Karl-Heinz Kohl

Eisschrank und Mercedesbett

Die Vorstellung von in sich geschlossenen Kulturen ist eine Illusion. Dr. Karl-Heinz Kohl, Leiter des Frobenius-Instituts beweist, dass sich Kulturen seit alters her gegenseitig beeinflussen. Die Entstehung einer Einheitskultur, die viele im Zeitalter der Globalisierung befürchten, sieht er nicht zwangsläufig.

I.

Von Globalisierung ist zur Zeit überall die Rede. Der Begriff scheint inzwischen auf dem besten Wege, zur Selbstbezeichnung unserer Epoche zu werden. Was wir gegenwärtig erleben, ist im Prinzip freilich nicht mehr als die Forcierung eines ökonomischen Globalisierungsschubs, dessen Anfänge sich in die Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zurückverfolgen lassen, dem die wirtschaftliche Integration der westeuropäischen Länder in der Europäischen Union und die Liberalisierung der Wirtschaftspolitik in den USA vorausgegangen waren, der seine eigentliche Dynamik jedoch erst nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Ostblockstaaten zu Beginn der neunziger Jahre entfalten konnte, dem letzten großen Hindernis gegen eine vollständige Kapitalisierung der Weltwirtschaft. Von Euro-Amerikanisierung oder Verwestlichung zu reden wäre daher aufrichtiger. Seit den letzten zehn Jahren schreitet die internationale Verflechtung der großen Industriekonzerne, der Banken und der Finanzmärkte jedenfalls stetig voran. Entscheidungen, die in den Chefetagen von New York, London oder Frankfurt getroffen werden, wirken sich selbst noch in den abgelegensten ländlichen Regionen von Asien, Afrika oder Lateinamerikas aus. Aber auch in den industriell entwickelteren Ländern sind die Folgen des gegenwärtigen Globalisierungsschubs unübersehbar. Ganze Produktionszweige wie etwa die Textilindustrie sind in Länder der Dritten Welt oder nach Osteuropa ausgelagert worden. Selbst die moderne Hochtechnologie ist heute kein Monopol Amerikas, Europas oder Japans mehr. Auto- und auch Flugzeugproduktionsstätten finden sich in ganz Südostasien, Computer werden in Südkorea, Malaysia und inzwischen auch in China hergestellt. Indische Informatiker haben sich so erfolgreich auf die Herstellung sogenannter Software-Programme spezialisiert, daß sie durch lukrative Angebote nach Amerika und Deutschland gelockt werden. Die Arbeitsmigration selbst zählt mit zu den Globalisierungsphänomenen. Migranten aus der Türkei, den Ostblockstaaten, Nordafrika und Asien sind schon lange keine „Gastarbeiter“ mehr, sondern zu einem wichtigen, ja geradezu notwendigen ökonomischen Faktor geworden. Deutschland wird auf eine jährliche Zuwanderung von nicht weniger als 450.000 Arbeitsemigranten angewiesen sein, um seine wirtschaftliche Produktivität auf dem gegenwärtigen Stand halten zu können. In einer Stadt wie Frankfurt liegt der Ausländeranteil schon heute weit über 25 %. Ganze Stadtteile verändern ihren Charakter. Lange Zeit erfolgreich bekämpfte Vorurteile kehren wieder, kaum eine Woche vergeht, in der nicht in der Presse von rassistischen Ausschreitungen berichtet wird. Sie sind ein Symptom für die zahlreichen Ängsten, mit denen das Globalisierungsphänomen heute nicht nur in Deutschland besetzt ist. Man fürchtet den Verlust von Arbeitsplätzen, des relativ hohen Lohnniveaus und der Sozialleistungen des Wohlfahrtstaates westeuropäischer Prägung. Aber fast mehr noch wird die Globalisierung als eine Bedrohung der eigenen kulturellen Identität angesehen. Diese Ängste äußern sich nicht nur im gewaltsamen Vorgehen gegen Personen, die sich durch eine dunklere Haut oder Haarfarbe von der Mehrheitsbevölkerung unterscheiden. Als eine nicht weniger große Bedrohung wird die zunehmende Dominanz des Englischen und des amerikanischen Lebensstils überhaupt empfunden, Gefühle, die sich keineswegs nur auf die sogenannten unteren Schichten beschränken. Zwar sind die deutschen Politiker in dieser Hinsicht noch zurückhaltender als die französischen, die durch ein Gesetz die alleinige Verwendung der englischen Sprache in der Werbung verboten haben und auch internationale wissenschaftliche Kongresse in ihrem Land nur dann finanziell unterstützen, wenn die offizielle Konferenzsprache Französisch ist, doch geht die neuere Leitkulturdebatte in eine ganz ähnliche Richtung, und Diskussionen über das sogenannte Denglische finden sich mittlerweile auf den Feuilletonseiten jeder besseren Wochen- oder Tageszeitung. Tatsächlich aber wird sich der einmal in Gang gesetzte Prozeß wahrscheinlich nicht mehr aufhalten lassen. Staatlich verordnete kulturelle Abschottungsversuche helfen dagegen nur wenig. Im Gegenteil: in ökonomischer Hinsicht würden sie der Kultur nur schaden, die zu schützen sie vorgeben.

