Kamel Daouds Roman "Zabor"

Das Ende der Patriarchen in Algerien

In seinem neuen Roman "Zabor" erzählt der algerische Starautor Kamel Daoud die Geschichte des Außenseiters Ismaël, der die Poesie als Mittel zum Überleben entdeckt. Stefan Weidner sieht in dem Roman Parallelen zur Situation in Algerien nach dem Sturz von Bouteflika.

Mit seinem ersten Roman und seinen islamkritischen Äußerungen zu den Ausschreitungen der Kölner Silvesternacht von 2015/16 ist der 1970 geborene algerische Autor und Journalist Kamel Daoud fast über Nacht zu einem internationalen Starintellektuellen avanciert.

Doch lange bevor sein erster Roman 2013 erschien, hatte er sich bereits einen Namen mit Leitartikeln für den Quotidien d’Oran gemacht, der Tageszeitung für die Küstenstadt im Westen Algeriens. Fans von Albert Camus kennen Oran als Schauplatz seines Romans „Die Pest“ und genau auf Camus, geboren in Algerien, und dessen bekanntestes Werk "Der Fremde" nahm Daoud mit seinem erfolgreichen Erstling "Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung" Bezug.

Daoud erzählt die Geschichte des Arabers, den der "Fremde", Meursault, gleichsam aus Versehen ermordet. Meursault wird dafür zwar vor Gericht gestellt, verurteilt wird er aber nicht für den Mord an dem Araber (eine Lappalie aus Sicht der Kolonialherren) sondern für seine Bindungsunfähigkeit und fehlende Mutterliebe. Also eigentlich, weil er in seiner eigenen Gesellschaft ein Außenseiter ist.

Daouds Roman-Replik spielt mit dem postkolonialen Perspektivwechsel und erzählt dieselbe Geschichte aus algerischer Sicht. Die Pointe: Auch der algerische Erzähler ist ein Fremder in seiner Gesellschaft, ein Alkoholiker, der seine Mutter hasst und seinerseits aus Versehen zum Mörder wird. Mögen Algerier und Franzosen sich bekriegen und verachten: Als Individuen können sie auf einer höheren Ebene, im Existenzialismus, Brüder im Geist sein, wenn sie dem Konformitätsdruck ihrer jeweiligen Gesellschaften widerstehen.

Schreiben gegen den Tod

Fremd und ausgestoßen im eigenen Dorf ist auch Ismaël, der Erzähler in Daouds zweitem Roman "Zabor". Weil seine Mutter bei der Geburt gestorben ist und der Vater eine neue Familie hat, lebt er bei seiner unverheirateten Tante Hadjer. Der Vater, ein reicher Viehhändler und Hobby-Schlächter, zählt zu den Patriarchen des Dorfes und heißt, wie könnte es anders sein, Ibrahim, arabisch für Abraham. In der Bibel und auch nach islamischer Überlieferung verstößt Abraham ebenfalls seine Dienerin Hagar (arabisch Hadjer) und ihren gemeinsamen Sohn Ismaël.

Romancover Kamel Daouds „Zobor“. Foto  Verlag Kiepenheuer & Witsch
Parabel auf die gegenwärtige Gesellschaft Algeriens: Kamel Daoud hat einen bildstarken und kraftvollen Roman geschrieben: Über Heimat und Familie, über die Macht der Religion und über die große Liebe zur Literatur, die alles sein kann, Unterdrückungsinstrument genauso wie Mittel zur Befreiung.

Bei einem Autor, der für seine Religionskritik bekannt ist, überrascht diese Bezugnahme auf die biblisch-koranischen Geschichten. Aber schon in "Der Fall Meursault" hieß der Erzähler Haroun (Aaron) und sein Bruder, der von Meursault ermordete Araber, trug den Namen Moussa (Moses). Wenn Daoud ein Religionskritiker ist, dann einer, der tiefer in die Religion verstrickt ist als die meisten ihrer Gegner. Von dieser Verstrickung aber – und der Befreiung aus ihr – handelt "Zabor".

"Zabor" ist eine Art Autobiografie, nur symbolisch überhöht und ganz der intimen Fantasiewelt des Schreibenden verpflichtet. Dennoch gibt es auch hier den berühmten autobiografischen Pakt, also den Moment im Buch, wo Held und Autor sich treffen: "Zabor", der Titel des Romans, ist das arabische Wort für "Psalm" und der Verfasser der biblischen Psalmen ist bekanntlich König David; David aber heißt auf Arabisch Daoud, wie der Autor. Poesie und Fantasie sind in diesem Buch wichtiger als die Geschichte. Wenn man sich beim Lesen darauf einlässt, wird man reichlich belohnt.

Vater Ibrahim liegt im Sterben und Ismaël hat sich in die Vorstellung hineingesteigert, sein Schreiben könne Leben verlängern. Tinte ist Blut und solange sie auf das Blatt fließt, bleibt auch das Blut im Fluss, ja die ganze Existenz. Nach traditioneller muslimischer Vorstellung ist dagegen alles seit Urzeiten vorherbestimmt, das Buch des Schicksals längst geschrieben: "Die Schreibrohre wurden bereits angehoben und die Seiten sind schon getrocknet", heißt es bei einem alten muslimischen Rechtsgelehrten. Ismaël will mit seinem Schreiben diesen Prozess wieder umkehren. Dass er dabei mit Allah konkurriert, tant pis! Lautete das erste Wort an den Propheten Mohammed "lies!", so fragt Ismaël: "Warum hieß das erste Wort des Engels nicht 'schreib!'?"

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