Katharina Mommsen zum achzigsten Geburtstag

Goethes Orient erforscht

Kein Germanist hat die enge Beziehung zwischen Goethe und der islamischen Welt so gründlich erforscht und darüber so viel geschrieben, wie Katharina Mommsen. Eine Würdigung von Stefan Weidner aus Anlass ihres achtzigsten Geburtstags.

​​Vor allen Dingen die Romane und Erzählungen Goethes sind von der orientalischen Literatur beeinflusst, wie Katharina Mommsen gezeigt hat. Goethes "Scheherazadennatur", wie die 1925 in Berlin geborene Germanistin Goethes von Scheherazade ererbtes Talent im Erfinden und Weiterdenken von Geschichten genannt hat, ist ein wesentliches, wenn nicht das entscheidende Element dessen, was bis heute die Faszination und Modernität von Goethes Texten ausmacht.

Katharina Mommsens Bücher liefern daher gute Argumente für die Auffassung, der größte deutsche Dichter und damit die Renaissance der deutschen Literatur im 18. Jahrhundert wären ohne den Orient nicht das, was sie sind. Im Klartext: Der Orient, die arabisch-islamische Welt, ist schon seit dem achtzehnten Jahrhundert nicht mehr der schlechthin Andere, sondern ein nicht wegzudenkender Teil der deutschen kulturellen Identität. So nah dieser Schluss liegt, so viele Argumente Mommsen für ihn beibringt, Mommsen selbst formuliert diese Schlussfolgerung nicht. Darin zeigt sich die um objektive Erkenntnisse und nicht um bloße Meinung bemühte Wissenschaftlerin: Sie gibt uns Denkanstöße, ohne sich dem Verdacht auszusetzen, das angestoßene Denken gleich auch in eine bestimmte Richtung zu denken.

Ihrer Zeit weit voraus

Wenn es freilich darauf ankommt, ist sich Katharina Mommsen auch nicht zu schade, Partei zu ergreifen. Ausgehend von einem Gedicht aus dem West-östlichen Divan, in dem sich Goethe auf einen alten Reisebericht nach Tschetschenien bezieht, hält Mommsen ein leidenschaftliches Plädoyer gegen die russische Unterdrückung der Tschetschenen. Lassen wir sie selbst zu Wort kommen: [[{"fid":"32576","view_mode":"large","type":"media","attributes":{"height":"219","width":"135","alt":"Cover "Goethe und die arabische Welt" von Katharina Mommsen","title":"Cover "Goethe und die arabische Welt" von Katharina Mommsen","class":"media-element file-large image-right"}}]]​​"Dieses Volk wird heute von den Russen und – wegen der Allianz gegen den Terrorismus – größtenteils auch von der übrigen Welt als ein Volk von "Terroristen” betrachtet und, was noch sehr viel schlimmer ist, behandelt. Liegt da nicht der Gedanke nahe, dass hier nicht der Terrorismus, sondern, unter dem Vorwand des Terrorismus, die Freiheit selbst, der Gedanke der Freiheit, von dem dieses Volk ja offenbar eine ganze Menge verstanden und bis ins 21. Jahrhundert hinübergerettet hat, unterdrückt werden soll? Sich fremden Regierungsformen verweigern, Unterwürfigkeit zurückweisen, die eigene Unabhängigkeit wahren wollen, ist nicht gleichbedeutend mit Terrorismus. Die heutige Welt steht in der Gefahr, die Äußerungen des Freiheitswillens der Völker als ‛Terrorismus’ zu diffamieren.

Stattdessen könnte die Welt etwas von diesen prachtvoll unmodernen Menschen lernen, in denen keine Sklavenmentalität angelegt ist, deren Sprache das Wort ‛Befehl’ nicht kennt, die das Recht des Stärkeren nicht anerkennen und lieber sterben als sich unterjochen lassen. Goethes Sympathie mit einer solchen Haltung sollte uns zum erneuten Nachdenken über die mutige Bevölkerung veranlassen, die in unserer Zeit völlig vertilgt zu werden droht, weil sie sich nicht versklaven lassen, sondern einzig vor Gott beugen will." So zeigt sich heute, wo die interkulturellen Konflikte die Medien beherrschen, dass Katharina Mommsen, indem sie seit fünfzig Jahren über Goethe und sein Verhältnis zum Orient geforscht und geschrieben hat, ihrer Zeit weit voraus war.

Jetzt gilt es, sie wieder zu entdecken und ihre Bücher noch einmal zu lesen. Zahlreiche Ehrungen, eine bis heute rastlose Vortragstätigkeit, die vielen Übersetzungen ihrer Werke, nicht zuletzt in die Sprachen der islamischen Welt, haben sie international bekannt gemacht. Am 18. September 2005 hat die große Germanistin ihren achtzigsten Geburtstag gefeiert.

Stefan Weidner

© Qantara.de 2005

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