Gleichwohl werden die Auswirkungen der Globalisierung bei uns nicht als Möglichkeit ökonomischer oder kultureller Bereicherung, sondern als Kulturverlust empfunden. Wie realistisch ist diese Befürchtung? Wird eine unaufhörlich weiter voranschreitende Vereinheitlichung der Lebensformen und -stile langfristig ein Verschwinden nicht nur unserer eigenen, sondern auch aller anderen nationalen und regionalen Kulturen bewirken? Kulturpessimistische Philosophen und Soziologen haben vor einer solchen Entwicklung schon vor langer Zeit gewarnt. Aus ethnologischer Sicht scheinen die diesbezüglich grassierenden Ängste allerdings nur zu einem Teil begründet. Sowohl historische als auch rezente Vorgänge lassen den Schluß zu, daß Kulturen gegenüber Herausforderungen dieser Art entschieden resistenter waren und sind als dies heute allgemein angenommen wird. Gerade die Ethnologie verfügt über eine ganze Reihe von Fallbeispielen, die zeigen, daß die Einbeziehung von Lokalkulturen in den Globalisierungsprozeß häufig sogar zu einer Verstärkung bzw. Wiederbelebung tradierter kultureller Orientierungen führt.II.

Die kulturelle Diffusion ist ein uraltes Phänomen. Kulturen waren noch nie vollständig voneinander isoliert, sondern standen schon immer in wechselseitigen Austauschbeziehungen. Archäologische Ausgrabungen beweisen, daß sie bereits im frühen Altertum durch weltumfassende Handelsnetze miteinander verbunden waren. So haben Prähistoriker erst vor wenigen Jahren im württembergischen Raum griechische Ziergefäßen und Trinkschalen gefunden, die sie in die sogenannte früheisenzeitliche Hallstattkultur, also etwa ins 6. Jahrhundert vor Christus datieren konnten. Und Ausgrabungsfunde auf der ostindonesischen Insel Flores haben den Beleg dafür erbracht, daß römische Glasperlen bereits kurz nach der Zeitenwende auf verschlungenen Handelswegen bis zu den abgelegenen Inseln des malaiischen Archipels gelangt waren. Die Beschleunigung des gegenwärtigen Globalisierungsprozesses sollte uns daher nicht vergessen lassen, daß es zu vergleichbaren Vorgängen im Verlauf der Menschheitsgeschichte immer wieder gekommen ist. Man denke nur an das Reich Alexander des Großen, das sich von Mazedonien über Kleinasien und Nordafrika bis zu den Quellen des Indus erstreckte. Genauso gut könnte man auch das Römische Weltreich oder das Mongolenreich unter Dschingis Khan nennen. Unter der Herrschaft seiner Nachfolger konnte die Familie des venetianischen Kaufmanns Marco Polo im 13. Jahrhundert mit ihren Handelswaren über die Seidenstraße ohne größere Gefährdungen bis zu den Küsten Südostasiens reisen, eine Möglichkeit, die uns im Zeitalter der Globalisierung leider wieder verschlossen ist.

Auch der heute so schnell voranschreitende ökonomische Globalisierungsschub selbst ist keineswegs der Anfang, sondern vielmehr der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die vor gut fünfhundert Jahren mit der Entdeckung der Neuen Welt durch Christoph Kolumbus begann. Kolumbus hatte bekanntlich einen neuen maritimen Handelsweg nach Indien gesucht, nachdem die alten, ein gutes Viertel des Erdballs umfassenden Handelsrouten nach Asien durch die türkische Eroberung von Byzanz abgeschnitten worden waren. Seine Entdeckungsfahrt war insofern nur die Reaktion auf die Zerstörung eines jahrhundertealten globalen Austauschsystems. Mit der Entdeckung und kolonialen Unterwerfung des amerikanischen Kontinents wurde allerdings ein Prozeß in Gang gesetzt, der sich qualitativ von allen vergleichbaren früheren Vorgängen unterscheidet. Nicht von ungefähr wird mit diesem Ereignis heute der Beginn der Neuzeit datiert. Langfristig führte es zur weltbeherrschenden Vormachtstellung einer bestimmten Kulturform, die ihren Siegeszug nicht zuletzt ihrer Fähigkeit verdankte, sich die Errungenschaften aller übrigen Kulturen anzueignen, sie zu synthetisieren und zu ihrer weltweiten Verbreitung beizutragen. Von der Kartoffel, dem Mais und dem Kaffee angefangen über das Papier und die Quecksilberverhüttung bis hin zu den Ideen von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit – in den unterschiedlichsten Bereichen ist es den Europäern gelungen, fremdkulturelle Elemente in die eigene Kultur zu integrieren. Die Europäisierung der Erde – und nichts anderes war der neuzeitliche Globalisierungsprozeß seit seinen Anfängen eigentlich – schlägt heute in einem noch höher und systematischer integriertem kulturellem Synthetisierungsprodukt: der Amerikanisierung, auf Europa selbst zurück.

