Kontroverse um Babri-Moschee in Indien

Politischer Kompromiss

Seit Jahrhunderten erheben Hindus Anspruch auf den Boden der Babri-Moschee in der indischen Stadt Ayodhya, da sie dort den Geburtsort ihres Gottes Ram verorten. Ein Gericht hat nun verfügt, dass der Ort von Hindus und Muslimen gemeinsam genutzt werden soll. Tatsächlich scheint die Mehrheit der Inder der religiösen Konflikte überdrüssig, berichtet Qurratulain Zaman.

Demonstration für ein friedliches Miteinander vor dem Urteil; Foto: AP
Demonstration für ein friedliches Miteinander vor dem Urteil: Jahrzehntelang beanspruchten sowohl Hindus als auch Muslime das Grundstück der Babri-Moschee für sich.

​​ Der Disput um die Babri-Moschee hat sowohl politische, als auch soziale, historische und religiöse Implikationen. Es geht um ein Grundstück in der Stadt Ayodhya im Distrikt Faizabad, auf dem 1527 der erste Moghulherrscher Indiens, Zahir ud-Din Muhammad Babur, eine Moschee errichten ließ.

Vor Gericht bestand die Hindu-Organisation "Freunde von Ram" jedoch darauf, dass dieses Areal der Geburtsort ihres Gottes Ram sei. Ram ist einer der zahlreichen populären Gottheiten im Hinduismus. In antiken indischen Schriften ist er der mythologische König Ayodhyas und der Protagonist im Ramayan, einem der beiden großen hinduistischen Epen.

Jahrzehntelang beanspruchten sowohl Hindus als auch Muslime das Grundstück für sich, was viele Male zu gewalttätigen Auseinandersetzungen führte.

Der erste Vorfall ereignete sich 1885, als ein Hindu-Priester einen Tempel auf dem Areal errichten wollte. Der britische Beauftragte für das Gerichtswesen lehnte dieses Vorhaben damals ab. Nach Berichten des "Imperial Gazetteer of India" beteten die Muslime fortan im inneren Teil der Moschee und die Hindus im äußeren.

Mit dem gemeinsamen Beten war es jedoch am 22. Dezember 1949 vorbei: An diesem Tag wurden innerhalb der Moschee Statuen des hinduistischen Gottes Ram aufgestellt. Oder, wie manche Hindu-Gruppen sagen, sie "stiegen aus dem Boden herauf." 1992 wurde die Babri-Moschee zerstört, und in den folgenden Ausschreitungen zwischen Hindus und Muslimen starben über 2.000 Menschen.

Ein zweigeteilter Gott

Nach jahrzehntelangen Gerichtsverhandlungen verkündete der Allahabad High Court am 30. September 2010 sein Urteil: Das Gericht erkannte das Gelände als Geburtsort Rams an und teilte die etwa 10.500 Quadratmeter große Fläche zwischen den drei Antragstellern auf: den hinduistischen "Ram Lala Virajman" (Freunde von Ram), der "Nirmohi Akhara" (eine ebenfalls hinduistische Glaubensgemeinschaft, die der materiellen Welt entsagt hat) und dem muslimischen "Sunni Waqf Board", das für muslimisches Eigentum in Indien rechtlich verantwortlich ist.

Babri-Moschee vor der Zerstörung; Foto: AP
Die Babri-Moschee vor der Zerstörung: 1528 wurde sie auf Befehl des Begründers des Moghulreiches, Babur, auf den Grundfesten eines Hindutempels errichtet.

​​ "Ich bin mit dem Gerichtsurteil nicht zufrieden", sagt Triloki Nath Pandey von "Ram Lala Virajman". Pandey ist überzeugt, dass das Tempelgelände und alles angrenzende Land Eigentum Rams sei. "Die Richter haben den heiligen Boden dreigeteilt und indem sie dies taten, haben sie auch unseren Gott Ram zerteilt. Wir werden vor den Supreme Court ziehen, um den vollen Anteil an diesem Boden zu bekommen."

