Aber Haftar gab nicht auf. Drei Monate später, im Mai 2014, startete er die sogenannte "Operation Würde" mit nur wenigen hundert Männern der libyschen Armee eine Offensive gegen die bewaffneten islamistischen Gruppierungen, die Bengasi kontrollierten. Ein Großteil der Bewohner der Stadt betrachtete diese Gruppen als Terroristen und machte sie verantwortlich für hunderte von Mordanschlägen auf Angehörige des Militärs, der Polizei und zivilgesellschaftliche Aktivisten in der Stadt.

Schnell schlossen sich immer mehr Soldaten und Freiwillige der "Operation Würde" an und Haftar wurde in den Augen der überwältigenden Bevölkerungsmehrheit, zumindest im Osten des Landes, zum herbeigesehnten Retter.

Auf Druck seiner Anhänger im Parlament, der Stammesoberhäupter und anderer einflussreicher Personen sowie durch die Unterstützung der Regionalkommandeure, ernannte ihn der Präsident des Parlaments in seiner Eigenschaft als Oberbefehlshaber der Streitkräfte zu deren Oberkommandeur und erhob ihn zuerst in den Rang eines Generalleutnants und später sogar eines Feldmarschalls.

Auf der anderen Seite verbündeten sich in Tripolis und Misrata im Westen des Landes islamistische Milizen, um die Offensive Haftars zu stoppen, die mit Hilfe Ägyptens und der Emirate die islamistischen Milizen, mit Ausnahme ihres unbedeutenden Rückzugsortes in der Kleinstadt Derna, erfolgreich aus Bengasi und der gesamten Cyrenaika vertrieben hatte.

Den politischen Islam durch das Militär stoppen

Haftars Truppen erlangten die Kontrolle über die Ölhäfen und er selbst entwickelte sich in den Worten der französischen Zeitung Le Monde zum "starken Mann der Cyrenaika". Haftar arbeitete aber auch daran, der "starke Mann Libyens" zu werden, sobald das Militär wieder vereint und die Hauptstadt Tripolis mittels eines Übergangsmilitärrates, der eine neue politische Transformationsphase beaufsichtigen soll, unter Kontrolle gebracht worden ist.

Aber seine plötzliche Erkrankung und das Stillschweigen über seinen gesundheitlichen Zustand führten in der libyschen Öffentlichkeit zu Fragen und Kontroversen darüber, wie es weitergeht mit seiner militärischen Kampagne "Operation Würde", die das politische Projekt zur Erlangung der Herrschaft über Libyen flankiert.

Einheiten der Nationalen Libyschen Armee (ANL) von General Haftar im September 2017 in Bengasi; Foto: Getty Images/AFP
Haftars Truppen unter Verdacht: Der selbsternannten "Nationalen Libyschen Armee" (ANL) von General Haftar wird vorgeworfen, in den vergangenen Jahren immer wieder gefangen genommene Dschihadisten getötet zu haben. Im August letzten Jahres hatte der Internationale Strafgerichtshof einen Haftbefehl gegen den Kommandeur eines Spezialkommandos der ANL erlassen. Mahmoud Al-Werfalli soll 2016 und 2017 mindestens sieben Mal auf Zivilisten oder verletzte Kämpfer geschossen oder deren Hinrichtung angeordnet haben. Haftars Truppe teilte daraufhin mit, der Beschuldigte sei bereits festgenommen worden und komme vor ein Militärgericht.

Es stellt sich zudem die Frage, ob seine internationalen Partner wie Ägypten, die Vereinten Arabischen Emirate (VAE) und Frankreich auch einen potenziellen Nachfolger Haftars unterstützen würden. Und wer könnte überhaupt dieser Nachfolger sein?

Es scheint offensichtlich, dass sein Verschwinden von der politischen Bühne eine Schwachstelle im Gefüge der zentralen Führungsfiguren des Oberkommandos der Armee hinterlassen würde. Das liegt zum einen an seiner äußerst charismatischen Persönlichkeit und seinen engen Beziehungen zu seinen regionalen (Ägypten, VAE) und internationalen Partnern (Frankreich und Russland).

Zum anderen wäre sein militärisches Projekt "Operation Würde", also der Versuch, den Terrorismus zu bekämpfen und dem politischen Islam Einhalt zu gebieten, indem das wiedervereinte Militär seine Kontrolle über das Land verstärkt, ohne Haftar nicht mehr, was es mit ihm war. Denn es ist ein Projekt, das seine Anhänger und seine Widersacher gleichermaßen mit der Person Haftars verbinden.

Libyens Erretter oder neuer Gaddafi?

Während seine Anhänger ihn in einem Maß als "Erretter" idealisieren, das an Personenkult grenzt, verteufeln ihn seine islamistischen Widersacher als "neuen Gaddafi", der eine Konterrevolution gegen die "Revolution des 17. Februars" anführt. Sie sehen sich als deren wahre Revolutionäre, die im Auftrag Gottes handeln. Und sie gehen davon aus, dass ein umfassender politischer Konsens, der ihnen den Löwenanteil der Macht sichert, ohne den mächtigen General schneller erreicht werden kann.

Im Lager des Generals gibt es hingegen ernsthafte Befürchtungen, dass es zwischen der militärischen Führung im Osten und der im Süden des Landes zu Auseinandersetzungen über das Anrecht auf die Nachfolge Haftars kommen könnte. Darüber hinaus zirkulieren Nachrichten über eine ägyptisch-emiratische Intervention mit dem Ziel, eine für sie zufriedenstellende Nachfolge für Haftar zu installieren.

Auch wenn es im Zuge des Kampfes um die Nachfolge Haftars zu bewaffneten Konfrontationen und vereinzelten Mordanschlägen zwischen den Parteien kommen könnte, wird sich die Situation unter keinen Umständen zu einem komplizierten militärischen Großkonflikt im tribalen Kontext zuspitzen. Dafür zeichnet sich das soziale Gefüge der Stämme in der Cyrenaika seit jeher zu sehr durch großen Zusammenhalt aus. Außerdem verachten sie die islamistischen Gruppierungen wegen ihrer Terroranschläge und ihren Griff nach der Alleinherrschaft. Sofern Haftar nicht zurückkehrt, wird wohl ein neuer Befehlshaber für die Armee ernannt werden, abgesegnet durch das Parlament in Tobruk. Dann steht der Kampf um Derna und die Befreiung der Stadt von den letzten Überresten der islamistischen Milizen im Osten des Landes bevor.

Faraj Alasha

© Qantara.de 2018

Übersetzt aus dem Arabischen von Thomas Heyne

Der libysche Publizist und Schriftsteller Faraj Alasha lebt in Bengasi.

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