Der beispiellose Siegeszug der europäischen Nationen seit der Entdeckung und Eroberung Amerikas, auf die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts die Unterwerfung auch aller anderen Weltteile unter die europäisch-amerikanische Botmäßigkeit folgte, war das Resultat eines komplizierten Zusammenspiels politischer, weltanschaulicher und ökonomischer Faktoren. Der kommerziellen Durchdringung waren dabei zumeist christliche Mission und koloniale Unterwerfung vorausgegangen. Erst sie hatten die bestehenden Strukturen aufgebrochen, neue kulturelle Orientierungen hervorgebracht und damit langfristig auch die Märkte geschaffen, auf denen europäische Waren abgesetzt werden konnten. Es war die kulturelle und politische Europäisierung der Erde, die dem Globalisierungsprozeß den Weg gebahnt hat, nicht in allen, aber doch in sehr vielen Fällen. Die Feststellung mag zwar überraschen, aber die kulturelle Globalisierung ist älter als die ökonomische. Es scheint, daß sich hieran auch durch die Abschaffung der direkten Kolonialherrschaft in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg nur wenig geändert hat. Die Dekolonisierung hat zwar der direkten politischen Abhängigkeit der außereuropäischen Länder von Europa ein Ende bereitet, sie konnte aber die großen Transformationsprozesse nicht mehr rückgängig machen, denen die entsprechenden Kulturen in der Epoche des Kolonialismus und Imperialismus unterlegen waren. Die politischen Eliten der seit 1948 unabhängig gewordenen ehemaligen Kolonialstaaten orientierten sich kulturell und politisch fast ausnahmslos an Europa. Ob Sukarno in Indonesien, Nehru in Indien, Nkrumah in Ghana, Ho Chi Minh in Vietnam oder Leopold Sédar Senghor in Senegal, ihr Kampf gegen die europäische Fremdherrschaft hinderte sie nicht daran, für ihre Staaten ein politisches und ökonomisches System anzustreben, das sich das der europäischen Länder zum Vorbild nahm. Viele Führer der antikolonialen Widerstandsbewegungen, und zwar gerade einige der bedeutendsten unter ihnen, hatten ihre Ausbildung in westlichen Ländern erhalten. Leopold Sédar Senghor hatte in Paris Philosophie studiert und als französischer Soldat am Zweiten Weltkrieg teilgenommen. Kwame Nkrumah war Absolvent der Lincoln Universität in Pennsylvania, an der er Kurse in Soziologie, Volkswirtschaft und Theologie belegt hatte. Mahatma Ghandi gelangte im Alter von neunzehn Jahren nach England, wo er Latein, Physik und Rechtswissenschaft studierte. Nach Abschluß seiner Ausbildung arbeitete er bis zu seiner Rückkehr nach Indien in einer südafrikanischen Rechtsanwaltskanzlei. Jomo Kenyatta war ein Schüler des Ethnologen Bronislaw Malinowski, dessen Seminare an der London School of Economics er besucht und bei dem er promoviert hatte. Ho Chi Minh arbeitete in Paris mehrere Jahre als Journalist und Photograph, bevor er 1920 wegen seiner Zugehörigkeit zur kommunistischen Partei ausgewiesen wurde. Keiner von ihnen hätte wohl je daran gedacht, in Indien oder Vietnam die alten Feudalherren wieder an die Macht bringen zu wollen, in Afrika das sakrale Königtum oder das traditionelle Häuptlingstum zu restaurieren, Plantagenbau und moderne Landwirtschaft aufzugeben und wieder zum Brandrodungsbau oder zur Tauschwirtschaft zurückzukehren.

Ein grundlegender Wandel hat sich in dieser Hinsicht eigentlich erst in den siebziger Jahren abzuzeichnen begonnen. Ausgelöst worden war er zweifellos durch das Fehlschlagen der Hoffnungen, die man in den Ländern der „Dritten Welt“ in ein schnelles ökonomisches Wachstum gesetzt hatte und für das man die fortdauernde Abhängigkeit von den westlichen Metropolen verantwortlich machte. Artikuliert aber hat sich der Widerstand gegen die Dominanz des Westens vor allem im Bereich der Kultur und der Religion. Entgegen den Erwartungen der Modernisierungstheoretiker erfuhren traditionelle Werte einen unerwarteten Wiederaufstieg. Als Ende der siebziger Jahre in Persien das westlich orientierte Schah-Regime durch die Herrschaft der Mullahs abgelöst wurde, war dies nur der Auftakt zu einer weltweiten kulturellen Gegenbewegung. Der islamische Fundamentalismus griff schnell nach Afghanistan und Pakistan, in den Nahen Osten, nach Nordafrika und in den Sudan über. In Indien waren es radikale Hindus, die den Protest gegen die kulturelle Globalisierung zum Ausdruck brachten, und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, daß sich selbst in den USA der Widerstand gegen die als Sittenverfall angesehene weltweite Vereinheitlichung der Lebensformen in einer fundamentalistischen Evangelikalen-Bewegung zu formieren begann.

