In die Nähe der Extremisten gerückt

Auch die Arbeit des Präventionsnetzwerks VPN ist umstritten. Im Frühjahr wurden zwei Mitarbeiter vorübergehend suspendiert - wegen möglicher Kontakte zur extremistischen Szene. Dort seien sie zwangsläufig zwar tätig, so das hessische Innenministerium, gerade deshalb sei ihre Aufgabe aber so verantwortungsvoll: Sie müssten ohne jegliche Einschränkung die freiheitliche demokratische Grundordnung akzeptieren.

Eine der beiden Mitarbeiter ist Halima Faissal, 26, Pädagogin. Ihren richtigen Namen möchte sie in der Zeitung nicht lesen, sie halte sich auch von Facebook fern, sagt sie. Die in Frankfurt aufgewachsene Islam- und Erziehungswissenschaftlerin arbeitet vor allem mit radikalisierten jungen Frauen. Ihre muslimische Identität sah Faissal als berufliches Plus, heute ist sie sich da nicht mehr sicher.

Islamwissenschaftler und Publizist Michael Kiefer. Foto: privat
Das Hessische Innenministerium hat Mitarbeiter von Violence Prevention Network in die Nähe des Salafismus gerückt. Der Islamwissenschaftler Michael Kiefer kritisiert, dass "die Behörden selbsternannten Islamexperten, die keine Ahnung von Islamismus haben, zu viel Glauben schenken." Es könne nicht sein, dass man Menschen nicht anhand ihrer Äußerungen bewerte, sondern ihnen eine Art "Kontaktschuld" anhänge.

Ihr wurde vorgeworfen, außerhalb ihrer Arbeit mit einem Verein kooperiert zu haben, der den Muslimbrüdern nahe stehe und der islamistischen Szene als Anlaufstelle diene, lässt das Landesamt für Verfassungsschutz Hessen wissen.

Dass ihre demokratische Grundhaltung bezweifelt wird, kann die 26-Jährige nicht fassen. Immer wieder schüttelt sie den Kopf und zieht ihre dichten Augenbrauen hoch. "Was für eine Frage. Natürlich bekenne ich mich zum Grundgesetz", sagt sie, "glaubt irgendjemand wirklich, ich habe Interesse daran, ein islamisches Kalifat aufzubauen?"

Sie muss lachen, weil sie diese Vorstellung offenbar für absurd hält. Nach ihrer Suspendierung musste Faissal den Kontakt zu den gefährdeten Frauen abbrechen, sie nennt sie "meine Klientinnen". Über konkrete Fälle will sie nicht sprechen; sie möchte nicht, dass sich jemand wiedererkennt. Sie will aber auch zeigen, wie wichtig ihre Arbeit ist.

Sie erzählt von einer 17-jährigen Schülerin aus Hessen, die ihren Mann bei der Eheschließung zum ersten Mal sah. Das sei kein Einzelfall, in der radikalen Szene sei es regelrecht ein Trend, mit 14 Jahren einen völlig unbekannten "Bruder" islamisch zu heiraten, sagt Faissal. Die meisten Mädchen kämen aus zerrütteten Familien, in denen Religion eher zweitrangig sei, meint sie.

Oft hätten sie Angst, dass ihr Doppelleben zuhause auffliegt, viele erlitten Fehlgeburten. Nach deutschem Recht sind diese Ehen nicht gültig. "Sie wollen sich trotzdem nicht von der Szene trennen, weil sie zuhause keine Geborgenheit finden."

Doch auch in der Ehe suchten die meisten danach vergeblich: Die simple Gleichung, ein guter Muslim sei auch ein guter Ehemann gehe nicht auf. Abends würden viele Männer auf der Playstation zocken oder Pokémons suchen statt zu beten und für sie da zu sein, erzählen ihr die Mädchen. "Den ganzen Tag strammer Extremist zu sein, ist offenbar ganz schön anstrengend", sagt Faissal und lacht.

