Kopftuch-Debatte

Wie islamfeindlich ist der Feminismus?

Feministinnen, die Kopftücher von Mädchen verbieten wollen, verraten die Sache der Frauen - und spielen den Rechtspopulisten in die Hände, schreibt Meredith Haaf in ihrem Debattenbeitrag.

Ein Bauchgefühl ist in Entscheidungskonflikten nicht immer das schlechteste Argument, politisch ist es aber recht nutzlos. Jedenfalls spätestens dann, wenn die Gefühle des eigenen Bauches der Praxis, den Bedürfnissen und den Gefühlen sehr vieler anderer Menschen widersprechen. Davon weiß auch die Bundeskanzlerin seit einigen Wochen zu erzählen.

Bei aller Ehe für alle: Im Zusammenhang mit Fragen der Geschlechterordnung steht die Herrschaft der Bauchgefühle immer noch relativ stabil. Das muslimische Kopftuch ist derzeit wieder ganz oben auf der Liste der Reizthemen, zu denen auch Gender-Theorie oder Prostitution gehören und die immer wieder magengeschwürartige Reaktionen hervorrufen.

Mit Ergebnissen, die für Betroffene oft hart sind: In einer sehr bauchgefühlig wirkenden Entscheidung hat das Bundesverfassungsgericht zuletzt den Eilantrag einer muslimischen Juristin abgewiesen, die auch in ihrem Referendariat ihr Kopftuch anbehalten wollte.

Hier wird also eine Frau per Richterspruch daran gehindert, in ihrer selbst gewählten Erscheinungsweise ihre Lebenschancen zu verwirklichen - eine Frau zumal, deren Hintergrund und religiöse Überzeugung sie hierzulande nachweislich auf so ziemlich jedem Arbeitsmarkt zur Zielscheibe von Diskriminierungen machen. Trotzdem werden viele deutsche Feministinnen dieses Urteil begrüßen, so wie es etwa die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes per Twitter tat.

Frauen in Burkini und Bikini protestieren in Antwerpen gemeinsam gegen das Burka-Verbot in Frankreich. Foto: picture-alliance/dpa/F.Sadones
Das muslimische Kopftuch ist derzeit wieder ganz oben auf der Liste der Reizthemen, zu denen auch Gender-Theorie oder Prostitution gehören und die immer wieder magengeschwürartige Reaktionen hervorrufen. In Amsterdam protestieren Frauen in Burkini und Bikini gemeinsam für ihr Recht, sich zu kleiden, wie sie möchten, ohne Einmischung des Staates.

Dies erscheint zunächst erstaunlich. Doch in der aktuellen Themen- und Prioritätensetzung von Gruppierungen wie Terre des Femmes oder der Zeitschrift Emma zeigt sich, dass die Sicht auf den Islam als Motor gesellschaftlicher Übel nicht nur bei Rechtskonservativen, bei den Identitären oder der AfD zu finden ist.

In einflussreichen feministischen Kreisen setzt sich eine Perspektive durch, aus der der Islam als angeblich übermächtiger Hauptträger patriarchaler Verhältnisse in diesem Land interpretiert wird. Die dazugehörige Argumentation ist bestenfalls antiliberal und teilweise nahe am Rechtspopulismus. Es drängt sich die Frage auf, wie eng die Verbindung von Feminismus und progressiver Politik überhaupt (noch) ist.

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Leserkommentare zum Artikel: Wie islamfeindlich ist der Feminismus?

Die pauschalisierende Verwendung des Begriffs "Feministinnen" und "Feminismus" in diesem Artikel finde ich sehr problematisch. Der Feminimismus umfasst ein breites Spektrum. Sehr viele Feminist*innen üben Kritik an Artikeln der Emma und selbstverständlich gibt es viele muslimische Feminist*innen. Statt differenziert an bestimmten Haltungen und Handlungen von Personen und Organisationen Kritik zu üben, was sicherlich berechtigt ist, wird hier pauschal am Feminismus Kritik geübt, was sich allein schon am Titel zeigt.

Muslimische Fem...10.08.2017 | 10:09 Uhr

Schön, dass in der Süddeutschen schön zu lesende Artikel stehen.
Aber wie steht es um deren Realitätszuschnitt?
Ich persönlich werde immer zustimmen, wenn es um einen entspannten Umgang mit dem Kopftuch und mit kopftuchtragenden Frauen geht. In der Tat lässt sich das Kopftuch nicht mit einer feministischen Argumentation kritisieren.
Jedoch stellt das Kopftuch -leider- auch ein Symbol des politischen Islam dar, der menschen- und lebensfeindlichen Ideologie des Islamismus, gegenüber der Wachsamkeit angebracht ist und die es einzudämmen gilt. ;
Einen Vorschlag wie den von Terre des Femmes, das Kopftuch für Mädchen zu verbieten, werte ich eher als einen ungeschickten Versuch, ein (staatlich-rechtliches) Gegengewicht zur frühen Vereinnahmung junger Menschen durch islamistische Ideen zu schaffen. Ob der Vorschlag sinnvoll ist, sei dahingestellt - ein Unbehagen angesichts von kopftuchtragenden, möglicherweise islamistischen Einflüssen ausgesetzten kleinen Mädchen ist jedoch nach meiner Ansicht begründet.
Dieser Aspekt scheint Meredith Haaf zu entgehen, ihre Argumentation bleibt auf den individualrechtlichen Blickwinkel beschränkt. Sieht sie den Zusammenhang zum Islamismus/ Salafismus nicht? Oder meint sie, eine verfassungsfeindliche Bewegung sei durch Beharren auf edlen Grundsätzen in den Griff zu bekommen?

Ich meine das nicht.
Islamismus muss offensiv angegangen werden.
Bislang scheint es an Ideen zu sinnvollen konkreten Massnahmen zu fehlen.
Die (vermeintlichen) IslamversteherInnen der Süddeutschen tragen dazu auch nichts bei.

benita schneider11.08.2017 | 21:03 Uhr

Gratulation. In diesem Artikel wurde der Nagel auf den Kopf getroffen.

Abdel12.08.2017 | 23:17 Uhr

Die Vorschrift, dass sich aus religiösen Gründen Menschen verhüllen sollten, gehört ins letzte Jahrtausend. Die Vorschrift, dass sich Frauen bedecken sollen, ist eine männliche Forderung, die ihrem Ursprung nach nicht Gottgewollt ist. Die Frauen sollen klein, unselbständig und machtlos gehalten werden. Es ist erst das Kopftuch, dann sind es die Jeans, dann ist es das Fahrradfahnen, das Bewegen in der Öffentlichkeit, dann das eigene Geld …
Keine Frau, kein Kind und auch kein Mann ist der Besitz eines anderen Menschen. Aus diesem Grunde sollte es auch verboten sein
den Körper eines Menschen für Sex zu kaufen. Dieses Verhalten beschädigt die Würde des Menschen. Und die AfD ist mit ihrer Forderung nach der die Frau möglichst nur Ehefrau und Mutter von mindestens drei Kindern sein sollte, ganz nahe bei den patriarchalischen Forderungen der streng islamischen Welt.

Claudia Vogt14.08.2017 | 10:24 Uhr