Paradoxerweise scheint zur gleichen Zeit wahr zu werden, was schon ein gutes halbes Jahrhundert zuvor kulturpessimistische Denker wie Ortega y Gasset oder Claude Lévi-Strauss vorausgesagt hatten. Derselbe kulturelle Einheitsbrei breitet sich weltweit aus. Kaum eine größere Stadt in Asien oder Lateinamerika, in der sich nicht eine der amerikanischen Fastfood-Ketten niedergelassen hat, Coca Cola erhält man im afrikanischen Busch ebenso wie auf jeder Südseeinsel, und in den ländlichen Regionen der Dritten Welt hat inzwischen das T-Shirt die bunte Vielfalt lokaler Trachten verdrängt. Mit Hilfe der attraktiven Produkte der modernen Unterhaltungsindustrie propagieren Film und Fernsehen überall die gleichen Ideen und den gleichen Lebensstil. Ob im fernen Kupang auf der Insel Timor, ob in Kano in Nordnigeria oder auf den Fiji-Inseln, kein Platz der Welt, an dem es die Satellitenschüsseln nicht ermöglichten, amerikanische Soap-Operas und Sit-coms zusammen mit den Weltnachrichten und den Realtime-Börsenkursen von CNN zu empfangen. Kulturelle Uniformität, wohin man auch blickt. Dem weltweiten Artensterben scheint das Kulturensterben zu entsprechen. Die Differenzen schwinden dahin. Andererseits lesen wir in der Presse von einem saudiarabischen Offizier, der zu der archaischen Strafe von 20 Peitschenhieben verurteilt wurde, weil er gegen die modernen technischen Sicherheitsbestimmungen verstoßen und sein Mobiltelefon an Bord einer Linienmaschine eingeschaltet hatte. Wir hören von afghanischen Truppen, die die hochentwickelte Waffentechnik, die der Westen ihnen zur Verfügung stellt, dazu einsetzen, das strenge Bilderverbot des Koran zu befolgen und die alten Buddhastatuen ihres Landes zu zerstören. Offensichtlich trügt der äußere Schein. Sieht man nämlich etwas genauer hin, dann erkennt man schnell, daß sich unter den äußeren Ähnlichkeiten gravierende Unterschiede verbergen. Erst einmal in die eigene Kultur integriert, werden die aus dem Westen importierten Ideen, Güter und Waren mit neuen Bedeutungen versehen. Bisweilen werden sie dabei zu Waffen, die sich leicht gegen die richten lassen, von denen man sie bezogen hat.III.

1978, ein knappes Jahr, bevor in Persien Ayatollah Chomeini die Macht übernahm, veröffentlichte der in den USA lebende palästinensische Literaturwissenschaftler Edward Said eine aufsehenerregende Studie, in der er nachwies, daß unserem herkömmlichen Orientbild nur wenig in der Realität entsprach. Saids These zufolge ist der Orientalismus eine Erfindung, die den Phantasien europäischer Schriftsteller und Wissenschaftler entsprungen ist. Reist man gut zwei Jahrzehnte später in eines der vom Fundamentalismus geprägten islamischen Länder des Nahen oder Fernen Ostens, erhält man den Eindruck, daß das konventionelle europäische Orientbild unter dem Druck und zugleich als Reaktion auf die Globalisierung endlich Wirklichkeit geworden ist. Es scheint, als hätte man in diesen Ländern die Reiseberichte eines Carsten Niebuhr, eines Gérard de Nerval, eines Richard Burton oder eines Karl May nicht nur gründlich gelesen, sondern sich deren Imaginationen auch in jeder Hinsicht zueigen gemacht. Der Orient ist heute wieder orientalischer denn je. Pünktlich zu den fünf Gebetszeiten stellt jedermann die Arbeit ein, rollt seinen Gebetsteppich aus und verbeugt sich gegen Mekka. Dem Gesetz der Sharia entsprechend, wird Dieben die Hand und Mördern das Haupt abgeschlagen. Die Geschlechtersegregation gewinnt immer mehr Bedeutung. Schwarze Ganzkörperschleier, wie man sie früher nur noch in rückständigen ländlichen Gebieten antraf, beherrschen heute auch das Straßenbild persischer, nordafrikanischer oder malaysischer Städte. Andererseits wird es nicht als Widerspruch empfunden, wenn der Muezzin seine Stimme über eine Lautsprecheranlage verstärken läßt, wenn die verstümmelten Diebe zur Ausheilung in hochmoderne Hospitäler gebracht werden oder wenn tiefverschleierte Frauen Flughafen-Terminals und Computer bedienen. Der Orient hat sich endlich selbst erfunden. Im Gewand des Orientalismus demonstriert der Islam, daß er heute zur letzten großen Bastion des Widerstands gegen die Verwestlichung geworden ist.