Bislang galt der Verein als Musterbeispiel für gelungene Prävention: Im Juni 2016 wurde er von der Bundesregierung in der Kategorie Gesellschaft zum Thema Nachbarschaft als "Ausgezeichneter Ort im Land der Ideen" gewürdigt.Auch Hessens Innenminister Peter Beuth lobte Anfang 2016, die Mitarbeiter hätten durch ihren Glauben einen besseren Zugang zu gefährdeten Jugendlichen. Bis Ende 2015 reisten laut Innenministerium rund 140 Islamisten aus Hessen aus, seitdem waren es lediglich zehn Islamisten.

Öffentlich wurden die Vorwürfe gegen Faissal und ihren Kollegen vor allem durch den Blog von Sigrid Herrmann-Marschall, einer Frankfurter Dozentin, die sich auf ihrer Webseite als "unabhängige Sekten- und Islamismus-Expertin" bezeichnet.

Sie sammelt und gewichtet aus einer religionsskeptischen Perspektive Informationen, demonstriert gegen Koranverteilungsaktionen von Salafisten, bietet sich als Sprecherin auf Podien oder in Schulen an - die Grenzen zwischen Expertise und Aktivismus sind bei ihr fließend.

Herrmann-Marschall besitze "allenfalls Laienwissen über den Islam und verurteilt Menschen pauschal, ohne nachprüfbare Beweisführung, als Anhänger islamistischer Strömungen", urteilt die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor. Ein Vorwurf, den die Bloggerin "undifferenziert" nennt.

„Sorry, aber das ist Bullshit“

Auch der Osnabrücker Islamwissenschaftler Michael Kiefer kritisiert: "Die Behörden schenken selbsternannten Islamexperten, die keine Ahnung von Islamismus haben, zu viel Glauben." Es könne nicht sein, dass man Menschen nicht anhand ihrer Äußerungen bewerte, sondern ihnen eine Art "Kontaktschuld" anhänge.

Joachim Valentin, der Direktor der Katholischen Akademie in Frankfurt, sitzt mit dem zweiten suspendierten Mitarbeiter, einem 27-jährigen Bremer, seit zwei Jahren im Rat der Religionen. Die Vorwürfe hält er für "großen Bullshit - sorry, aber da gibt es kein deutsches Wort dafür". Viele Islamkritiker weiteten den kleinen Kreis der Salafisten auf alle konservativen Muslime aus und erzeugten "Nachrichten im Konjunktiv. Dabei ist oft nur zwanzig Prozent Sensationswahrheit in der Meldung."

Nach einigen Wochen wurden die Vorwürfe gegen die VPN-Mitarbeiter fallen gelassen. Laut Innenministerium liegen "keine extremistischen Bestrebungen" vor. Faissal befürchtet jedoch, dass das Misstrauen bleibt. Auch das Verhältnis zu ihren Klientinnen sei gestört worden. "Drei Wochen Suspendierung bedeuten 10 000 Schritte zurück im Leben einer gefährdeten Person", sagt Faissal. Sie kenne die Ängste vieler Menschen vor dem Islam, doch man müsse differenzieren.

"Ist jemand extremistisch, wenn er fünfmal am Tag betet oder ein Kopftuch trägt? Steht jemand den Muslimbrüdern nah, wenn er in einer Moschee betet, die Kontakte zu ihnen hat?" Halima Faissal wirft den Kopf nach hinten. "Wo ist da die Grenze?"

Der Verein will an seinem Konzept, dass Muslime radikalisierte Muslime wieder gesellschaftsfähig machen, festhalten.

Dunja Ramadan

© Qantara.de 2017

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Leserkommentare zum Artikel: Islamismus mit dem Islam bekämpfen

Wahrscheinlich werden wir auch, wenn islamistische Inhalte angeklickt werden, überwacht - dafür habe ich auf jeden Fall Anhaltspunkte.
Wo bleibt die Informationsfreiheit? Ich kann doch nur kritisieren, was ich kenne.

benita schneider25.08.2017 | 21:18 Uhr