Konfliktakteure im syrischen Bürgerkrieg

Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben

Der renommierte Oppositionelle Yassin al-Haj Saleh, der unter Hafis al-Assad 16 Jahre lang inhaftiert war, kritisiert in seinem Essay die strategischen Überlegungen des Nahostexperten Michael Lüders im Umgang mit dem Assad-Regime und dem IS in Syrien.

Der Nahostexperte Michael Lüders konstatiert in einem Qantara-Beitrag vom vergangenen Mai, dass sich der Westen angesichts der militärischen Erfolge des IS entscheiden müsse, ob er – wie in der Vergangenheit propagiert – den Sturz Assads favorisiert. Die Folge wäre ein Machtvakuum in Damaskus, das entweder vom IS oder von der Nusra-Front, dem syrischen Zweig Al-Qaidas, ausgefüllt würde, so Lüders in dem Interview.

Für mich als syrischen Autor, der schon zu Zeiten von Hafis al-Assad gegen das syrische Regime Stellung bezogen hat und der den IS und ähnliche Gruppen ablehnt, sind solche strategische Erwägungen unerträglich. Denn was Lüders in dem Interview nicht erwähnt, ist, dass auch noch andere Gruppen als der IS gegen das Regime kämpfen und dass der IS dem Regime lediglich Palmyra abgerungen hat. Alle weiteren Gebiete, die der IS in Syrien kontrolliert, hat die Terrormiliz anderen Kampfgruppen abgenommen, die diese Gebiete zuvor unter großen Verlusten befreit hatten. Und während Lüders zwar einräumt, dass Baschar al-Assad ein Verbrecher ist, kommt er zu dem Schluss, dass es nur die Alternative gäbe, sein verbrecherisches Regime gegen den IS zu unterstützen, womit freilich die westliche Syrienpolitik der letzten Jahre über den Haufen geworfen würde.

Die Frage ist bloß, ob der Verbrecher mit der adretten Krawatte sich damit begnügen würde, westliche Waffen gegen den IS einzusetzen. Viel wahrscheinlicher ist, dass er die Waffen gegen andere richten wird – natürlich nicht gegen Israel, sondern gegen seine anderen Gegner, und dass er seine brutale Armee dann gegen Idlib, Aleppo, die östliche Ghouta bei Damaskus und gegen Daraa vorrücken lassen wird.

Bilanz des Schreckens

Verbrecher sind per definitionem Menschen, die Verbrechen begehen, und der hier von Lüders benannte Verbrecher hat in den vergangenen vier Jahren den Tod von über einer Viertelmillion Syrern verschuldet. Über vier Millionen seiner Landsleute hat er bereits ins Ausland vertrieben (mehrere tausend von ihnen leben heute allein in Deutschland). Und im Inland hat er über sieben Millionen Menschen obdachlos gemacht.

Syriens Präsident Baschar al-Assad; Foto: Reuters
Verbrecher mit adretter Krawatte: "Assad hat in den vergangenen vier Jahren den Tod von über einer Viertelmillion Syrern verschuldet. Über vier Millionen seiner Landsleute hat er bereits ins Ausland vertrieben. Und im eigenen Land hat er über sieben Millionen Menschen obdachlos gemacht", kritisiert Saleh.

Wir wissen zudem, dass derselbe Verbrecher zwischen dem Beginn des Aufstands in Syrien im März 2011 und August 2013 etwa 11.000 Häftlinge hat zu Tode foltern lassen, dass er mehrfach Giftgas gegen seine Bevölkerung eingesetzt hat, was allein in der Ghouta am Morgen des 21. August 2013 zu 1.466 Todesopfern geführt hat, ganz überwiegend Zivilisten.

Zudem setzt Assad gegen Gebiete, die sein Regime nicht mehr kontrolliert, permanent Fassbomben ein, die jedes Mal zu verheerenden Zerstörungen und vielen Toten führen. Auch hat er zahlreiche weitere Massaker zu verantworten, von denen ein Syrer im Schnitt jeweils zehn anführen könnte. Assad hat zudem sein Regime mit allem staatlichen Besitz an den Iran verpfändet und Milizen ins Land gelassen: die libanesische Hesbollah ebenso wie irakische und afghanische Milizen (obgleich Lüders behauptet, dass außer der Hesbollah keine weiteren schiitischen Milizen in Syrien aktiv seien.

Dem IS zu Diensten

Es sind drei Fragen, die im Syrienkonflikt von entscheidender Bedeutung sind und auch für Michael Lüders wohl eine weitergehende Analyse erfordern:

1. Ist Baschar al-Assad ein Gegner des IS?

2. Will Baschar al-Assad den IS wirklich bekämpfen?

3. Und kann Baschar al-Assad den IS überhaupt wirklich bekämpfen?

Die von den USA geführte Koalition gegen den IS hat erst vor kurzem festgestellt, dass das Assad-Regime insofern als eine Art Luftwaffe des IS gedient hat, als es im Norden und Osten Aleppos Gebiete bombardierte, in denen Aufständische sowohl gegen das Regime als auch gegen den IS kämpfen.

