Kampf um Mossul

Operation gnadenlos

Eigentlich sollte der Kampf um Mossul schon längst beendet sein. Iraks Premier Haider al-Abadi versprach im letzten Oktober die Stadt binnen drei Monate zu befreien. Tatsächlich aber tobt die Schlacht um Iraks ehemals zweitgrößte Stadt jetzt seit über sieben Monaten. Und die Zahl der zivilen Opfer steigt dramatisch. Von Birgit Svensson

Die irakische Armee drückt aufs Tempo. Nach eigenen Angaben sollen inzwischen 90 Prozent der Stadt vom IS befreit worden sein. Erklärtes Ziel war es, zu Beginn des heiligen Fastenmonats Ramadan mit der Operation Mossul fertig zu sein. Dann darf tagsüber weder gegessen noch getrunken werden.

Für die Soldaten ist dies eine ungeheure Belastung. Kugelsichere Westen, Waffen, Munition und andere Gerätschaften, die die Soldaten mit sich herumtragen, lassen die Körpertemperatur enorm ansteigen. Ohnehin verzeichnet der Irak derzeit eine Hitzewelle, die das Thermometer auf über 40 Grad ansteigen lässt. Doch das Ziel wurde nicht erreicht. Noch immer stoßen die Regierungstruppen, unterstützt durch US-koordinierte Luftangriffe auf erheblichen Widerstand in der Westhälfte der Stadt.

Kampf um letzte Dschihadisten-Hochburg

Der Kampf um die nordirakische Stadt, die der IS im Juni 2014 eingenommen hat, geht zweifellos in die Endphase. Mit äußerster Härte und Brutalität verteidigen die Dschihadisten ihre letzte Hochburg im Irak. Der Einsatz der irakischen Armee musste daher immer wieder gebremst oder teilweise ausgesetzt werden. Vor allem im dicht bebauten und bewohnten Westteil der Stadt kamen die Regierungstruppen zuletzt nur langsam voran.

Infografik Umkämpftes Mossul; Quelle: DW
Die letzte Hochburg des IS vor dem Fall: Mossul wird vom Fluss Tigris geteilt. Der Westteil der zweitgrößten irakischen Stadt ist die letzte Hochburg der Dschihadisten im Irak. Die sunnitischen Extremisten hatten Mossul im Sommer 2014 unter ihre Kontrolle gebracht. Im Oktober 2016 startete die irakische Armee eine Offensive, Ende Januar wurde der Ostteil Mossuls zurückerobert. Mitte Februar starteten die irakischen Truppen dann den Angriff auf West-Mossul. Mittlerweile sind nach irakischen Angaben fast 90 Prozent der Stadt zurückerobert. Nach Angaben des Einsatzkommandos rückt das irakische Militär auf den Stadtteil al-Schifaa und das dortige Krankenhaus vor. Einheiten der Bundespolizei attackieren demnach das Viertel al-Sindschili und Anti-Terror-Einheiten das Viertel al-Saha al-Ula. Die drei Stadtteile liegen alle nördlich der Altstadt.

Mehrfach gab es Berichte über eine große Zahl ziviler Opfer, unter anderem bei Luftangriffen. Kampfjets der US-geführten internationalen Koalition unterstützen die Offensive der irakischen Armee. In den noch vom IS kontrollierten Teilen der Altstadt Mossuls sollen nach UN-Schätzungen noch immer 200.000 Zivilisten eingeschlossen sein. Sie erleiden qualvolle Stunden, wie das Online-Magazin "Iraq Oil Report" berichtet:

"Tote Körper von Zivilisten liegen in den Straßen, getötet bei Straßenkämpfen und Luftangriffen. Etwa 50 Häuser wurden an einem einzigen Tag zerstört. Eine Gruppe von zehn Ärzten, die in einem Gebäude Unterschlupf suchten, ist tot. Es gibt keine medizinische Versorgung mehr. Die Menschen haben weder Wasser noch Lebensmittel. Auch den Familien der IS-Kämpfer gehen langsam die Nahrungsmittel aus, nachdem sie das letzte Essen denjenigen geraubt haben, die nicht mit dem IS zusammenarbeiten wollen. Weigern die sich, ihre Lebensmittel abzugeben, werden sie erschossen."

Zivilisten im Visier des IS

Immer wieder gerät vor allem das Stadtviertel Thawra als eines der heftigst umkämpften Stadtteile im Westen Mossuls in die Schlagzeilen. Während die Bewohner im Ostteil der Stadt sich nach und nach wieder in ihren Häusern einrichten, den Schutt wegräumen und erste Reparaturen vornehmen, wird auf der anderen Seite des Tigris weitergekämpft. Als an einem Tag 90 Zivilisten in Thawra getötet wurden, stellte die Anti-IS-Allianz auf politischen Druck für einige Tage die Kampfhandlungen ein. Was Augenzeugen aus diesem Viertel berichten, ist an Grausamkeiten kaum zu überbieten.

Noch weht die schwarze Fahne des IS auf dem Minarett der großen Moschee. Seit nunmehr vier Wochen versuchen die Regierungstruppen vergeblich, das islamische Gotteshaus für sich zu erobern. Die Moschee ist nach dem Türken Nur al-Din Mahmoud Zangi benannt, der Herrscher über Mossul und Aleppo zu Zeiten des Osmanischen Reiches war. Zwei Jahre vor seinem Tod im Jahr 1174 ließ er die Moschee bauen. Nur al-Din rief seinerzeit alle Muslime auf, gegen die christlichen Kreuzfahrer in den Dschihad zu ziehen.

Birgit Svensson

© Qantara.de 2017

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Leserkommentare zum Artikel: Operation gnadenlos

Pardon, aber 1174 existierte das Osmanische Reich noch gar nicht. Nur al-Din Mahmoud Zangi muss also Seldschuke gewesen sein...

Torben Ehlers30.05.2017 | 14:08 Uhr