Katholisch-islamischer Dialog: Interview mit Christian Troll

Für die Freiheit des Glaubens

Auf Initiative von muslimischer Seite fand jetzt das erste Katholisch-Muslimische Forum im Vatikan statt. Einer der Teilnehmer war Christian Troll, Jesuit und Professor für Islamwissenschaft. Im Gespräch mit Lewis Gropp spricht er über Religionsfreiheit in Europa und im islamischen Raum sowie über die Herausforderung der Aufklärung für die Religion.


Papst Benedikt XVI mit Vertretern der muslimischen Delegation beim katholisch-islamischen Forum im Vatikan; Foto: AP
Papst Benedikt XVI mit Vertretern der muslimischen Delegation beim Katholisch-Islamischen Forum am 6. November im Vatikan. Im Hintergrund der populäre wie umstrittene Tariq Ramadan

​​ Was sind Ihrer Ansicht nach die Erfolge des katholisch-muslimischen Forums?

Christian Troll: Das Treffen ist ein positiver Beginn, die Atmosphäre der Gespräche war gut. Das Neue besteht darin, dass die Initiative ganz dezidiert von Muslimen ausgegangen war und dass diese Gruppe neue Akzente setzen wollte – und gesetzt hat –, indem sie das vom Christentum her bekannte Doppelgebot der Liebe ins Zentrum setzt. Dieses Gebot, "Liebe Gott und liebe deinen Nächsten wie Dich selbst", zitieren die muslimischen Vertreter aus dem Alten Testament und vom Matthäusevangelium her und erklären, dass es sich hierbei auch um ein Zentralgebot des islamischen Gesetzes handelt – und damit haben wir eine neue Ausgangslage: Man sagt, dass man ausgehend von dieser Affirmation versucht, die Themen gemeinsam zu behandeln.

Es ist also weniger ein politischer Ansatz; man hat hier bewusst eine theologische Aussage ins Zentrum gesetzt und so hat man auch eine steile These vorgelegt! Hätten die muslimischen Vertreter gesagt, im Zentrum steht für uns allein die Barmherzigkeit Gottes und die Aufforderung an den Menschen, barmherzig zu sein, wäre das weniger überraschend gewesen. Aber dieses Vokabular der Liebe Gottes zum Menschen und des Menschen zu Gott ist an und für sich relativ wenig bedeutend im Koran. In der großen Sufi-Tradition spielt es hingegen eine bedeutende Rolle, daher lässt sich auch feststellen, dass ein großer Teil der Muslime, die aktiv hinter dieser Initiative stehen, stark vom Sufismus geprägt sind.

Wie bewerten sie die Tatsache, dass islamische Funktionäre bei dem Treffen nicht zugegen waren, ist das möglicherweise für die Zukunft eine Option?


Christian Troll; St. Georgen
"Glaube macht keinen Sinn, wenn er nicht aus einer freien Entscheidung und Situation gewählt wird." Christian Troll, Honorarprofessor für Islam und christlich-muslimische Begegnung (Foto: St. Georgen)

​​ Troll: Eine Option ist es ja insofern schon, weil der Islam sehr vielschichtig ist und Initiativen dieser Art deshalb immer darauf geprüft werden können, welche Gewichtungen berücksichtigt werden. Es gibt ja auch andere, schon länger bestehende Dialoge des Vatikan mit muslimischen Institutionen, zum Beispiel mit der Al-Azhar-Universität, mit der Muslim Call Society aus Libyen oder dem Shia-Establishment im Iran. In diesem Fall ist die Zusammensetzung ja zustande gekommen, weil die muslimischen Vertreter die Initiative ergriffen haben, es ist ja keine Institution damit verbunden.

Man kann also nicht sagen, dass die Initiative eindeutig vom Königshaus in Amman oder von dem Institut für strategische Studien in Amman ausgeht. Es sind vielmehr einzelne Persönlichkeiten auf muslimischer Seite, die hier besonders bedeutend sind: Aref Nayed von der University of Cambridge, Prinz Ghazi, Präsident des jordanischen "Aal al-Bayt Institute for Islamic Thought", Timothy Winter alias Abdal Hakim Murad, Professor an der Cambridge University sowie Sayed Hussein Nasr, Direktor der Universität von Teheran unter dem Schah, nun im Exil in den USA, dort ist er seit vielen Jahrzehnten Professor an der George Washington University in Washington. Die Delegation der Muslime in Rom war relativ stark auf Muslime aus dem so genannten Westen zentriert, also aus den USA und Europa.

Foto: AP
Forderung nach Glaubensfreiheit in Ost und West: Mustafa Ceric, Großmufti von Bosnien- Herzegowina und Teilnehmer des Katholisch-Muslimschen Forums

​​Tariq Ramadan war bei dem Treffen in Rom allerdings auch zugegen. Aus dem Nahen Osten waren es relativ wenige, Mustafa Sherif ein früherer Minister für Kultur aus Algerien, und dann ein Ayatollah aus Iran, der aber sehr ruhig war, kaum gesprochen hat, und der mehr als Wissenschaftler gilt, Professor Damat. Der Leiter der Delegation war übrigens Mustafa Ceric, der Großmufti von Bosnien-Herzegowina.

