Katastrophenberichterstattung

Aus den Augen, aus dem Sinn

Medien und Hilfsorganisationen sind in vielfältiger Weise aufeinander angewiesen. Die Kooperation birgt aber Tücken, die die Glaubwürdigkeit von Helfern und Journalisten gefährden. Von Uli Post

ind an einer offenen Feuerstelle nach dem schweren Erdbeben im pakistanischen Teil Kaschmirs, Foto: dpa
Fehlende Medienbegleitung zur Großkatastrophe: Erst als sich herausstellte, dass die Opferzahl nach dem Erdbeben in Pakistan sehr hoch war, kamen auch die Medien

​​Der Weihnachts-Tsunami vor einem Jahr hat wie keine Katastrophe vorher sowohl die Arbeit von Hilfsorganisationen als auch die Berichterstattung der Medien geprägt.

Es war, wie die Tageszeitung 'Die Welt' schrieb, "eine der am besten bebilderten Naturkatastrophen der Mediengeschichte". Die Zusammenarbeit von Medien und Hilfsorganisationen kann in solchen und anderen Fällen beiden Seiten Vorteile bringen, ist aber nicht unproblematisch.

Ohne Fernsehbilder keine Katastrophe

Ein großes Unglück wird nicht automatisch zu einer öffentlich, in reichen Ländern, wahrgenommenen Katastrophe. Dazu bedarf es bestimmter Voraussetzungen:

  • Katastrophen brauchen den richtigen Schauplatz. Eine Hungersnot im klassischen Armutsland Äthiopien lässt sich beispielsweise besser medial "vermarkten" als in Burundi oder Eritrea. Äthiopien ist ein regelrechter Topos für Hunger, während das direkt benachbarte Eritrea oder das kleine Burundi keine Chance in den Medien haben.

  • Katastrophen benötigen Fernseh-Begleitung. Das Fernsehen ist das Leitmedium und prägt die Berichterstattung der anderen Medien. Wenn Fernsehbilder zeigen, da wird gehungert, dann wird das auch geglaubt – selbst wenn immer nur an einem Ort gedreht wird. Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul wurde vor einigen Monaten in einem Interview hartnäckig beschuldigt, nicht genug für Niger zu tun. Ihre Differenzierungsversuche kamen beim Interviewer schlecht an, wir alle hatten doch gerade die Bilder der Notleidenden gesehen.
  • Katastrophen dürfen nicht zu oft auftreten. Je häufiger große Unglücke sind, desto schwieriger wird es, Aufmerksamkeit für den Einzelfall zu erregen. Dies galt 2005 beispielsweise für Hurrikane oder lange auch für das Erdbeben in Pakistan.
  • Katastrophen und ihre Folgen dürfen nicht zu lange dauern oder zu strukturellen Krisen werden, sonst verlieren die Medien sie aus den Augen. Insbesondere das Fernsehen leidet unter kurzen Aufmerksamkeitsspannen.
  • Persönliche Betroffenheit ist eine günstige Voraussetzung für die Beachtung von Katastrophen. Viele Menschen dachten beim Tsunami: Das hätte auch mich oder meine Freunde treffen können.
  • Für Katastrophen spielt die Zahl der Opfer eine gewisse, aber nicht die entscheidende Rolle. Die Flut in Mosambik 2000 forderte vergleichsweise wenig Opfer, wurde aber durch die Medienbegleitung zur Großkatastrophe. Ähnliches gilt für Niger im vergangenen Sommer. Beim jüngsten Erdbeben in Pakistan lief es andersherum. Erst als sich herausstellte, dass die Opferzahl sehr, sehr hoch war, kamen auch die Medien. Der Schauplatz Pakistan passte nicht.
  • Es darf nichts anderes passieren. Vor allem wichtige innenpolitische Ereignisse lenken schnell von der Not in fremden Weltgegenden ab.

Medien und Hilfsorganisationen

Journalisten, die von Katastrophen oder auch von alltäglichen Trends in Dritte-Welt-Ländern berichten, brauchen Hilfsorganisationen mehrfach. Zum einen nutzen sie gern die Logistik, um schlecht zugängliche Orte zu erreichen; zum anderen brauchen sie die Mitarbeiter von Hilfsorganisationen als Informationsquelle.

Dabei erleichtert die Kooperation mit Hilfsorganisationen es den Medien, sich selbst mit humanitärem Engagement zu profilieren.

