Kampf um Idlib

"Lieber unter Bomben als unter Assad"

Der Kampf um Idlib ist die wohl letzte grausame Schlacht im Syrien-Krieg. Eine, die sich davon nicht unterkriegen lässt, ist Huda Khayti. Sie will in Idlib weiter für ihr Syrien kämpfen - mit friedlichen Mitteln. Von Diana Hodali

Immer wieder muss Huda Khayti das Interview unterbrechen. So geht das über Tage. Immer wieder fallen die Bomben des Regimes, während sie am Telefon versucht, die Situation in Idlib zu beschreiben. "Ich melde mich", sagt die Leiterin des Frauenzentrums in Idlib und legt auf. Binnen kürzester Zeit sucht sie sich einen neuen sicheren Ort. Einen, von dem sie zumindest glaubt, er sei sicherer als der vorherige. Mehrmals täglich. Ein paar Stunden später kommt ein Lebenszeichen. Aufatmen. Sie ist unversehrt.

"So ist das Leben in Idlib, in der Stadt und in der gesamten Region. Seit Jahren. Hier gibt es keine Sicherheit, für niemanden. Aber ich habe ein gutes Netzwerk", sagt die 40-jährige Syrerin, die seit 2018 in der Stadt Idlib lebt. "Wir haben so eine Art Frühwarnsystem für die Bomben - wir können sie förmlich riechen und mittlerweile einschätzen, wo sie runtergehen." Viele Bewohner haben so etwas wie einen siebten Sinn dafür entwickelt.

900.000 Vertriebene aus Idlib

Im Frühjahr 2018 kam Huda Khayti nach Idlib. Damals wurden demokratische Oppositionelle und Rebellengruppen gleichermaßen in die Provinz gebracht, die von der islamistischen Gruppe Hayat Tahrir al-Scham (HTS) kontrolliert wird - weit weg vom Assad-Regime. "Ich war noch nie zuvor in Idlib gewesen. Ich wusste nicht, was mich hier erwartet", erzählt sie. Aber sie wusste, dass Assad mit Unterstützung Russlands und des Irans früher oder später versuchen würde, die letzte Rebellenhochburg Syriens einzunehmen. Die Türkei unterstützt die Gegner Assads.

950.000 Menschen sind aus der Provinz Idlib seit Dezember vor dem Bombenhagel der syrischen und russischen Flugzeuge geflohen, die meisten von ihnen Frauen und Kinder. Sie verlassen ihre Häuser und ihre Dörfer über die Straßen Richtung Norden zur türkischen Grenze. Autos stehen dicht an dicht. Sie alle sind Vertriebene im eigenen Land, manche bereits zum zweiten, dritten oder vierten Mal auf der Flucht. Der Kampf um Idlib ist wohl die letzte grausame Schlacht im Syrien-Krieg.

Huda Khayti und ihr Team im Frauenzentrum Idlib; Foto: H. Khayti
Politisch couragiert gegen das Assad-Regime: Huda Khaytis persönliche Revolution hatte bereits vor dem Krieg 2011 begonnen. Ihr sei schon lange bewusst gewesen, wie sehr das Regime von Baschar al-Assad die Frauenrechte einschränkt und die eigene Bevölkerung drangsaliert. Sie wünscht sich, dass die Stimmen der Menschen aus Idlib endlich gehört werden.

Wie grausam es sein kann, hat die Frauenrechtsaktivistin schon damals in Duma und Ost-Ghuta, in der Nähe von Damaskus, zu spüren bekommen. "Ich komme aus Duma und habe einen Giftgasangriff des Regimes überlebt. Ich weiß, wie es ist, unter Bombenhagel zu leben oder eingepfercht in Ost-Ghuta", sagt sie. "Aber jede Bombe, die in Idlib über uns abgeworfen wird, bestärkt mich darin, dass es richtig gewesen ist, hier zu bleiben und für Syrien und das Frauenzentrum zu kämpfen."

Auf der schwarzen Liste des Regimes

Aber von vorne: Huda Khayti verbringt ihr ganzes Leben in Duma. Sie wächst dort auf, studiert in Damaskus französische Literatur. Ihre persönliche Revolution habe schon vor dem Krieg 2011 begonnen, erzählt sie. Ihr sei schon lange bewusst gewesen, wie sehr das Regime von Baschar al-Assad die Frauenrechte einschränkt und die eigene Bevölkerung drangsaliert.

Sie baut drei Frauenzentren in Ost-Ghuta auf, gibt dort gemeinsam mit anderen Frauen Workshops zum Thema geschlechtsspezifische Gewalt, Erste-Hilfe- und Englischkurse. Auch Frauenrechte werden dort vermittelt. In Ost-Ghuta werden alle Zentren zerbombt. Eine Kollegin und ihr Kind kommen dabei ums Leben. Auch ein Bruder Huda Khaytis stirbt. Sie und ihre Familie sind am Boden zerstört. "Wir standen uns alle ziemlich nah. Haben immer zusammen gegessen, waren sehr eng miteinander", sagt sie und klingt dabei melancholisch.

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