Was sich von den Metropolen des Islam nur indirekt schließen läßt: daß sie sich nämlich das Bild angeeignet haben, das man sich in Europa schon immer von ihnen gemacht hat, liegt in anderen Fällen ganz offen zutage. Sault Ste.Marie ist der Name einer Stadt an der amerikanisch-kanadischen Grenze, die in unmittelbarer Nähe mehrerer Ojibwa-Reservationen liegt. Ihre kleine Universität organisiert in regelmäßigen Abständen Tagungen über traditionelle Werte und Lebensformen der „Native Americans“. Von Thomas Schirer, einem Professur für Literaturwissenschaft, vor vielen Jahren ins Leben gerufen, werden die Kongresse heute nur noch von Indianern für Indianer veranstaltet. Sie enden regelmäßig mit einem Powwow, einem indianischen Tanzfest, zu dem die Teilnehmer die Trachten ihrer „Väter“ anlegen. Freilich, gleichgültig, ob es sich um die Nachfahren der Ojibwa, der Irokesen, der Navajo oder der Apachen handelt – die Kostüme, in denen sie auftreten, und die Tanzrhythmen, zu denen sie sich bewegen, sind ausschließlich den Kulturen der Sioux, der Cheyenne und anderer Prärieindianer entnommen. Von Hollywood popularisiert, sind die Krieger, die am 25. Juni 1876 in der Schlacht von Little Big Horn den amerikanischen Truppen unter General Custer eine vernichtende Niederlage beibrachten, zu den bevorzugten Identifikationsfiguren der „Native Americans“ geworden. Historisch gesehen hatten die von der Bisonjagd lebenden und mit ihren Tipis umherziehenden Sioux aus dem Mittelwesten mit den irokesischen Maisbauern im Osten oder den schafzüchtenden Navajo des Südwestens indessen nicht viel mehr gemeinsam als die Wikinger des europäischen Norden mit den Bauern und Viehzüchtern des Mittelmeerraums. Nach innen mögen die großen kulturellen Unterschiede zwar Bedeutung haben, nach außen aber zieht man es vor, sich mit den attraktiven Symbolen zu schmücken, die ein die Ureinwohner Nordamerikas heroisierendes Fremdbild zur Verfügung stellt. Doch nicht nur das Bild vom „edlen Wilden“, sondern auch die im deutschen Begriff „Naturvölker“ anklingende Vorstellung von Menschen, die sich der Natur auf mystische Weise verbunden fühlen, dient den „Native Americans“ heute als Identifikationsmuster. Die berühmte Rede des Häuptlings Seattle gegen die Zerstörung der Wälder und Flüsse – in Deutschland war sie bei den sogenannten Alternativen lange Zeit ein beliebter Aufkleber – ist zu einer Art von neuem Credo der indianischen Bewegung geworden. Auch die sogenannte Mother-Earth-Religion gilt bei ihnen inzwischen als eine genuine Hervorbringung ihrer autochthonen Kultur, obgleich Wissenschaftler schon lange nachgewiesen haben, daß es sich hierbei – ebenso wie bei der Rede des Häuptlings Seattle – um Erfindungen von weißen Amerikanern handelt. Die kommerzielle Ausbeutung dieser und anderer Vorstellungen hat sich überdies als außerordentlich profitabel erwiesen. Indianische Heiler reisen heute durch die modernen Industriemonopolen Amerikas und Europas und weisen jeden, der sich die hohen Preise ihrer Lehrgänge leisten will und kann, in vermeintlich echte schamanistische Rituale ein.

Ähnliche Vorgänge lassen sich bei den australischen Aborigines beobachten. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert galten sie den europäischen Wissenschaften als eine der primitivsten menschlichen Gesellschaften überhaupt. Noch Mitte der sechziger Jahre glaubte man sie wie unmündige Kinder unter die Kuratel des Staates stellen zu müssen. Die vollen Bürgerrechte sind ihnen zwar inzwischen zuerkannt worden, ihr Kampf um die Rückerstattung ihrer Territorien stieß jedoch auf weit größere Widerstände. Möglicherweise wäre er erfolglos geblieben, hätte sich das herkömmliche Bild der Aborigines nicht grundlegend gewandelt. Es waren zunächst die Vertreter der Ökologie-Bewegung, die die Religion der Urbewohner Australiens für sich entdeckten. In ihrem Totemismus glaubten sie die Ausgestaltung eines Naturverhältnisses erkennen zu können, das auf Harmonie und Ausgleich, nicht aber auf Ausbeutung angelegt ist. Ihnen folgten wenig später die Anhänger des New Age. Für sie stellen die religiösen Überzeugungen der Aborigines Zeugnisse einer tiefen Spiritualität dar, von der sie glauben, daß sie noch aus den Urzeiten der Menschheit stamme und daß sich mit ihrer Hilfe die Wurzeln unseres Seins neu entdecken ließen.

Ähnlich wie die nordamerikanischen Indianer das Hollywood-Klischee des edlen Wilden und die romantische Vorstellung, ein wirkliches Naturvolk zu sein, in ihr Selbstbild integrierten, identifizieren sich heute viele Aborigines mit der Idee, daß ihre überlieferten Lebens- und Denkformen Alternativen zu denen des Westens darstellten. Auch hierbei spielen kommerzielle Überlegungen oft eine Rolle. Die spirituelle Bindung an die Erde und der sorgsame Umgang mit der Natur werden als Argumente vor allem dann vorgebracht, wenn es um Entschädigungsforderungen an Minenbetreiber oder Schafzüchter geht. Tatsächlich ist es den politisch besonders aktiven Aborigines-Gruppen im Northern Territory gelungen, fast die Hälfte der Fläche dieses drittgrößten australischen Bundesstaates von der Regierung zurückerstattet zu erhalten. Die Berufung auf die eigenen Traditionen ist jedoch mehr als nur ein wohlfeiles politisches Argument zur Durchsetzung ökonomischer Interessen. Unter den Aborigines hat sich eine starke Outback-Bewegung entwickelt, deren Anhänger wieder nach dem Vorbild ihrer Väter leben wollen und die Ghettos der australischen Städte verlassen, um sich in ihren alten Stammesterritorien von der Jagd und vom Sammeln zu ernähren. Für die Ernsthaftigkeit dieser Bewegung spricht gerade, daß man dabei keineswegs auf Geländewagen, Wohnmobile und moderne Jagdwaffen verzichtet und batteriebetriebene Fernsehgeräte dazu nutzt, die Erzählungen der Stammesmythen zu empfangen, die von einem von Aborigines betriebenen Sender in Alice Springs ausgestrahlt werden.

