder. Ist es nicht ein deutlich wichtigeres Anliegen des Staates, dies zu verhindern? Teilnehmerinnen der Mitgliederversammlung berichten, im Vorstand von Terre des Femmes gehe die Angst vor der Islamisierung um, die es zu verhindern gelte.

Vorstandsfrauen wie Inge Bell oder Hania Luczak betonen, man wisse, wie schwer die Forderung umzusetzen sei, es handele sich nicht um einen Gesetzesentwurf, sondern eine "gesellschaftliche Marschrichtung, die wir wollen". Doch diese Marschrichtung läuft darauf hinaus, die Diskriminierung eines Bevölkerungsteils diskursiv anzuheizen.

Sollen neunjährige Mädchen von der Polizei die Kopftücher entfernt bekommen? Sollen 16-Jährige mit Kopftuch jederzeit mit Ausweiskontrollen und Bußgeldbescheiden rechnen müssen?

Wie sich diese Art von Gesellschaftsverbesserungsmaßnahmen auswirkt, konnte man im vergangenen Jahr in Frankreich beobachten, wo Ordnungshüter Strandbesucherinnen dazu zwangen, ihre Burkinis auszuziehen. Soll der westliche Säkularismus in all seiner bleichen Glorie als Leitideal wirklich an den schwächsten Mitgliedern der Gesellschaft - Kindern - exerziert werden?

Nichts anderes wünschen Feministinnen, die im Namen der Gleichberechtigung den Staat auf Familien mit bestimmten Hintergründen ansetzen. Gesetze, die auf bestimmte Bevölkerungsgruppen zugeschnitten werden, nennt man gemeinhin diskriminierend.

Die Motivation dahinter ist sogar irgendwie nachvollziehbar: Die Wege des Patriarchats waren nie so schwer zu durchdringen wie heute. Natürlich wünscht man sich, wenigstens einen klar benennbaren Faktor in der Gesellschaft einfach mal ausknipsen zu können, ein Differenzsymbol zu beseitigen. Nur: Wenn die Bürde einer solchen Gesetzgebung ausschließlich auf Frauen - oder in diesem Fall sogar Schulmädchen - fallen soll, hilft das weder den Frauen im Allgemeinen noch im Besonderen.

Der Wunsch von Feministinnen nach staatlicher Repression ist menschenfeindlich

Gesetze, die Frauen vor ihrer eigenen Praxis schützen sollen, sind als feministische Forderungen nicht nur einigermaßen absurd, insbesondere, wenn man sich mit den menschlichen Folgen solcher Gesetze nicht beschäftigt. Dahinter offenbart sich zudem eine bemerkenswert unkritische Haltung gegenüber dem Staat als historisch tragender Säule patriarchaler Ordnungen, die Feministinnen nicht gut steht.

Mehr noch: Die Bereitschaft, einzelne ethnisch oder religiös definierte Gruppen mit ihren Symbolen zu markieren, spielt allen in die Hände, die aus ganz anderen Gründen einen aggressiven, diskriminierenden Umgang mit Muslimen pflegen und fordern.

Derzeit ist die AfD die einzige bundesweite Partei, die sich für ein Kopftuchverbot an Schulen einsetzt. Es ist übrigens dieselbe Partei, die Sanktionen gegen alleinerziehende Mütter und eine Verschärfung der Auskunftspflicht bei Abtreibungen in ihrem Programm stehen hat.

Wenn Frauen zur Zielscheibe von gesetzlichen Verordnungen werden - seien es Frauen mit Kopftuch, seien es Frauen, die als Prostituierte Sex als Arbeit verrichten - dann ist das niemals Fortschritt, es ist höchstens billige Kosmetik.

Das sollten gerade diejenigen wissen, die sich sonst immer gegen die Diskriminierung ihrer Geschlechtsgenossinnen engagieren. Wer etwas anderes vertritt, macht sich gemein mit einer Politik, die nicht einfach wenig frauenfreundlich ist. Sondern zutiefst menschenfeindlich.