Gab es auch einen Vertreter aus Saudi-Arabien?

Troll: Nein, aus Saudi-Arabien war kein Vertreter zugegen. Bei dieser Delegation, die jetzt in Rom war, haben doch prominente Muslime aus dem Westen überwogen.

Der Papst hat ja im Anschluss an das Treffen noch einmal dazu aufgerufen, dass sowohl politische wie auch religiöse Führer dafür einstehen müssen, dass Gläubige in aller Welt ihre Religion frei ausüben können. Halten Sie das auch in diesem Fall jetzt für eine angemessene Mahnung, denn es sind ja nun in erster Linie religiöse Vertreter vor Ort gewesen, die verstärkt aus dem akademischen Bereich kommen und kaum Einfluss auf die Politik haben, geschweige denn auf die Religionsfreiheit in Saudi-Arabien.

Troll: Das lässt sich heute nicht so ohne Weiteres trennen, die Sphären sind heute alle miteinander vernetzt. Der Vatikan hat im Übrigen von Anfang an, schon bei vorbereitenden Treffen im März, gesagt, er glaube nicht, dass es besonders sinnvoll sei, ein strikt theologisches Thema ins Zentrum zu setzen. Dankenswerterweise habt Ihr die Liebe zu Gott und zum Nächsten ins Zentrum gesetzt, hieß es von Seiten des Vatikans, darauf wollen wir auch antworten, und so haben wir den ersten Tag diesem Thema gewidmet, aber uns geht es primär um die Würde des Menschen, um Respekt vor den Menschen, um die Menschenrechte, die Religionsfreiheit, und die spielt ja in Europa auch für die Muslime eine sehr große Rolle.

Die Religionspolizeibehörde in Saudi-Arabien; Foto: AP
Die Religionspolizeibehörde in Saudi-Arabien: In dem Königreich am Golf gibt es keine einzige Kirche. Religionsfreiheit war das zentrale Thema beim 1. Katholisch-Muslimischen Forum.

​​Im Nahen Osten spielt die Religionsfreiheit auf andere Weise eine große Rolle, dort dann mehr im Hinblick auf die Christen und andere Minderheiten, nicht zu sprechen von den Bahais im Iran! Das sind heute alles globale Probleme, und das dann auch das Thema des zweiten Tages.

Man kann auch nicht über Menschenwürde und Respekt vor dem Menschen sprechen, ohne auch auf die freie Religionsausübung zu sprechen zu kommen. Bei dem Treffen waren übrigens auch vier Bischöfe aus mehrheitlich muslimischen Ländern zugegen: Bischof Multan aus Pakistan, der apostolische Legat von Abu Dhabi, zu dessen Diözese sechs oder sieben arabische Länder gehören und in denen zweieinhalb Millionen Katholiken leben, dann der Bischof aus Kirkuk in Irak sowie der melkitische Erzbischof von Aleppo. Die haben natürlich zu dem Thema Religionsfreiheit sehr entschiedene Standpunkte geäußert, die von muslimischer Seite sehr genau angehört und von einem Mann wie Mustafa Ceric auch weitgehend unterstützt wurden. Ceric hat ja nicht zuletzt dieselben Forderungen an Europa.

Bei religiösen Dialogtreffen werden die Gemeinsamkeiten immer besonders betont. Wie sieht es aber mit den problematischen Passagen im Koran aus, Sure 9 zum Beispiel, der Kampfaufruf gegen Christen und Juden. Werden diese Aspekte auch thematisiert?Troll: Diese Aspekte wurden natürlich immer wieder erwähnt, auch von den Bischöfen aus den mehrheitlich muslimischen Ländern. Wenn die friedfertigen Texte des Korans zitiert wurden, hat man darauf hingewiesen, dass dort eben auch ganz andere Verse zu finden sind, das hat man sehr bewusst auch thematisiert.

Aber regelrechte Kontroversen hat es dann in diesem Zusammenhang nicht gegeben…


Mann bei Koranlektüre, Foto: dpa
Keine neue Hermeneutik aus dem Stegreif: Aber Beim Katholisch-Islamischen Forum werden heikle Themen nicht ausgeklammert.

​​Troll: Ja, doch! Spannungen schon, natürlich, aber was heißt Kontroversen?! Ich meine, man kann ja in so einem Treffen jetzt nicht eine neue Hermeneutik entwickeln, man kann nur auf die jeweiligen Punkte hinweisen und jeder intelligente Gläubige – welcher Religion er auch immer angehört – merkt natürlich, dass hier ein großes hermeneutisches Problem besteht. Aber so etwas lässt sich nicht bei einem derartigen Treffen nicht abarbeiten.