Eine andere Jäger- und Sammlergesellschaft, die heute einen ähnlichen Weg eingeschlagen hat, sind die subarktischen Inuit oder Eskimos. Auch ihnen ist es inzwischen gelungen, Teile ihrer alten Territorien von der amerikanischen und kanadischen Regierung zurückzuerlangen. Dort gehen sie inzwischen wieder derselben Form des Nahrungserwerbs wie ihre Vorfahren nach, allerdings mit dem Unterschied, daß sie inzwischen Flugzeuge einsetzen, um schneller in ihre Jagdgebiete gelangen und die Beute unter ihren Verwandten aufteilen zu können. Eine Zeit lang war auch der traditionelle Hundeschlitten durch Motorschlitten ersetzt worden. Allerdings sind die Inuit inzwischen wieder zu den Hundeschlitten zurückgekehrt, nachdem sie den Tourismus als neue Einnahmequelle entdeckt hatten. Touristen legen nämlich Wert darauf, für ihr gutes Geld so viel Urtümliches wie nur möglich geboten zu bekommen.IV.

Die Globalisierung hat nicht nur zu einer Verbreitung westlicher Vorstellungen und Ideen geführt; noch weit bedeutenderer in ihren Auswirkungen ist die weltweite Diffusion von Gütern. Auch hierin ist ihr der Kolonialismus vorausgegangen. Drei Warengattungen waren es, mit deren Hilfe es dem europäischen Fernhandel im Zuge der kolonialen Expansion gelungen war, die lokalen Märkte zu erschließen: Militärische Güter, Textilien und Genußmittel. Alle drei Gattungen, die der Berliner Sozialphilosoph Wolfgang Haug einmal der Kategorie der „starken Reize“ zugeordnet hat, verbinden Attraktivität und Nützlichkeit auf beispielhafte Weise miteinander. Güter dieser Art haben bewirkt, daß Gebiete, die bis dahin keine eigene Warenproduktion kannten, für den europäischen Markt erschlossen wurden. Wahrscheinlich haben sie zur Auflösung tradierter Gesellschaftsverhältnisse letztlich weit mehr beigetragen als sämtliche gewaltsamen Eingriffe in vorhandene politische und soziale Strukturen.

Den neuen Bedürfnissen, die durch diesen spezifischen Typus von Waren geweckt wurden, sind zwar sehr viele, aber doch keineswegs alle Gesellschaften erlegen. In Japan und China hatten sich die lokalen Herrscher bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein der Aufnahme von Handelsbeziehungen entgegengestellt und sie durch Verbote unterbunden. In Japan hatte man seit dem Beginn der Shogun-Herrschaft die jesuitischen Missionare wieder aus dem Land vertrieben, die zum Christentum konvertierten Einwohner rigoros verfolgt und die europäischen Händler 1642 auf eine künstliche Insel verbannt, die vor Hokkaido angelegt worden war. Selbst der Gebrauch von Feuerwaffen, dem die Tokugawa-Shogune ihren Aufstieg verdankt hatten, konnte bis in das 19. Jahrhundert hinein erfolgreich unterbunden werden. Ähnlich hatten sich auch die chinesischen Kaiser gegen den Import europäischer Güter und Ideen gewandt. Erst durch ihre rigorose Kanonenbootpolitik gelang es den Amerikanern und den Engländern schließlich, die Märkte der beiden bedeutendsten ostasiatischen Länder für den Handel mit europäischen Waren zu öffnen. In Japan wurde dadurch ein Wandel ausgelöst, der das Land bald zu einer der weltweit führenden Industrienationen werden lassen sollte. Die rigorose Abschottung durch staatliche Verbote hatte hier also gegen die verführerische Kraft der europäischen Warenwelt auf lange Frist nur wenig ausrichten können.

Dagegen ist es gerade einigen der früher fälschlicherweise als „primitiv“ eingestuften Gesellschaften über lange Zeit hin gelungen, ihre überlieferten Strukturen dadurch zu erhalten, daß sie europäische Warenimporte gar nicht erst durch Verbote zu bekämpfen suchten, sondern sie vielmehr auf unterschiedlichste Weise in ihre traditionelle Lebenswelt integrierten. In vielen ostindonesischen Kulturen sind so zum Beispiel Seidenstoffe, Elefantenstoßzähne, europäische Waffen und Rüstungen, Silbermünzen der holländischen Handelskompanie und viele andere exotische Gegenstände als Erinnerungsstücke an die eigenen Vorfahren in die geheiligten und in den Kulthäusern aufbewahrten Ahnenschätze einzelner Dorfclane eingegangen. Die Kulturen der amerikanischen Nordwestküste wurden für ihren Brauch berühmt, wertvolle Güter aller Art, zu denen seit dem 19. Jahrhundert auch alle möglichen europäischen Waren wie Decken und Kleider, Eßgeschirr und Fischölkanister zählten, in ihren großen Potlatschfesten systematisch zu vernichten, um durch diesen Akt ostentativer Zerstörung von Reichtum das Ansehen ihrer Häuptlinge zu mehren. Und bei den Bolia des Kongogebiets fanden die begehrten Tonkrüge aus dem Kannenbäckerland, die auf den verschlungensten Wegen nach Afrika gelangt waren, noch in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts eine ganz ähnliche Verwendung. Über viele Jahre hin systematisch thesauriert, wurden sie in einem symbolischen Akt zerschlagen, wenn der lokale Herrscher ein Gesetz verkündete oder ein neuer König in sein Amt eingeführt wurde.