Andererseits brauchen auch die Hilfsorganisationen die Medien, um auf ihre humanitären Anliegen aufmerksam zu machen. Die Verbrechen - und die damit verbundene Not der Menschen im sudanesischen Darfur - wären ohne Berichterstattung nicht zu einer international wahrgenommenen Katastrophe geworden.

Medien können zweitens dabei helfen, Druck auf Entscheidungsträger im In- und Ausland auszuüben, etwa um die Hilfsleistungen zu erhöhen oder um die Arbeitsbedingungen der Hilfsorganisationen zu verbessern. In der Folge wollen Spender und institutionelle Geber wissen, was mit ihrem Geld passiert.

Boot vor zerstörtem Hafen nach dem Tsunami in Banda Aceh, Foto: dpa
Die Zusammenarbeit von Medien und Hilfsorganisationen kann - wie bei der Tsunami-Katastrophe - beiden Seiten Vorteile bringen, ist aber nicht unproblematisch

​​Die Berichterstattung in Medien ist deshalb drittens ein wichtiger Teil der Rechenschaftslegung von Hilfsorganisationen.

Katastrophenzeiten sind viertens auch Spendenzeiten. In Deutschland ändert sich aber das Volumen des Spendenmarktes kaum. Wer wachsen will, muss versuchen, seinen Spendenteil auf Kosten anderer zu vergrößern. Mediale Aufmerksamkeit ist dafür eine zentrale Voraussetzung.

Wettbewerb der Hilfsorganisationen

Die Zusammenarbeit mit Medien kann aber auch nach hinten losgehen: "Schafft uns die Journalisten vom Hals", beschwerten sich humanitäre Helfer bei der Flutkatastrophe in Mosambik, "wir kommen nicht mehr zum Arbeiten."

Die Finanznot der Medien, die weniger Korrespondenten beschäftigen als früher, und der wachsende Wettbewerb unter den Hilfsorganisationen führten auch zu neuen Formen der Zusammenarbeit: So greifen Presse, Funk und Fernsehen in wachsendem Maße auf fertige Produkte ("all inclusive") von Hilfsorganisationen zurück. Der distanzierte journalistische Blick bleibt schon mal auf der Strecke.

Das gilt auch, wenn Medien vom Beobachter zum Akteur werden. Sie veranstalten – wenn's gut geht – Spendensammlungen für einzelne Organisationen. Wenn's weniger gut geht, sammeln sie für ihre eigenen Hilfsaktionen und führen selbst Projekte durch.

Problematisch ist auch, wenn Nachrichtensprecher für Hilfsorganisationen ehrenamtlich tätig sind und dann in den von ihnen präsentierten Nachrichten über ihr Engagement berichten.

Es ist aber durchaus mit der journalistischen Berufsehre vereinbar, wenn Journalisten in Katastrophen, aber auch in anderen, Not und Ausbeutung von Menschen betreffenden Fragen mit Hilfsorganisationen zusammenarbeiten. Die Voraussetzung dafür ist Klarheit über die eigene Rolle.

Das schließt den Mut ein, Katastrophen auch dann Katastrophen zu nennen, wenn sie nicht die oben genannten medialen Voraussetzungen erfüllen. Selbstverständlich müssen aber auch die Hilfsorganisationen die Unabhängigkeit der Journalisten akzeptieren.

Keine Sponsoren für Abflussrohre

Selbst wenn Medien nicht zum expliziten Akteur werden, besteht die Gefahr, dass sie Hilfsaktionen steuern oder mitsteuern wollen. Ihr Engagement geht dahin, wo Leser oder Zuschauer Prioritäten setzen oder wo Reporter Zugang haben. Die Bedürfnisse der Medienmacher und ihres Publikums decken sich aber nicht unbedingt mit denen der Not leidenden Menschen.

Hilfsgüter des Roten Kreuzes für die Flutopfer in Sri Lanka, Foto: AP
Angesichts des Tsunami-Chaos wäre die Koordinationsbereitschaft einer Organisation im Katastrophenland ein ebenso wichtiges Kriterium wie die Verpflichtung auf die allgemeinen Prinzipien humanitärer Hilfe

​​Hilfsorganisationen hätten weit mehr Schulen oder Kindergärten in den Tsunami-Gebieten bauen können als gebraucht wurden, weil es einen erheblichen Mediendruck in diese Richtung gab. Abwasserrohre finden eben keine Sponsoren.

Weil die mediale Aufmerksamkeit so wichtig ist, bauschen Hilfsorganisationen auch schon mal Aktionen auf oder inszenieren sie. So kommt es dann zu Meldungen über den angeblichen Ausbruch der Cholera kurz nach dem Tsunami auf Sri Lanka und zu fernsehgerechter Aufbereitung von Flüchtlingsbildern vor der sizilianischen Küste.

