Befreiung durch die Sprache der Kolonialmacht

Die Sprache freilich, von der das Überleben abhängt, ist nicht das altehrwürdige Arabisch, das Ismaël in der Koranschule lernt. So sehr es mit magischen Vorstellungen aufgeladen ist und seine eigene Faszinationskraft hat, die in zahlreichen poetischen Beschreibungen von Daoud glaubwürdig vermittelt wird, will es dem Jungen nicht gelingen, sich diese alte Sprache dienstbar und sie wieder lebendig zu machen. Da entdeckt er auf dem Cover eines französischen Kriminalromans eine schöne Frau und muss das Buch lesen, obwohl er nie richtig Französisch gelernt hat.

Volk gegen Staatsgewalt: Polizisten sichern die Demonstration in Algier. Foto: Getty Images/AFP
Seit Wochen gehen die Algerier auf die Straßen, um gegen die Staatsführung zu protestieren. Langzeitpräsident Abdelaziz Bouteflika ist bereits abgetreten. Dennoch fordern die Menschen demokratische Reformen.

Und tatsächlich ist das der große Unterschied zwischen Kamel Daoud und den meisten anderen maghrebinischen Autoren, die auf Französisch schreiben: Er ist nicht damit aufgewachsen, sondern hat es wie eine Fremdsprache lernen müssen. Die ehemalige Kolonialsprache zu benutzen, geht daher für ihn nicht wie etwa für Assia Djebar und andere mit der Trauer einher, dass das Arabische ihm als Literatursprache nicht zur Verfügung steht. Die französische Sprache symbolisiert paradoxerweise gerade die Befreiung.

Aber wie bringt man sich in einem zurückgebliebenen Dorf im algerischen Hinterland eine Sprache ohne Hilfsmittel und Lehrer bei? Mit der Kraft der erotischen Fantasie! "Es reichte aus, noch mehr zu lesen und weiter im Verständnis der Worte voranzuschreiten, um den Körper noch intimer zu berühren und nicht nur das Abbild des Körpers zu empfinden, sondern auch die Emotion!"

Ismaël imaginiert sich als ein Robinson Crusoe der Sprache, der sich auf seiner einsamen Insel die Bedeutungen aus dem angespülten Wort-Strandgut zusammenbaut. Was dabei herauskommt, sieht nur von außen wie gewöhnliches Französisch aus. Innerlich wird es von einem Geist erfüllt, der geradewegs aus dem magischen Sprachverständnis des Koran-Arabisch stammt: "Zwischen der Konjunktion und der Metaphysik gibt es eine Verbindung. […] Schreiben und erzählen ist das einzige Mittel, um in der Zeit zurückzugehen, ihr zu begegnen, sie wiederherzustellen oder sie zu kontrollieren."

Hat die Übertragung der Sprachmagie erst einmal stattgefunden, kann das Französische diese Aufgabe sogar noch besser übernehmen als das Arabische, lautet die Erkenntnis des Erzählers. Zwar stirbt der Vater am Ende trotzdem, mit ihm aber auch das Patriarchat. Hatte die in Traditionen erstarrte Gesellschaft keine Sprache mehr für das, was sie plagt und unfrei macht, so wurde für Ismaël alias Kamel Daoud das Französisch zum Ausdrucksmittel dafür. Magisch genug!

Im Frühjahr 2019, in dem die Algerier mit ihren Protesten den greisen Patriarchen-Präsidenten Bouteflika zum Rücktritt gezwungen haben, könnte man auf den Gedanken kommen, alle Algerier hätten ähnliche Erfahrungen gemacht wie Kamel Daoud. Und natürlich wurde er schon aufgefordert, sich in dieser Übergangsphase auch politisch zu engagieren. Nach eigener Aussage hat er sich vorerst dagegen entschieden. Und warum? Wenn Befreiung bei der Sprache anfängt, hat Kamel Daoud mit diesem von der Sprache besessenen, die (französische) Sprache feiernden Roman allen Leserinnen und Lesern die Schlüssel zur Befreiung selbst in die Hand gegeben.

Stefan Weidner

© Qantara.de 2019

Kamel Daoud: "Zabor", Verlag Kiepenheuer & Witsch, März 2019, 384 Seiten

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