Kaschmirkonflikt

Deutsche Einheit – Vorbild für Kaschmir?

Rufe nach einem freien Kaschmir werden in der geteilten Region immer lauter. Aktivisten sehen den Fall der Berliner Mauer 1989 als Inspiration. Kann das deutsche Beispiel auf Kaschmir übertragen werden? Von Shamil Shams

Indien und Pakistan kontrollieren jeweils einen Teil des Gebiets im Himalaya, beanspruchen es aber beide vollständig. Beide verweigern sich Forderungen nach einem unabhängigen und ungeteilten Kaschmir, das von den Kaschmiri selbst geführt wird.

Der jahrzehntelange Konflikt flammte erneut auf, als am 5. August der indische Ministerpräsident Narendra Modi dem halbautonomen Bundesstaat Jammu und Kaschmir die Sonderrechte entzog und eine Ausgangssperre verhängte. Vergangene Woche trat eine politische Neuordnung in Kraft. Von dem bisherigen Bundesstaat Jammu und Kaschmir wurde die Region Ladakh abgespalten. Beide Territorien genießen in Indien nun weit weniger Autonomie als zuvor.

Die Entscheidung aus Neu-Delhi, Kaschmir den Sonderstatus zu entziehen, entfachte erneut die Free-Kashmir-Bewegung auf beiden Seiten der Demarkationslinie, der sogenannten Line of Control. Zuletzt mehrten sich Berichte über große Demonstrationen im pakistanischen Teil Kaschmirs. Im vergangenen Monat gab es Zusammenstöße zwischen Protestierenden und der Polizei in der Regionalhauptstadt Muzaffarabad. Die Polizei versuchte, eine von der "People's National Alliance" (PNA) organisierte Protestveranstaltung aufzulösen. Die PNA strebt ein unabhängiges Kaschmir an.

Inspiriert von der DDR-Bürgerrechtsbewegung

Kaschmirische Aktivisten, die sich eine Unabhängigkeit sowohl von Indien als auch Pakistan wünschen, erklärten, sie fühlten sich sehr inspiriert von der Bewegung, die 1989 in der DDR die Mauer zwischen Ost- und Westberlin zu Fall brachte, was ein knappes Jahr später zur deutschen Einheit führte.

Wie Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg sei auch die Himalaya-Region von verschiedenen Mächten aufgeteilt worden und es sei "eine Mauer (Line of Control, Anm. d. Red.) errichtet worden, um Menschen zu trennen". Diesen Vergleich zieht Toqeer Gilani, Präsident der Jammu-Kaschmir-Befreiungsfront (JKLF) im pakistanischen Teil Kaschmirs. Damals habe es geheißen, die Teilung zwischen Ost- und Westdeutschland sei wegen ideologischer Unterschiede nötig gewesen, so Gilani. "Das haben wir in Kaschmir auch erlebt." Er ist sicher: "Wenn Deutschland vereint werden konnte, kann es Kaschmir auch."

Einige Experten sagen, obwohl die Prozesse in Deutschland und Kaschmir nicht deckungsgleich sind, könnten sich Unabhängigkeitsbewegungen in Kaschmir trotzdem die deutsche Einheit zum Vorbild nehmen.

"Angesichts des Mauerfall-Jubiläums sollten wir uns freuen, dass Menschen Zeiten der Not und Teilung überwinden können", sagt Shaffaq Mohammed, ein britisch-kaschmirischer Abgeordneter im Europaparlament. "Wenn die Kaschmiri von Indien und Pakistan unabhängig sein wollen, ist das ihr gutes Recht." In Anspielung auf die Abriegelung Kaschmirs durch Indien und die Unterdrückung in der DDR sagt der Abgeordnete der Liberaldemokraten weiter: "Man kann Leute bedrohen, man kann sie foltern, aber man kann ein Land nicht aus Angst heraus regieren."

Auch Ali Raza Syed denkt, der deutsche Prozess könnte Kaschmir als Vorbild dienen. Wie in Deutschland vor 1990 seien im indischen und pakistanischen Teil Kaschmirs Familien getrennt, so der Vorsitzende des Kaschmir Council, einer Nichtregierungsorganisation in Brüssel. "Sie haben dieselbe Kultur, dieselbe Sprache."

Nicht als Blaupause denkbar

Nach Meinung anderer Experten lässt sich das deutsche Modell auf Kaschmir nur eingeschränkt übertragen. So sieht das auch Talat Bhat, Direktor der in Stockholm ansässigen Nordic Kashmir Organization, die sich für ein unabhängiges, säkulares und vereintes Kaschmir einsetzt. "Die Vereinigungsmärsche finden nur im vom Pakistan geführten Teil Kaschmirs statt. In der indisch-kontrollierten Region gibt es so einen Impuls nicht - hauptsächlich wegen der Tatsache, dass Indien seit dem 5. August prominente Politiker und Aktivisten eingesperrt hat", sagt Bhat.

Viele Menschen im indischen Teil Kaschmirs wünschen sich die Unabhängigkeit von Neu-Delhi, wollen aber nicht Teil von Pakistan werden. Umgekehrt gilt das Gleiche auf der anderen Seite der Demarkationslinie.

Siegfried O. Wolf, Forschungsdirektor in der Brüsseler Denkfabrik "South Asia Democratic Forum" (SADF), sagt, die deutsche Einheit beruhe auf der vollständigen Integration des einen Staates in einen anderen. In Ostdeutschland sei das politische, soziale und wirtschaftliche System des Westens eingeführt worden. "Das unterscheidet sich sehr von dem, was die Kaschmiri wollen. Anders ausgedrückt wäre das Modell der deutschen Vereinigung auf Kaschmir anwendbar, wenn sich der pakistanische Teil nicht nur mit dem indischen Teil Kaschmirs zusammenschließen wollen würde, sondern mit dem gesamten indischen Staat."

Fehlende internationale Unterstützung

Auch aus weiteren Gründen kann seiner Ansicht nach die Vorbildfunktion nur marginal sein. "In Deutschland hat vor allem die pro-demokratische Bewegung in der DDR den Prozess angetrieben. Dann hat sich die westdeutsche Gesellschaft solidarisch mit den Aktivisten auf der anderen Seite der Mauer gezeigt." Als richtungsweisend bezeichnet Wolf auch die Unterstützung der USA und der Sowjetunion auf dem Weg zur Deutschen Einheit. "So ein Szenario kann ich für Kaschmir nicht erkennen", sagt der Experte. Die internationale Gemeinschaft betrachtet den Kaschmirkonflikt als bilaterales Problem zwischen Indien und Pakistan. Keine Führungsmacht unterstützt die Idee eines freien Kaschmirs.

Doch trotz der Unterschiede könnten die Kaschmiri viel vom deutschen Weg lernen, denkt Syed vom Kashmir Council. "Vor drei Jahrzehnten war es unvorstellbar, dass Deutschland vereint werden könnte. Die Kaschmiri glauben, wenn es in Deutschland machbar war, kann das auch auf ihrem Gebiet geschehen." Seit dem 5. August, ergänzt er, seien die Menschen auf beiden Seiten der faktischen Grenze "stärker vereint denn je".

Shamil Shams

© Deutsche Welle 2019

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