Meredith Haaf

© Süddeutsche Zeitung 2017

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Leserkommentare zum Artikel: Wie islamfeindlich ist der Feminismus?

Die pauschalisierende Verwendung des Begriffs "Feministinnen" und "Feminismus" in diesem Artikel finde ich sehr problematisch. Der Feminimismus umfasst ein breites Spektrum. Sehr viele Feminist*innen üben Kritik an Artikeln der Emma und selbstverständlich gibt es viele muslimische Feminist*innen. Statt differenziert an bestimmten Haltungen und Handlungen von Personen und Organisationen Kritik zu üben, was sicherlich berechtigt ist, wird hier pauschal am Feminismus Kritik geübt, was sich allein schon am Titel zeigt.

Muslimische Fem...10.08.2017 | 10:09 Uhr

Schön, dass in der Süddeutschen schön zu lesende Artikel stehen.
Aber wie steht es um deren Realitätszuschnitt?
Ich persönlich werde immer zustimmen, wenn es um einen entspannten Umgang mit dem Kopftuch und mit kopftuchtragenden Frauen geht. In der Tat lässt sich das Kopftuch nicht mit einer feministischen Argumentation kritisieren.
Jedoch stellt das Kopftuch -leider- auch ein Symbol des politischen Islam dar, der menschen- und lebensfeindlichen Ideologie des Islamismus, gegenüber der Wachsamkeit angebracht ist und die es einzudämmen gilt. ;
Einen Vorschlag wie den von Terre des Femmes, das Kopftuch für Mädchen zu verbieten, werte ich eher als einen ungeschickten Versuch, ein (staatlich-rechtliches) Gegengewicht zur frühen Vereinnahmung junger Menschen durch islamistische Ideen zu schaffen. Ob der Vorschlag sinnvoll ist, sei dahingestellt - ein Unbehagen angesichts von kopftuchtragenden, möglicherweise islamistischen Einflüssen ausgesetzten kleinen Mädchen ist jedoch nach meiner Ansicht begründet.
Dieser Aspekt scheint Meredith Haaf zu entgehen, ihre Argumentation bleibt auf den individualrechtlichen Blickwinkel beschränkt. Sieht sie den Zusammenhang zum Islamismus/ Salafismus nicht? Oder meint sie, eine verfassungsfeindliche Bewegung sei durch Beharren auf edlen Grundsätzen in den Griff zu bekommen?

Ich meine das nicht.
Islamismus muss offensiv angegangen werden.
Bislang scheint es an Ideen zu sinnvollen konkreten Massnahmen zu fehlen.
Die (vermeintlichen) IslamversteherInnen der Süddeutschen tragen dazu auch nichts bei.

benita schneider11.08.2017 | 21:03 Uhr

Gratulation. In diesem Artikel wurde der Nagel auf den Kopf getroffen.

Abdel12.08.2017 | 23:17 Uhr

Die Vorschrift, dass sich aus religiösen Gründen Menschen verhüllen sollten, gehört ins letzte Jahrtausend. Die Vorschrift, dass sich Frauen bedecken sollen, ist eine männliche Forderung, die ihrem Ursprung nach nicht Gottgewollt ist. Die Frauen sollen klein, unselbständig und machtlos gehalten werden. Es ist erst das Kopftuch, dann sind es die Jeans, dann ist es das Fahrradfahnen, das Bewegen in der Öffentlichkeit, dann das eigene Geld …
Keine Frau, kein Kind und auch kein Mann ist der Besitz eines anderen Menschen. Aus diesem Grunde sollte es auch verboten sein
den Körper eines Menschen für Sex zu kaufen. Dieses Verhalten beschädigt die Würde des Menschen. Und die AfD ist mit ihrer Forderung nach der die Frau möglichst nur Ehefrau und Mutter von mindestens drei Kindern sein sollte, ganz nahe bei den patriarchalischen Forderungen der streng islamischen Welt.

Claudia Vogt14.08.2017 | 10:24 Uhr