Pandey ist auch Mitglied im Vishwa Hindu Parishad (VHP), dem Welt-Hindu-Rat. Dieser ist die Schwesterorganisation der Bharatya Janata Party (Indische Volkspartei, rechtskonservativ und Hindu-nationalistisch). Viele glauben, dass der VHP die treibende Kraft hinter der Zerstörung der Moschee 1992 war.

Wütende Mystiker

Nirmohi Akhara ist eine hinduistische Sekte von Sadhus, die der materiellen Welt entsagen, um Gott nahe zu sein. Der 81-jährige Bhaskar Das ist das Oberhaupt der Sekte. "Seit 1855 wurde das Gelände als Hindu-Tempel genutzt", sagt er.

Zerstörung der Babri-Moschee durch Hindus; Foto: AP
1992 stürmten und zerstörten tausende Hindus die Babri-Moschee; in den folgenden Unruhen starben 2000 Menschen. Heute steht auf diesem Platz ein neu errichteter Hindu-Tempel.

​​ "Auch 1992 war es bereits ein Hindu-Tempel. Der Konflikt ist noch nicht gelöst, denn dass das Gericht ein Drittel des Geländes den Muslimen zugeschlagen hat, ist für uns inakzeptabel." Die Gruppe verhandelt bereits mit den Muslimen um eine außergerichtliche Einigung: "Aber wir bereiten uns auch auf einen Prozess vor dem Supreme Court vor", erklärt Bhaskar Das.

Der 90-jährige Mohammad Hashim Ansari hingegen ist mit dem Gerichtsentscheid zufrieden. Er hat die Muslime in den vergangenen 60 Jahren in diesem Fall vertreten und ist des langen Prozessierens müde geworden. Dennoch wird er weitermachen, wenn die drei Parteien entscheiden sollten, vor den Supreme Court zu ziehen.

Für Shanti Bhushan, früherer Bundesjustizminister Indiens und – laut der Zeitung Indian Express – einer der mächtigsten Männer des Landes, ist das Gerichtsurteil ein politischer Kompromiss: "Dieser Kompromiss ist das Beste für alle Beteiligten in diesem Streitfall. Das Urteil ist ein exzellentes Beispiel dafür, wie die Dinge in diesem Land sein sollten", sagt er.

Die meisten Inder sind erleichtert über das Urteil. "Der Streit entzweite die Menschen für lange Zeit, er führte zu unnötigen Spannungen in der Bevölkerung", sagt der indische Journalist Naushad Ali. "Diejenigen, die den Konflikt nicht beenden wollen, sind einzelne, selbsternannte religiöse Anführer. Ich glaube nicht, dass sie viele Anhänger haben – die einfachen Leute scheren sich nicht mehr darum."

Alte und neue Politik

Naushad Ali meint auch, dass sich die Politik in Indien durch das Wirtschaftwachstum verändert habe. Die Menschen wollten in Frieden leben und keine religiösen Unruhen mehr.

Mohammad Hashim Ansari; Foto: AP
Des Prozessierens müde: Mohammad Hashim Ansari vertrat die Muslime 60 Jahre lang in diesem Fall.

​​ Der Prozess um die Babri-Moschee ist exemplarisch für den andauernden Zwist zwischen der neuen und der alten indischen Politik. Auf der einen Seite sind die Kräfte der Vergangenheit noch da und versuchen, den Disput fortzuführen. Auf der anderen Seite versucht man, mit diesem Urteil die religionsbasierte Politik der 1980er und 90er Jahre zu überwinden und alle Parteien miteinander zu versöhnen.

Das Urteil ist Ausdruck eines Glaubens daran, dass ein religiös umkämpfter Ort doch von verschiedenen religiösen Gruppen gemeinsam genutzt werden kann. Um Indien als "der Welt größter Demokratie" Willen hofft man, dass es wahr wird.

Qurratulain Zaman

© Qantara.de 2010

Übersetzung aus dem Englischen: Sabine Kleefisch

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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