Daneben fällt dann kaum noch auf, dass immer wieder auch Zahlenangaben über Hungernde und Flüchtlinge übertrieben werden.

Bundespräsident, Bundeskanzler und die zuständige Bundesministerin betonten kurz nach dem Tsunami, es handele sich bei Hilfe und Wiederaufbau angesichts des Ausmaßes der Katastrophe um eine langfristige Angelegenheit.

Dennoch veröffentlichte das Magazin 'Der Spiegel' schon vier Wochen später die erste Tabelle mit Daten darüber, welche Organisation bislang wie viel Geld ausgegeben hatte.

Dieser Druck, Spenden schnell auszugeben, ist den Hilfsorganisationen seit dem "Tag für Afrika" vor 20 Jahren nur zu bekannt. Er verleitet leider dazu, unsinnige, aufwendige Projekte durchzuführen oder mehr teures Personal einzustellen. Der Qualität der Arbeit dient dieser Druck selten.

Vier Lektionen

Aus meiner Sicht gibt es mindestens vier Lektionen aus dem Tsunami und anderen Katastrophen zu lernen:

  • Die Hilfsorganisationen müssen etwas dafür tun, um die Sachkompetenz der Reporter und die Qualität der Berichterstattung zu verbessern. Die Medien müssen zur Kenntnis nehmen (und vermitteln), dass Eigenleistungen der Bevölkerung wichtig sind, dass Qualität vor Schnelligkeit geht, dass es auf politische oder soziale Rahmenbedingungen in den jeweiligen Ländern ankommt und dass auch strukturelle Missstände katastrophal wirken können.

    Sich für solche Aufklärung zu engagieren wäre eine Aufgabe für den Verband der entwicklungspolitischen Nicht-Regierungsorganisationen (VENRO) oder auch den Deutschen Journalistenverband.

  • Die schlechte Arbeit einer einzigen Hilfsorganisation fällt auf alle anderen zurück. Seriöse Organisationen, die wirkungsvoll arbeiten, sollten sich auf eine Art Qualitätssiegel mit klaren Kriterien verständigen, das sie von weniger seriösen unterscheidbar macht.

    Angesichts des Chaos der Nach-Tsunami-Wochen wäre die Koordinationsbereitschaft einer Organisation im Katastrophenland ein ebenso wichtiges Kriterium wie die Verpflichtung auf die allgemeinen Prinzipien und Standards humanitärer Hilfe.

    Ein Qualitätssiegel könnte auch Auskunft darüber geben, ob die betroffene Bevölkerung oder Partnerorganisationen in Planungen und Entscheidungen einbezogen werden, ob sich eine Organisation um die Nachhaltigkeit von Projektwirkungen Gedanken macht oder Konfliktpotenziale im Umfeld der Hilfe berücksichtigt. Nicht zuletzt sollte auch die Rechenschaftslegung als Kriterium berücksichtigt werden.

  • Es gibt ein verbreitetes und zunehmendes Unbehagen über die mangelnde Kooperation von Hilfsorganisationen vor Ort. Dem durch praktische Beispiele gelungener Kooperationen entgegenzutreten bleibt eine Aufgabe für die Hilfsorganisationen. Solche Zusammenarbeit funktioniert aber nur, wenn Einigkeit über Qualitätsstandards herrscht.
  • Spenden sammelnde Hilfsorganisationen müssen im Katastrophenfall zunehmenden Aufwand betreiben, um Spenden anzuwerben. Der wachsende Wettbewerb kommt weder beim Spender noch beim Zuschauer oder Leser gut an, erst recht nicht bei den Sendeanstalten und Redaktionen.

Deshalb wäre auch in Deutschland mehr Kooperation unter Hilfsorganisationen wünschenswert. Mit den verschiedenen Bündnissen in Katastrophenfällen ist ein Anfang gemacht. Er geht aber nicht weit genug.

Uli Post

© Zeitschrift Entwicklung und Zusammenarbeit 2006

Uli Post ist Mitarbeiter der Deutschen Welthungerhilfe. Diese Organisation gründete im vergangenen Jahr gemeinsam mit vier anderen Hilfsorganisationen das Bündnis "Gemeinsam für Menschen in Not – Entwicklung hilft", das sich auf wesentliche Qualitätskriterien verpflichtet hat.

Qantara.de

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