Fortan sollen Jammu und Kaschmir nun von Delhi aus als Unionsterritorium regiert werden. Unmittelbar nach dem Dekret verhängten die indischen Behörden eine großflächige Abriegelung Kaschmirs. Die Militärpräsenz in der ohnehin stark militarisierten Hauptstadt Srinagar wurde aufgestockt, Bewegungsverbote verhängt. Alle Kommunikationslinien wurden gekappt, örtliche Politiker verhaftet oder unter Hausarrest gestellt.

Modis Entscheidung führte zu neuem Zündstoff in der ohnehin angespannten Situation zwischen Indien und Pakistan: Bei mehreren Schusswechseln an der “Line of Control” kamen auf beiden Seiten in den letzten Tagen Soldaten ums Leben. Pakistan feierte seinen 72. Unabhängigkeitstag am 14. August deshalb symbolisch in Muzaffarabad, der Hauptstadt von “Azad Kaschmir” (Freies Kaschmir), wie Islamabad den von Pakistan kontrollierten Teil Kaschmirs nennt. Dabei sagte Premier Imran Khan: “Modi hat einen strategischen Fehler begangen. Er hat seine letzte Karte gespielt. Nun haben sie das Kaschmir-Thema international gemacht.”

Eindrücke aus Kaschmir; Foto: Marian Brehmer
„Wir wollen weder zu Indien gehören, noch zu Pakistan. Wir wollen Azadi!” “Azadi” bedeutet “Freiheit” auf Kaschmiri und ist - vielfach an Mauern und Häuserwende geschmiert - zum Schlachtwort für den Traum von der Unabhängigkeit von Indien geworden. Doch nach Jahrzehnten der quasi-imperialen Politik Neu Delhis gegenüber der Region scheint Kaschmir in Modis Indien weiter von Freiheit entfernt als je zuvor.

Im Zuge einer diplomatischen Offensive führte Pakistan nun eine Sondersitzung des UN-Weltsicherheitsrats herbei, um Indiens “illegale Handlungen” auf den Tisch zu bringen. Die indische Seite wehrte sich ihrerseits gegen das, was man als Einmischung in nationale Belange sieht. Von Imran Khan kam die Versicherung: “Wir werden uns an jedes internationale Forum wenden (…) Wir werden zum Internationalen Gerichtshof gehen.” Außerdem warnte Pakistans Premier vor der “Nazi-inspirierten” hindunationalistischen Ideologie, welcher Modi bereits seit Kindesbeinen anhänge.

Modis verfolgt langfristigen Plan

Modi scheint mit seiner Kaschmir-Strategie einen langfristigen Plan zu verfolgen, von dem er sich nicht so leicht abbringen lassen wird. Zunächst einmal passt die Umkrempelung des einzigen indischen Bundesstaates mit einer muslimischen Minderheit in die Vision eines Hindu-Indiens, in dem Muslime in letzter Konsequenz nur noch geduldet werden. Nicht-Kaschmiris zu erlauben, in Kaschmir Grund und Immobilien zu erwerben, wird zu einer langsamen Besiedelung Kaschmirs durch Inder aus anderen Landesteilen führen — darauf hoffen auch die Hindus, die einst im Zuge von religiös-politischen Spannungen Kaschmir verlassen mussten.

Letztendlich wäre Modi aber nicht Modi, wenn hinter dieser Entscheidung nicht massive wirtschaftliche Pläne stecken würden. Modi präsentiert Kaschmir gerne als “failed state” und verspricht eine Verbesserung der Infrastruktur und Erhöhung der Lebensqualität für Kaschmiris. Zu befürchten ist jedoch die allmählich Zerstörung einer bisher relativ unangetasteten Region mit idyllischer Natur und einer intakten Lokalökonomie, die hauptsächlich auf Naturtourismus, Kunsthandwerk, Gartenbau und Weidewirtschaft beruht.

Kritiker befürchten, dass Modi in Kaschmir dem Modell der anderen zwei Gebirgsbundesstaaten Himachal und Uttarakhand folgen wird, wo im Zuge einer kapitalistischen Logik in den letzten Jahren exzessive Bebauung, ein chaotischer Straßenbau und rapide Urbanisierung zu großen Umweltschäden geführt haben. Industrieabfall und steigende Müllvolumen, durch Bergbau verseuchte Wasserwege und verschmutzte Wälder prägen nun die einst unberührte Natur dieser Gegend.

Für Hamid, den Steinewerfer vom Spaziergang auf den Wiesen von Gulmarg, jedenfalls ist sicher: „Wir wollen weder zu Indien gehören, noch zu Pakistan. Wir wollen Azadi!” “Azadi” bedeutet “Freiheit” auf Kaschmiri und ist - vielfach an Mauern und Häuserwende geschmiert - zum Schlachtwort für den Traum von der Unabhängigkeit von Indien geworden. Doch nach Jahrzehnten der quasi-imperialen Politik Neu Delhis gegenüber der Region scheint Kaschmir in Modis Indien weiter von Freiheit entfernt als je zuvor.

Marian Brehmer

© Qantara.de 2019

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