Wie die Flut europäischer Gebrauchs- und Konsumgüter kulturell integriert und für traditionelle Zielsetzungen eingesetzt wird, kann man auch heute noch in zahlreichen außereuropäischen Lokalkulturen beobachten. Gerade Afrika ist reich an Beispielen für solche Aneignungsprozesse. Bei den Kanuri, den Shuwa-Arabern und anderen Ethnien im Norden Nigerias besteht seit alters her der Brauch, Frauen bei ihrer Hochzeit mit einer Vielzahl von Haushaltsgegenständen zu beschenken, die sie in einem eigenen Raum horten und in wirtschaftlichen Notlagen auf dem Markt verkaufen. Früher bestanden die Ausstattungen nordnigerianischer Frauenräume aus Kalebassen, Tontöpfen und Schlafmatten. Heute sind an ihre Stelle Email- und Aluminiumtöpfe, goldfarbene Suppenteller, Parfümfläschchen, Waschmittel und andere Luxusgüter getreten, die an der Rückwand des Raums dekorativ aufgestapelt werden, hinter einem Paar Plüschsessel auf der einen und einem Himmelbett mit Messingpfosten auf der anderen Seite. Allerdings werden weder die Haushaltswaren noch die Möbel je ihrem eigentlichen Verwendungszweck zugeführt. Wie die Ethnologin Editha Platte in ihrer Studie über muslimische Frauen in Nordostnigeria gezeigt hat, sind es vielmehr reine Renommierobjekte – Stolz der Frauen in guten und ihr Notgroschen in schlechten Zeiten.

Gebrauchsgüter europäischer Provenienz werden heute nicht nur auf dem Land, sondern auch in den städtischen Kulturen Afrikas in einem ganz ähnlichen Sinn verwendet. Es ist vor allem ihr Repräsentationswert, der interessiert. Wer sich in Westafrika schon selbst keinen eigenen Eisschrank, kein eigenes Fernsehgerät oder keine eigene Einbauküche leisten kann, läßt sich zumindest im Fotostudio vor einer entsprechenden Kulisse fotografieren. Wie die Ethnologen Heike Behrend und Tobias Wendl in ihren Ausstellungen afrikanischer Studiofotografien gezeigt haben, stellen Arrangements dieser Art keineswegs nur imaginäre Erfüllungen unerreichbarer Träume dar. Vielmehr handelt es sich um einen selbstironischen, spielerischen Umgang mit den Einflüssen der Globalisierung. Gleiches gilt zweifellos auch für die nach dem Vorbild von Mercedeslimousinen angefertigter Prunkbetten, auf deren Herstellung sich einige Schreinerwerkstätten in der nordnigerianischen Stadt Kano spezialisiert haben. Mit einem Kühlergrill aus Sperrholz, mit Scheinwerfern und dem echten Stern versehen, finden sie vor allem unter den Angehörigen der Oberschicht ihre Käufer. Die afrikanische Maske im deutschen Wohnzimmer und der deutsche Mercedes im afrikanischen Schlafzimmer dienen offensichtlich dem gleichen Zweck. Als Aneignungen des Fremden erlauben sie, am Prestige des Exotischen teilzuhaben.
Der Eisschrank oder das Mercedesbett signalisieren äußerlich Modernität. Sofern sie aber für überlieferte Zielsetzungen verwendet werden, stellen sie zugleich Formen der Indigenisierung von Modernität dar. Europäische Repräsentationsgüter werden dazu genutzt, traditionelle Werte und Ideen zum Ausdruck zu bringen. Daß sich dies selbst auf den Bereich der Religion, des Totenkults und der Ahnenverehrung beziehen kann, zeigt die heute in Ghana ungemein populäre Sepulkralkultur. Schon seit einiger Zeit ist es in Accra und anderen ghanaischen Städten Brauch geworden, für verstorbene Verwandte Särge in Form von Flugzeugen, Yachten oder europäischen Luxuslimousinen anfertigen zu lassen. Auf den Gräbern selbst finden sich Zementskulpturen, die meist die in Prunkgewänder gekleideten Toten, manchmal aber auch Löwen, Adler und andere traditionelle Kultfiguren darstellen. Christliche Jenseitsvorstellungen und lokaler Ahnenkult sind hier offensichtlich eine Verbindung eingegangen. Indem man die Verstorbenen in Imitaten von Renommierobjekten beisetzt, hofft man, ihnen im Jenseits die Wünsche zu erfüllen, die ihnen als Lebenden versagt blieben. Zugleich werden sie in Form der Statuen verehrt, die man aus dauerhaften modernen Baustoffen auf ihren Gräbern errichtet hat.

Kulturellem Aneignungs- und Umdeutungsprozeß unterliegen heute auch die populären Figuren der amerikanischen und ostasiatischen Filmindustrie wie James Bond, Terminator, Rambo oder Bruce Lee. Haben sie in den visuellen Erzählungen der Moderne den Platz der antiken Heroen eingenommen, so finden sie in Afrika, Ozeanien und Südamerika als Geister und Halbgötter in den Bereich der religiösen Vorstellungen Eingang. So diente zum Beispiel in der Armee der 140. 000 Geister, die den Holy Spirit-Soldaten der einheimischen Prophetin Alice Lakwena in Uganda zu manchem Sieg über die staatlichen Truppen verholfen hatten, auch James Bond. In Brasilien sind es die Anhänger der synkretistischen Besessenheitskulte wie Candomblé und Umbanda, die neben den Orisha-Gottheiten der westafrikanischen Yoruba und einigen großen Heiligen der katholischen Kirche auch moderne Filmfiguren in ihr Pantheon aufgenommen haben. In den Séancen werden sie von den einheimischen Priestern so lange beschworen, bis sie von einem der Teilnehmer Besitz ergreifen, durch deren Mund sprechen und ihre Kräfte zur Heilung von Kranken einsetzen.V.

