Kampf gegen Al-Qaida im Jemen

Heikle Terrorbekämpfung am Golf von Aden

Der vereitelte Anschlag von Detroit hat den Jemen als neues Rückzugsgebiet für Terroristen in den Fokus der Terrorismus-Bekämpfung gerückt. Nun weiten die USA ihre Anti-Terror-Strategie aus. Ein Kommentar von Peter Philipp.

Der vereitelte Anschlag auf ein Passagierflugzeug vor der Landung in Detroit hat den Jemen als neues Rückzugsgebiet für Terroristen in den Fokus der Terrorismus-Bekämpfung gerückt. Nun weiten die USA ihre Anti-Terror-Strategie auf das instabile Land am Golf von Aden aus - und tappen damit in eine Falle, kommentiert Peter Philipp.

Jemenitische Mitglieder des Terror-Netzwerkes Al-Qaida sitzen in einem Gericht in Sanaa hinter Gittern; Foto: dpa
Der Jemen gilt bereits seit einiger Zeit als Rückzugsgebiet des Terrornetzwerks Al-Qaida: Jemenitische Mitglieder des Terrornetzwerks in einem Gerichtsgefängnis in Sanaa.

​​Der vereitelte Angriff auf einen Linienflug bei Detroit könnte weitreichende Folgen haben. US-Präsident Barack Obama hat zwar offiziell nicht vor, nun auch Truppen in den Jemen zu schicken. Er hat aber versprochen, die Drahtzieher des geplanten Flugzeug-Überfalls zu verfolgen und ihrer gerechten Strafe zuzuführen.

Genau das jedoch ist das Strickmuster, nach dem man in ein ungewolltes Abenteuer hineinschlittern kann: Der Jemen war bisher nicht in der Lage, seine Sicherheit ausreichend zu gewährleisten und terroristischen Gruppen das Handwerk zu legen.

Ein paar entschlossene Worte aus dem Weißen Haus dürften daran ebenso wenig etwas ändern wie die Betriebsamkeit, die der britische Premier Gordon Brown nun an den Tag legt. Brown möchte Ende Januar eine internationale Jemen-Konferenz einberufen, auf der die Maßnahmen erörtert werden sollen.

Neuer Krisenherd im arabischen Armenhaus

Ohne direktes Engagement des betroffenen Auslandes wird der Jemen auf absehbare Zeit nicht in der Lage sein, der Aufgabe gerecht zu werden, die sich ihm jetzt stellt.

Gordon Brown und Barack Obama; Foto: dpa
Brown will noch Ende Januar eine internationale Jemen-Konferenz einberufen. Obama plant zwar keine Truppenentsendung in den Jemen, will jedoch die Drahtzieher des geplanten Flugzeug-Überfalls verfolgen.

​​Und es gibt ja bereits ein direktes Engagement zumindest der USA: Sie trainieren schon seit einiger Zeit jemenitische Sicherheitskräfte und dieses Programm soll weiter ausgebaut werden. Sollten diese Ausbilder in Schwierigkeiten geraten, wird es nur ein kleiner Schritt sein zu einem direkten und offenen militärischen Eingreifen.

Trotz aller Beteuerungen in Washington droht den USA und dann wohl auch einigen ihrer Verbündeten am Südende der Arabischen Halbinsel ein neuer Krisenherd. Dem kann man aber kaum entgehen, wenn man nicht völlig darauf verzichten will, terroristische Gruppierungen zu bekämpfen.

Dieselbe "Logik", die einst George W. Bush Afghanistan angreifen und Barack Obama den Krieg dort intensivieren ließ, droht - zumindest mittelfristig - auch den Jemen zum internationalen Kriegsschauplatz zu machen.

Instabile Situation im Land

Ein lokaler Kriegsschauplatz war der Jemen bereits vor dieser Entwicklung: Aufständische im Norden und Süden des Landes, Terrorgruppen und unzufriedene Stämme machten den Jemen zusehends unsicher. Die Zentralregierung war immer weniger in der Lage, dem Einhalt zu gebieten.

Makaber, dass die internationale Gemeinschaft diese Dinge zwar wusste, aber weitgehend darüber hinweg schaute, solange es nicht selbst davon betroffen war. Der verhinderte Anschlag bei Detroit hat das mit einem Schlag geändert.

Jemenitische Soldaten vor der US-Botschaft in Sanaa; Foto: AP
Ausweitung der Kampfzone gegen Al-Qaida: Nachdem die USA ihre Unterstützung gegen das Terrornetzwerk angekündigt hatten, wurden die Sicherheitsmaßnahmen vor der US-Botschaft in Sanaa verstärkt.

​​So wie der 11. September die Haltung gegenüber Afghanistan grundsätzlich veränderte, obwohl auch davor bekannt gewesen war, dass Osama Bin Laden und seine Anhänger am Hindukusch Unterschlupf gefunden hatten.

Der ehemalige deutsche Verteidigungsminister Peter Struck meinte einst, der demokratische Westen werde am Hindukusch verteidigt. In Deutschland wollen das immer weniger Leute akzeptieren.

Aber umgekehrt wird man doch auch nicht bereit sein, eine Gefährdung hinzunehmen, die in Afghanistan, im Jemen oder sonst wo auf der Erde geplant und vorbereitet wird, ohne die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen zu wollen - egal, wo sie sich verstecken.

Keine überzeugende Alternative

Das mag menschlich ja verständlich sein, politisch und militärisch aber ist es äußerst riskant, wie der bisherige Verlauf des "Kampfes gegen den Terrorismus" gezeigt hat.

Das Schlimmste: Es gibt wahrscheinlich keine überzeugende Alternative, denn Zurückhaltung des Auslandes wird von Al-Qaida sicher nicht belohnt, sondern als Schwäche interpretiert werden und diese zu neuen Angriffen verleiten.

Den Fanatikern kann das nur recht sein: Sie brauchen ein hartes Vorgehen des Auslandes, um damit dessen angeblich antiislamische und antiarabische Ideologie vorzuführen.

Und das Ausland tappt geraden Wegs in diese Falle. Selbst wenn es das eigentlich nicht will - auf subtilere Art als der 11. September und der verhinderte Anschlag bei Detroit, aber trotzdem auch eine Art von Terrorismus.

Peter Philipp

© Deutsche Welle 2010

Qantara.de

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