Dies geschah nicht, weil Assad den IS besonders lieb gewonnen hat, sondern weil er weiß, dass man es im Westen schätzt, den syrischen Konflikt auf eine Auseinandersetzung zwischen einem – wenn auch "kriminellen" – Regime und dem IS zu verkürzen. Diesem Wunschdenken des Westens möchte Assad entgegenkommen, denn das verschafft ihm jene Legitimität, die er im eigenen Land längst verloren hat.

Dass es noch andere Kampfverbände gibt, die zum Teil in direkter Linie aus dem friedlichen Volksprotest entstanden sind und solche, die in unterschiedlicher Ausprägung islamistisch geprägt sind, stört das Planspiel von Assad.

Ich selbst war von Sommer bis Herbst 2013 in Raqqa – also in jener Zeit, als der IS die Stadt in immer stärkerem Maße kontrollierte. Ich wurde damals selbst mehrfach Zeuge, wie Fassbomben aus der Luft auf die Stadt abgeworfen wurden. Unter anderem musste ich miterleben, wie Anfang Oktober 2013 die Luftwaffe des Diktators 19 Kinder tötete, während das Gouverneursgebäude, in dem der IS sein Hauptquartier bezogen hatte, nicht einmal mit einem Stein beworfen wurde! Erst die Internationale Koalition gegen den IS holte dies während ihrer ersten Luftangriffe im September des vergangenen Jahres nach.

Assads Abhängigkeit vom IS

Solange in Syrien der Widerstand gegen Assad fortbesteht und sein Regime von Syrern bekämpft wird, wird Assad den IS auch weiterhin brauchen – jene Terrormiliz, deren Führung und deren meiste Kämpfer keine Syrer sind, sondern die aus anderen arabischen und europäischen Ländern kommen und die teilweise sogar erst seit kurzer Zeit Muslime sind.

Syrischer Zivilist rettet ein Baby nach einem Fassbombenabwurf in Aleppo; Foto: Reuters/A. Ismail
Krieg bis zum völligen Untergang: "Erst wenn Assad weitere Zehntausende von Menschen getötet und weitere Zehntausende zu Tode gefoltert sowie weitere Dörfer und Städte zerstört und weitere Millionen vertrieben hat, wird Baschar al-Assad in der Lage sein, den IS zu bekämpfen", so Yassin al-Haj Saleh.

 

Erst wenn jede andere bewaffnete Gegenwehr ausgelöscht sein wird, wenn Assad weitere Zehntausende von Menschen getötet und weitere Zehntausende zu Tode gefoltert sowie weitere Dörfer und Städte zerstört und weitere Millionen vertrieben haben wird, und unter der Voraussetzung, dass der Westen sein Regime weiter schützt und es aufrüstet, erst dann wird Assad in der Lage sein, den IS zu bekämpfen.

Sollten die westlichen Staaten ihm jedoch wirklich Waffen liefern und sich mit ihm "ins Benehmen setzen", wie Lüders sagt, wird das Regime dann überhaupt in der Lage sein, den IS zu besiegen?

Als im Herbst 2011 die nur leicht bewaffnete "Freie Syrische Armee" entstand, kam die Armee des Regimes nicht gegen diese an. Und wenn Kampfgruppen einmal an bessere Waffen kamen, rieben sie die Armeeverbände jeweils mit Leichtigkeit auf. Der Grund ist wohl der, dass Assads Armee korrupt ist und für keinerlei Ideale kämpft. Könnte ein solches Regime dem IS wirklich standhalten? Einer Terrorgruppe, von der selbst die USA sagen, dass der Kampf gegen sie Jahre dauern werde (beziehungsweise Generationen, wie die australische Außenministerin jüngst meinte)? Das Regime weiß nur zu gut, dass es sich allein nicht verteidigen kann – eben deshalb hat es ja eine iranische Besatzung ins Land geholt.

Sind dem Wissenschaftler Lüders all diese Faktoren entgangen? Wenn Lüders als Nahostexperte eine falsche Diagnose stellt, so ist dies schlimm genug. Doch zu schlussfolgern, es gäbe für den Westen jetzt "eigentlich nur die Alternative, sich mit Assad ins Benehmen zu setzen, ihn militärisch zu unterstützen" so ist das ein völliger Trugschluss und ein schlechter Ratschlag für die westliche Staatengemeinschaft.

© Qantara.de 2015

Aus dem Arabischen von Günther Orth

Yassin al-Haj Saleh ist ein bekannter oppositioneller Autor aus Syrien, der unter Hafis al-Assad 16 Jahre im Gefängnis zubringen musste. Er gilt für viele als das "Gewissen der syrischen Revolution". Zu seinen Büchern gehört: "Syrien im Schatten: Ansichten in der Blackbox".

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Leserkommentare zum Artikel: Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben

Herrlich (allerdings für den Angesprochenen eigentlich recht peinlich), wie Herr Yassin unserem omnipräsenten Nahostexperten Lüders so richtig eine vor den Latz knallt... Man sollte besser viel öfter die eigentlich Betroffenen zu Wort kommen lassen als diese regelrechte Nahost- und Terrorismusexperten-Schwemme, die einem pausenlos in den Medien vorgesetzt wird.

Ingrid Wecker03.07.2015 | 21:23 Uhr