Die Integration der imaginären Helden der amerikanischen Unterhaltungsindustrie in indigene Religionssysteme ist das vielleicht extremste Beispiel für den kulturellen Einpassungsprozeß, dem Elemente der modernen westlichen Kultur im Zuge der Globalisierung unterliegen. Weit davon entfernt, zu einer Uniformisierung der Kulturen der Welt beizutragen, werden sie zu Gegenständen eines höchst kreativen Umdeutungsvorgangs. Eine Luxuslimousine in einen Sarg oder ein Ehebett zu transformieren heißt zugleich, von ihrem vorgetäuschten Gebrauchswert ganz abzusehen und allein ihren Symbolwert zu betonen. Rambo oder James Bond in eine Reihe mit Geistern, Heiligen und Göttern zu stellen, sie zu beschwören und als Helfer im Kampf gegen das Böse anzurufen legt die religiösen Dimensionen bloß, die der Konzeption dieser mythischen Kunstfiguren zugrunde liegen. Im wörtlichen Sinne ent-fremdet, vereinnahmt und zum Eigenen erklärt, erhalten europäische Ideen, Güter und Ikonen auf diese Weise neue Bedeutungsdimensionen.

Der Ethnologe Lévi-Strauss hat in einem berühmten Abschnitt seines Buches über 'Das wilde Denken' das mythische Denken indigener Völker einmal mit der Bricolage, der Tätigkeit des Bastlers verglichen. Im Unterschied zum Ingenieur besorge sich der Bastler nicht systematisch sämtliche Rohstoffe und Werkzeuge, die er benötigt, um sein jeweiliges Ziel zu realisieren. Er begnügt sich vielmehr mit dem Vorhandenen, seien es die Elemente, die er nach dem Prinzip, daß man sie vielleicht irgendwann einmal brauchen könne, gesammelt und aufgehoben hat, oder seien es auch nur solche, die er zufällig vorfindet. Wenn er sie für ein bestimmtes Vorhaben verwenden will, spielt ihr ursprünglicher Gebrauchszweck kaum mehr eine Rolle. Er nimmt zunächst eine Bestandsaufnahme vor, läßt die Einzelelemente in eine Art Dialog miteinander eintreten und baut sie in sein Werk nach Maßgabe der mehr oder weniger zufälligen Beziehungen ein, die sich auf diese Weise zwischen ihnen ergeben. Auf ähnliche Weise „funktioniert“ nach Lévi-Strauss auch das mythische Denken, das durch die Kombination vorhandener Elemente ständig neue Bedeutungen erzeugt.

Das Prinzip der Bricolage scheint auch dem Umgang mit fremdkulturellen Gütern, Ideen und Ikonen zugrunde zu liegen. Er ist im Grunde spielerischer Natur. Was für bestimmte Zwecke brauchbar erscheint, wird aufbewahrt, in Vorhandenes eingebaut, mit traditionellen oder mit neuen Bedeutungen versehen. Auf diese Weise entstehen heute überall in der Welt faszinierende kulturelle Mischgebilde, die alles andere als einförmig oder eintönig, sondern die vielmehr bunt und oft auch kontradiktorisch sind. Allerdings wollen wir diese Vorgänge nicht wahrhaben. Sie widersprechen unserem romantischen Bild von unberührten und reinen Urkulturen. Das häßliche T-Shirt verstößt gegen unser ästhetisches Empfinden, die afrikanische Lehmarchitektur ziehen wir den häßlichen Betonbauten vor, schon der deutsche Afrikaforscher Leo Frobenius sprach verächtlich von den „Hosenträger-Niggern“ und verherrlichte zugleich die Reinheit und Schönheit traditioneller afrikanischer Kultur. Offensichtlich wollen wir uns die letzten Enklaven des Exotischen als eine Art Disneyland erhalten.

Wie eingangs bereits bemerkt, ist die Vorstellung von in sich geschlossenen und nach außen abgeschotteten Kulturen, der nicht nur die Ethnologie lange Zeit angehangen hat, eine Illusion. Zu jenen Vorgängen der Verschmelzung von Kulturelementen unterschiedlichster regionaler Herkunft, die sich im Zuge der Globalisierung heute überall beobachten lassen, ist es im Verlauf der Geschichte immer wieder gekommen. Das besondere Erfolgsgeheimnis der europäischen Gesellschaften scheint sogar darin zu bestehen, daß sie sich dieser Herausforderungen bewußt und immer wieder von neuem gestellt haben und dem Neuen gegenüber weit aufgeschlossener waren als zahlreiche andere Kulturen. Bedeutet die Globalisierung also das Ende kultureller Identitäten? Wird eine einheitliche, westlich geprägte Weltkultur alle bestehenden Kulturen ablösen? Die angeführten Beispiele scheinen eher auf eine andere Entwicklung hinweisen. Es ist nicht die tödliche Langeweile einer Einheitskultur, die uns bevorsteht. Vielmehr hat der Globalisierungsprozeß bisher nur dazu beigetragen, die innere Vielfalt der Kulturen der Welt in dem Maße zu bereichern, indem er sie zu einer Weltkultur zusammenzuschweißen beginnt.

© 2002; Karl-Heinz Kohl

Dr. Karl-Heinz Kohl ist Direktor des Frobenius-Instiuts an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt

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