Sie haben einmal geschrieben, dass muslimisch-katholische Dialogtreffen auch für das Christentum wichtig sind, weil es auf qualifizierte Kritik von außen angewiesen ist. An welche Art von Impulsen haben Sie dabei gedacht?

Troll: Auf der Ebene des Praktischen und Politischen ist natürlich ein Papier, wie es jetzt Ende September die deutschen Bischöfe über den Moscheebau veröffentlicht haben, ohne den Dialog mit den Muslimen nicht denkbar. An dieser Thematik ist man sich bewusst geworden, dass wir uns in Europa für die Rechte – auch die religiösen Grundrechte der Minderheiten, der Muslime – einsetzen müssen, wenn wir realistisch erwarten, dass in solchen Gebieten wie etwa Saudi-Arabien, im Jemen, aber auch allgemein in den mehrheitlich muslimischen Ländern ein Sinneswandel und auch ein Wandel in der Gesetzgebung vollzieht! Das ist natürlich ein Lernprozess – auch auf unserer Seite.

Es gibt aber auch eine andere Ebene, die Ebene der Werte. Nehmen Sie beispielsweise den Wert der Familie, der in Europa und im Westen an Bedeutung verloren hat. Hier kann sich die christliche Kirche zusammen mit den Muslimen auf die Kernwerte besinnen, die mit der Familie zusammenhängen.

Proteste gegen den Moscheebau in Köln; Foto: dpa
"Langwieriger Lernprozess": Eine Forderung nach Kirchenbauten in islamischen Ländern hat nur Legitimation, wenn im Westen die Religionsfreiheit auch der Minderheiten garantiert wird, so Troll.

​​Darüber hinaus gibt es für Werte wie die zehn Gebote Paralleltexte im Koran, das wurde bei dem Treffen in Roma ebenfalls intensiv diskutiert und das ist wohl das wichtigste Gebiet, auf dem man Gemeinsamkeiten findet.

Nicht zuletzt zu nennen wäre das Beispiel vieler Muslime, mutig ihre Religion zu praktizieren, auch öffentlich und gegen große Widerstände – ich denke da zum Beispiel an die Treue zum liturgischen Gebet der Muslime.

Kritiker wie Hamid Dabashi gehen davon aus, dass sich das Christentum nur unter politischem Druck reformiert hat, weil sein Herrschaftsanspruch durch die Aufklärung gebrochen wurde. Wie würden Sie das Verhältnis von Islam und Aufklärung charakterisieren?

Troll: Die Herausforderung, den Glauben vor der kritischen Vernunft und den modernen Methoden der Humanwissenschaft zu rechtfertigen, die Quellen neu zu interpretieren, damit hat das Christentum schon vor mehr als 200 Jahren begonnen. Im Editorial für das Novemberheft der Stimme der Zeit habe ich den Papst in seiner Rede vom 22. Dezember 2006 ausführlich zitiert, in der er genau auf dieses Thema eingeht und sagt, dass diese Herausforderung den islamischen Gesellschaften weitgehend noch bevorsteht.

Auf Seiten der Muslime, auch in der sufischen Tradition, gibt es eine gewisse Tendenz, die klassische Zeit des Islams zu idealisieren und die Moderne negativ zu belegen und sie als Verfallserscheinung zu brandmarken. Die katholische Auffassung ist da wesentlich differenzierter. Man würde einerseits sagen, die Aufklärung ist zuerst einmal eine Herausforderung, die auch zu viel Gutem geführt hat – wir denken an die Betonung der individuellen Freiheit und dass der Glaube keinen Sinn macht, wenn er nicht aus einer freien Entscheidung und Situation gewählt wird.

Andererseits gibt es aber auch Verfallserscheinungen in modernen Gesellschaften, und da kann man sehr wohl auch gemeinsam drüber nachdenken. Dieses Thema, der Glaube, der biblische Glaube, der koranische Glaube und die Herausforderung der Moderne, das ist sicher ein Gebiet, auf dem man gerade mit diesem Forum weiterkommen kann.

Interview: Lewis Gropp

© Qantara.de 2008

Christian Troll zählt zu den wichtigsten Vertretern des christlich-islamischen Dialogs in Deutschland. Troll blickt auf eine bewegte akademische Karriere zurück. Von 1976 bis 1988 war er Professor für islamische Studien in Neu-Delhi, anschließend bis 1993 Senior Lecturer am Centre for the Study of Islam and Christian-Muslim Relations an der University of Birmingham und danach bis 1999 Professor für Islamische Institutionen am Päpstlichen Orientalischen Institut in Rom. 2001 ernannte ihn die Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt zum Honorarprofessor.

Troll war bis 2005 zwölf Jahre Mitglied der Subkommission für Religiöse Beziehungen der Katholischen Kirche mit den Muslimen, welche Teil des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog (PCID) ist.

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